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Film: EIN VERBORGENES LEBEN

27.01.2020 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 31. Jänner 2020
EIN VERBORGENES LEBEN
A Hidden Life / Deutschland, USA / 2019
Drehbuch und Regie: Terrence Malick
Mit: August Diehl, Valerie Pachner, Bruno Ganz, Karl Markovics, Tobias Moretti, Johannes Krisch u.a.

Man kann nicht sagen, dass die Nachwelt Franz Jägerstätter (1907 – 1943) Beachtung und Bewunderung verwehrt hätte, im Gegenteil. Ein oberösterreichischer Bauer, der sich aus seiner katholischen Überzeugung heraus weigerte, den Eid auf Adolf Hitler zu leisten, und der dafür seinen Tod in Kauf nahm. Das hat mittlerweile zahllose Bücher ergeben, mehrere Theaterstücke, darunter eines von Felix Mitterer, eine Oper, TV-Filme (darunter von Axel Corti) und Spielfilme, auch eine Website der katholischen Kirche Oberösterreichs. Bendikt XVI., der deutsche Papst, hat Franz Jägerstätter selig gesprochen.

Und dabei ist das, was dieser Mann tat, keinesfalls unumstritten. Denn man hat damals vielfach versucht, Jägerstätter entgegen zu kommen, hätte ihn vom Dienst mit der Waffe befreit, versicherte ihm, dass niemand den Schwur auf Hitler ernst nehmen würde… Aber er beharrte gewissermaßen auf seinem Tod und tat seiner Ehefrau, seiner Mutter, seinen drei kleinen Töchtern damit unsagbares Leid an, was man auch im katholischen Sinn als Pflichtverletzung betrachten kann (da er es ja hätte verhindern können). Die anderen waren ihm nicht so wichtig wie seine Überzeugung. Nicht nur, dass er seine Familie im Dorf zu Außenseitern machte, die entsprechend behandelt wurden, er mutet ihnen auch gewissermaßen sein Schicksal, seinen Tod zu. Kurz, es gibt Menschen, die es mit der großen Bewunderung für Franz Jägerstätter schwer haben.

Was Weltregisseur Terrence Malick für Jägerstätter empfand, dem er einen dreieinviertelstündigen (!) Film widmete, weiß man auch nicht genau. Malick wird seinem Ruf als Schöpfer hoch komplizierter Werke wieder gerecht – nicht, weil er den Film so unverständlich anlegte wie sonst oft. Sondern weil man im Endeffekt eigentlich nur eine Aussage herausholen kann, und die hat nicht so sehr mit Jägerstätter persönlich zu tun…

Was erzählt man nun in sehr, sehr langen dreieinviertel Stunden? Handlungsmäßig nicht allzu viel. (Und gesprochen wird – Englisch…) Es ist die Stimmung, die den Regisseur interessiert hat – und die Landschaft. St. Radegund, Oberösterreich, damals wie heute ein Dorf mit rund 500 Einwohnern. Großteils Bauern wie Franz Jägerstätter. Mit Gattin Franziska (Valerie Pachner) und Schwägerin Resi (Maria Simon), die offenbar von ihrem Mann schmerzlich getrennt ist (es wird nicht viel geredet, man erfährt nicht viel von den Menschen), bewirtschaftet er seinen Hof. Sät und erntet. Kümmert sich um die Tiere. Kleine Mädchen laufen herum. Friedlicher Alltag, der bei aller Schwere der Arbeit von den hier gezeigten Menschen so gewollt wird.

Und die Landschaft. Von der kann Malick, kann Kameramann Jörg Widmer (sonst, weniger anspruchsvoll, meist fürs Fernsehen tätig) nicht genug bekommen. Felder, Wege, bescheidene Bauernhäuser, Wald, Bäche, Wiesen, Wolken, die Berge im Hintergrund. Zu allen Tageszeiten, in allen Farben. In einem alten „Heimatfilm“ hätte man das Zelebrieren solcher Natur-Idylle für kitschig erachtet. Hier ist es Dramaturgie, und man würde nicht wagen, etwas dagegen einzuwenden. Denn ist es nicht das, was dieser Film erzählt: Wie friedliches Leben gänzlich durch die Willkür der Politik zerstört wird (wobei die brutale Realität nur in einigen Wochenschauaufnahmen zitiert wird) ? Darum geht es doch – oder?

Denn der Franz Jägerstätter, der unpathetische Bauer, der hier sein Leben führt, wird in seinem Denken und Handeln nicht wirklich greifbar. Man holt ihn 1940 zum Militär, noch muss er nicht in den Kampf, darf zurück ins Dorf, schließlich ernähren die Bauern das Land. Man sieht, wie er sich an die Kirche wendet – Tobias Moretti als zögerlicher Pfarrer macht schon klar (ebenso wie später seine Vorgesetzten), dass die Kirche nicht auf Widerstande, sondern im Gegenteil auf Koexistenz mit dem Nazi-Regime gepolt ist. Auch im Dorf haben sich die meisten von der neuen Ideologie überzeugen lassen, da ist ein Abweichler nicht erwünscht, hat wenige Gesinnungsgenossen (Johannes Krisch als Müller ist ein solcher). Der Bürgermeister (Karl Markovics) mit Stolz geblähter Brust äußert seine Bedenken. Die Ausgrenzung der Familie beginnt, und als Jägerstätter den Wehrdienst verweigert, wird er verhaftet. Nun zeigt der Film immer wieder – in seiner stillen Art, die nie laut anklagt – , was Frau und Töchter an Verachtung zu ertragen haben…es tut ja so gut, sich an Außenseitern abzuarbeiten, nicht?

Jägerstätter bleibt auch in der Haft still. Hier ist Terrence Malick gewiß nicht schonungsvoll, reizt aber die Brutalität nicht so aus, wie man es oft gesehen hat. Es gibt während des Prozesses, bei dem das Todesurteil gefällt wird (anderes war bei den Nazis bei „Wehrkraftzersetzung“ nicht vorgesehen), eine ergreifende Szene mit dem Richter in Uniform (es war möglicherweise die letzte Rolle des großen Bruno Ganz): Er möchte begreifen, möchte wissen, was diesen Mann antreibt. Der sagt es wieder nicht. Er schweigt. Er schafft es nur, dass der andere sich geniert.

Nun ja – der Kinobesucher hätte gerne den Argumenten zugehört, warum einer, dem man jede Brücke gebaut hätte, sein Leben wegwirft. Aber wenn man es genau nimmt, ist noch jeder (auch etwa Mitterer in seinem Theaterstück) die verbindliche Erklärung schuldig geblieben…

Man sieht nur mit gebührender Bewunderung die unbewegte Miene, mit der August Diehl entschlossen durch sein Schicksal geht. Tun, was er als richtig erkannt hat – allerdings ohne Rücksicht auf die bedeutenden Verluste, auf die menschliche Zerstörung, die er an seinen Angehörigen anrichtete.

Prädikat der Filmbewertungskommission der Länder: Besonders wertvoll.

Renate Wagner

 

 

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