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Film: ECCE HOMO – DER VERLORENE CARAVAGGIO

Der Rockstar der Kunst

24.09.2026 | FILM/TV, KRITIKEN

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Filmstart: 25. September 2026
ECCE HOMO – DER VERLORENE CARAVAGGIO
The Sleeper. El Caravaggio perdido  / Spanien  /  2025
Ein Dokumentarfilm von Álvaro Longoria

 Der Rockstar der Kunst

Die zeitgenössische Kunstszene drehe ich vor allem um lebende Künstler, bemerkt ein Kenner einmal, nur das gelte als cool und interessant. Wolle man mit „alter Kunst“ punkten, benötigte man schon einen ganz großen Namen.

Nun, Caravaggio (1571-1610) ist zweifellos ein solcher, ein tragisches, skandalumflortes  Leben, das die Nachwelt als romantisch empfinden kann, vielleicht ein Mörder (tatsächlich hat er „nur“ einen Mann im Duell getötet, was zu den Risiken der Epoche zählte). Aus höchstem Ruhm in Rom  hinab gestürzt in ein ruheloses Leben, starb er 38jährig vermutlich an Malaria und hinterließ an die 70 Gemälde, von denen viele weltberühmt sind.

Als „Rockstar seiner Epoche“ bezeichnete ihn ein Fachmann. Entsprechend groß war auch das Aufsehen, als 2021 in Madrid ein Gemälde auftauchte, das Experten als „echten Caravaggio“ erkennen wollten, ein bisher unbekanntes Werk des Künstlers.

Die Dokumentation, die sich auf die Spuren dieser Entdeckung setzte, beginnt wie ein Krimi – und geht auch als solcher weiter. Eine dunkle Straße, eine Frau, Zuhause beginnt sie zu telefonieren. Sie hat im Internet den Katalog eines spanischen Auktionshauses entdeckt. Darin wird ein Gemälde als mutmaßlich aus dem Umfeld von José de Ribera angegeben, um 1500 Euro angeboten. Die Kunsthistorikerin aber ist überzeugt: Hier handelt es sich um einen Caravaggio…

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Das Bild zeigt in der Mitte den gepeinigten Jesus mit Dornenkrone und Blut an der Stirn, links unter ihm Pilatus, der ihn offenbar dem Volk zeigt, rechts im Hintergrund neben ihm, halb im Schatten, offenbar den Scherge, der ihm einen roten Umhang auszieht. Vieles, fast alles erinnert an Caravaggio, der auch ein anderes „Ecce homo“-Gemälde geschaffen hat, das wesentlich undramatischer ist als dieses. Hier ist die berühmte Hell-Dunkel-Meisterschaft des Italieners aus dem Frühbarock, die ungeheure Intensität, die viele seiner Werke ausstrahlen.

Aber wie beweist man, dass Caravaggio der Schöpfer ist? Und wenn es nur eine Kopie ist (Caravaggio wurde oft kopiert)? Wenn es von einem seiner Zeitgenossen stammt, die in seinem Umfeld arbeiteten?

Beweisen kann man aus der Distanz von gut 400 Jahren ohne irgendwelche dokumentarische Hinweise gar nichts. Aber die Indizien sind überzeugend – dieser Christus (auf Englisch „The Sleeper“ genannt, weil er die Augen geschlossen hat  – man sieht nur eines, das andere ist im Schatten), muss ein Caravaggio sein

Rund um all die Ereignisse, die sich in den nächsten Jahren um das Bild abspielten, ergab sich ein Glücksfall. Der Regisseur Álvaro Longoria war (ist es vermutlich noch) mit dem Madrider Kunsthändler Jorge Coll befreundet, der von Anfang an zu der Phalanx von Händlern und Experten zählte, die sich um dieses Bild bemühten. Das ermöglichte Longoria, drei Jahre lang die Ereignisse quasi „live“ mit zu filmen. Er interviewte die alte Dame der Familie Pérez de Castro, aus deren Besitz das Bild stammte, er sprach mit allen Beteiligten – und schuf einen schnell geschnittenen Kunstkrimi erster Ordnung, der etwas von der Erregung vermittelt, die durch dieses Caravaggio-Rätsel pulsierte.

Die Geschichte springt von Ort zu Ort hüpft und schafft es dabei immer, in Interviews, Gesprächen, Aussagen Wesentliches über das Werk, über einen gierigen Kunstmarkt, über die Problematik der Experten auszusagen. Denn diese bestimmen letztendlich, was ein Bild wert ist (und bei diesem war bald von Hunderten Millionen von Dollar die Rede), und wenn sie sich irren, ist ihr Ruf für alle Zeit ruiniert. Eine der erquicklichsten Szenen des Films ist jene, wo die Kunsthistoriker erstmals vor dem Original stehen – und was sich in ihren Gesichtern abspielt.

Wenn das ein echter Caravaggio ist, wissen alle, ist das ein „Jackpot“ ohnegleichen. Händler aus aller Welt stehen Schlange, selbstverständlich meldet der Prado den Wunsch an, das Bild zu erwerben (was man sich vermutlich nicht leisten kann). Der Film geht von Madrid nach London, Florenz, Neapel und holt Statements von großer Kompetenz ein. Man erlebt mit, wie das Gemälde restauriert wurde, man sieht als Kinobesucher immer wieder Details, man sieht Vergleichswerke, man kann auf die müheloseste Art viel lernen.

Der Film will seine Krimi-Spannung bewahren, behauptet am Ende, man wisse nicht, was aus dem Bild geworden sein, aber man muss nur KI fragen, um zu erfahren, dass die spanischen Behörden es noch vor der Auktion „gesperrt“ und mit einem Ausfuhrverbot belegt haben. Gekauft hat es ein Brite, der in Spanien lebt und der es dem Prado zur Verfügung gestellt hat. Dort kann man „Ecce homo“ im Hauptgebäude  Sala 7 / Sala 7A finden.

Wer sich nur im geringsten für Kunst interessiert, wird sich in dieses Thema hinein fallen lassen und sich an dem, was er erfährt, nicht sattsehen und satthören können. An diesem Film ist alles echt, und das spürt man auch. Er wird getragen vom Prickeln, das große Kunst erzeugt – und von der Krimispannung, die in der Kunstwelt und in dem Kunstmarkt wohnt.

Renate Wagner

 

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