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Film: ES: KAPITEL 2

04.09.2019 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 6. September 2019
ES: KAPITEL 2        
IT Chapter Two / USA / 2019
Regie: Andres Muschietti
Mit: Jessica Chastain; James McAvoy, Bill Skarsgård, Jay Ryan, Bill Hader, James Ransone u.a.

Den Fans braucht man nichts über Stephen King erzählen, die kennen ihn in- und auswendig, und die anderen werden um ihres Seelen- und Nervenheils einen großen Bogen um ihn machen. „It“, zu Deutsch „Es“, erschien 1986 und ist ein voluminöser Thriller, der die Geschichte von sieben Kindern erzählt, die von dem Clown Pennywise terrorisiert werden (an sich eine magische Figur, aber von King als absolut „echter“ Gegner behandelt, kein Phantasieprodukt). Als Erwachsene wiederholt sich für sie 27 Jahre später das Grauen, das in einer fiktiven amerikanischen Kleinstadt namens Derry spielt. Und weil die Filmemacher fast richtig meinten, mit der Handlungsfülle nicht zurecht zu kommen, haben sie „Es“ gesplittet. Die „Kindergeschichte“ kam vor zwei Jahren in die Kinos, jetzt haben wir es mit „ES: Kapitel 2“ zu tun, wo die Erwachsenen (mit vielen, passenden Rückblenden) noch einmal durch die Hölle geschickt werden – satte zweieinhalb Stunden lang. Und die Kinobesucher, die solchen Horror lieben, mit ihnen…

Einst waren sie sieben Teenager, die sich aus der Not zusammen geschlossen haben: Keiner von ihnen zählte im harten Schulhof des Lebens zu den „Starken“, sie waren immer diejenigen, die Prügel bezogen oder gemobbt wurden. Der „Club der Verlierer“ also, und eigentlich hatte nur das einzige Mädchen unter ihnen, Beverly, so etwas wie Mumm und Mut, an dem sich alle anhielten. Als der Clown Pennywise, der Kinder durch Gullys in seine „Unterwelt“ zog, den kleinen Georgie holte, den Bruder von Bill, begann’s… Damals haben die Kinder überlebt. Aber jetzt?

In alle Winde zerstreut, erhalten sie einen Anruf von Mike (der Afroamerikaner Isaiah Mustafa), der einzige von ihnen, der in Derry geblieben ist und dort als Bibliothekar arbeitet: Pennywise ist nach Jahrzehnten wieder da, holt wieder Kinder – und sie haben einander doch einst geschworen, ihn immer wieder zu bekämpfen…

Nun, einer von ihnen, Stanley (Andy Bean), kann die Idee nicht ertragen und bringt sich gleich um (am Ende erfährt man in einem Abschiedsbrief, er habe es getan, um die Freunde zu retten, was nicht so gänzlich logisch erscheint). Keiner von den anderen will wirklich kommen: Nicht Bill, der unzufriedene Drehbuchautor in Hollywood (glänzend: James McAvoy, nicht nur, wenn er in das Stottern seiner Kindheit zurückfällt). Nicht Ben (Jay Ryan), einst der dicke Junge, nun ein attraktiver Mann und Architekt, immer (einst und jetzt) hoffungslos in die rothaarige Beverly verliebt. Nicht Richie (Bill Hader), der vollmundige und doch innerlich und äußerlich so nervöse Comedien. Nicht Eddie (James Ransone), der auch als Banker in der Gegenwart noch so unsicher wirkt wie einst als Kind und sich als Hypochonder an Medikamente hält. Und eigentlich auch nicht die immer so forsche Beverly (Jessica Chastain), die sich von ihrem Gatten verprügeln lassen muss.

Aber sie kommen, nun zu sechst, in Derry zusammen, wo schon beim ersten Treffen in einem chinesischen Lokal die Visionen in Form von grausigen Phantasiegeschöpfen über den Tisch kriechen. Kein Zweifel, Pennywise manipuliert in allen ihren Köpfen herum. Und Regisseur Andres Muschietti hat Mühe, die nunmehrigen End-Dreißiger so einzuführen, dass sie als Personen in den Köpfen der Kinobesucher einigermaßen verankert sind. Was auffällt, ist die glänzende Doppelbesetzung, da man die sechs (damals waren es noch sieben) ja in Rückblenden immer wieder auch als Kinder sieht – und da kann man sich wirklich vorstellen, dass aus jedem von ihnen genau der Erwachsene geworden ist, dem man nun auf der Leinwand begegnet…

Bevor sie sich alle mit durchaus zitternden Knien in jenes Haus begeben, in dem der Kindheits-Schrecken stattfand (das ist dann ein schier endloser Show-Down mit so grauenvollen Effekten aus dem Computer, dass jeder Actionfilm blaß vor Neid werden müsste), wird jeder von ihnen in Derry auf die Spuren der eigenen Vergangenheit geschickt. Denn, merkt’s liebe Leute, alle Komplexe, an denen wir im Lauf unseres Lebens leiden, sind in der Kindheit angelegt…

So findet Beverly in der alten Wohnung die Erinnerung an ihren Vater, der sie seelisch und körperlich gequält hat (wie später der Ehemann, wir haben es am Anfang des Filme gesehen). Da erleben die anderen ihre schmerzlichen Erfahrungen als gemobbte, verächtlich behandelte, missbrauchte Kinder wieder. (Einer, der schon in der Jugend ihr Todfeind war, erscheint als Erwachsener mit nicht minder mörderischen Gelüsten – quasi menschlicher Komplize für Pennywise.) Übrigens, nebenbei gesagt, damit man es nicht übersieht: Der grausig skurrile Antiquitätenhändler, der Bill das Fahrrad seiner Kindheit zurück verkauft, ist Stephen King höchst persönlich.

Immerhin, man muss sagen, dass hier in der Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart geradezu großartige Momente entstehen. Wenn Bill (nicht fragen, warum er in dieser Szene bis zur Brust im Wasser steht, es wäre zu kompliziert zu erklären) plötzlich sein kleiner Bruder Georgie erscheint und dem jungen Bill Vorwürfe macht, er sei nur gestorben, weil dieser nicht mit ihm spielen, sprich: auf ihn aufpassen wollte, und der erwachsene Bill sieht solcherart seine eigene Schuld vorgeführt – da kann man schon Gänsehaut bekommen.

Die anderen Effekte sind weniger subtil, aber in ihrem Grauen wirklich von nachdrücklichster Wirkung, zumal Bill Skarsgård die vielen, vielen Gesichter des Clowns, von lockend-freundlich bis sadistisch-bedrohend, unter der Schminkmaske grandios differenziert. Wie er doch umkommt? Da hat sich Stephen King immerhin etwas Besonderes ausgedacht – wenn reale Waffen nicht funktionierten, muss man geistige Waffen finden…

Natürlich ist das Ganze Horror-Splasher-Holterdipolter, so krass in den optischen und akustischen Effekten wie nur möglich. Man fragt sich immer, warum sich Schauspieler von der A-Klasse wie Jessica Chastain und James McAvoy darauf einlassen können, buchstäblich in Blut zu baden. Aber indem sie das, was sie tun, offenbar völlig ernst nehmen – da lockert keine Ironie die klammerartige Intensität des Geschehens – veredeln sie die Geschichte.

Und indem King ein Meister der Psychologie ist, funktioniert „Es: Kapitel 2“ nicht nur auf der Ebene des technisch schlechtweg brillant gemachten schönen Schreckens, wie ihn Horror-Film-Fans so gern haben, sondern auch auf der menschlichen Ebene … indem man durch die Ängste der anderen auf die eigenen zurückgeworfen wird. Wahrscheinlich macht nicht zuletzt das diesen Film so eindrucksvoll.

Renate Wagner

 

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