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Film: DER VERLORENE SOHN

17.02.2019 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 21. Februar 2019
DER VERLORENE SOHN
Boy Erased / USA / 2018
Regie: Joel Edgerton
Mit: Lucas Hedges, Russell Crowe, Nicole Kidman, Joel Edgerton u.a.

Früher waren Außenseiterthemen auf der Filmleinwand selten, wurden gewissermaßen vorsichtig präsentiert, dadurch wirkten sie eindrücklicher und nachdrücklicher. Heute haben sich ehemalige Minderheiten – Frauen, „PoC“ (Persons of Color als positiv konnotierter Begriff für nicht-weiße Menschen, Zitat nach Wikipedia), Homosexuelle – weitgehend und vielfach schmerzhaft ihren Platz in der Gesellschaft erobert. Nun wird schon seit längerer Zeit „aufgearbeitet“, gewissermaßen noch und noch, ehemaliges Unrecht aufgehäuft, angeprangert, tapfer oder weinerlich kommentiert. Also noch ein Film darüber, wie man mit Homosexuellen umging (und möglicherweise noch umgeht) – und gewiß ein erschreckender.

Und wieder eine wahre Geschichte, aufgeschrieben von Garrard Conley, der sich genau dieser „Umerziehungs-Therapie” unterziehen musste, die der australische Schauspieler Joel Edgerton als Regisseur (und Co-Autor des Drehbuchs) nun auf die Leinwand bringt. Joel Edgerton, dem man nie verzeiht, wie schwach er als Ramses II. in Ridley-Scotts Moses-Film „Exodus“ war, übernimmt auch die Rolle jenes Guru-artigen, selbst ernannten Therapeuten, der Jugendlichen mit Psychoterror und religiösen Drohungen ihre Homosexualität austreiben will… Wobei der englische Titel „Boy erased“ (also „ausgelöscht“) das Thema weit mehr trifft als „der verlorene Sohn“, wenn auch da wiederum der Bibel-Bezug stimmt.

Es kommt eine erzählende Stimme aus dem Off, und sie gehört dem jungen Jared Eamons selbst (und Lucas Hedges, eben erst Julia Roberts’ drogensüchtiger Sohn in „Ben is Back“, erweist erneut seine Fähigkeit für Außenseiter, denen man volles Verständnis entgegenbringt): Seine Eltern waren ja so stolz auf ihn. Sein Vater, ein Baptisten-Prediger in einem kleinen Ort in Arkansas, erzählt von der Kanzel, welch wundervolle Familie er hat, die überblonde Mutter strahlt, der als „ehrlich“ gepriesene Sohn weiß nicht, wie er sein Geheimnis verstecken soll…

Er lebt nicht in einer Welt, wo die Eltern ihm auf die Schulter klopfen und meinen, er solle so, wie er ist, bleiben und glücklich sein, als er schließlich stotternd „gesteht“. Nein, die Mutter begleitet ihn in die Institution, die offenbar (angesichts der vielen jugendlichen Insassen) sehr frequentiert ist: Hier sollen Abweichler zurecht gebogen werden. Denn homosexuelle Gefühle sind schuldhaft, selbst gewählt, beleidigen Gott und die Gesellschaft, sagt Oberprediger Victor Sykes, den Joel Edgerton selber spielt. Versteckt seine Härte und Grausamkeit unter einer Suada des Verständnisses. Trieft vor Wissen darüber, was Gott will. Setzt die Jugendlichen härtestem Psychoterror aus. Lässt sie (männlich und weiblich) vor versammelter Mannschaft ihre Sünden beichten… das sind grausame Szenen, auch wenn es nur am Rande zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt (wenn die Jungen etwa zu „echten Männern“ erzogen werden sollen…).

Man erlebt das mit den Augen von Jared. Man sieht auch, mit einiger Befriedigung, wie sich mancher dieser jungen Menschen mit List und Tücke der Gehirnwäsche widersetzt („Fake it and you make it.“). Wenn man sich reuig zeigt, auf die Knie fällt, versichert, man wolle es nie wieder tun, wenn man  sich erwacht, erleuchtet, gerettet nennt, abgestoßen von dem, was man getan hat – was will Sykes machen? Wie will er die Lüge beweisen, auch wenn er sie genau erkennt?

Der Film läuft äußerst langsam, wobei man ihm dankbar sein muss, das Problem nicht vordergründiger zu dramatisieren als es ohnedies ist. Immer wieder will Jared weg, aber der Vater befiehlt am Telefon, er möge durchhalten. Wenn Jared dann doch wegläuft und die Mutter ihn holt, dann widersetzt er sich eigentlich nur anhaltender Sekkatur, die ihm alles Mögliche einreden will („Nein, ich hasse meinen Vater nicht!“). Dass der Junge, mit dem er sich hier eingelassen hat, später Selbstmord begeht… da ist Jared schon wieder draußen. Mutters Einsicht hat es möglich gemacht. Er könne sich ausnahmsweise auf sie verlassen, sagt sie: „I will handle your father“.

Jared ist alt genug, seine Koffer zu packen. Man sieht ihn, Schnitt, als hoffnungsvollen Autor in New York. Die finale Auseinandersetzung kommt noch: Edgerton konnte die Eltern für einen Film, der keinesfalls Mainstream ist (und auch in den USA keine nennenswerten Einspielergebnisse zu verzeichnen hat), ungewöhnlich hoch besetzen. Zumindest von Nicole Kidman weiß man, dass ihr die richtige Darstellung wichtiger Themen unter den Fingern brennt. Wie sie aus dem blonden gelockten Herzeige-Frauchen, das anfangs so künstlich wirkt, die Mutter schält, die über den Mann und seine Vorurteile hinaus geht, ist meisterlich.

Nicht minder großartig Russell Crowe, der die Saturiertheit des Vaters auch durch Leibesumfang andeutet, aber die Figur keinesfalls geradeaus negativ zeichnet: Der Mann hat seine lebenslangen Überzeugungen, er kann über seine Prägungen nicht hinweg. Wenn am Ende versucht wird, über den Abgrund eine Beziehung zu dem Sohn herzustellen, ist das nicht kitschig, sondern es berührt. Ein Hoffnungsschimmer auf menschlicher Ebene. Es gibt Wichtigeres als eherne Überzeugungen…

Im Nachspann gibt es wieder einmal die Familienfotos der Menschen, die dies im wahren Leben erlebt und durchlitten haben. Aber falls man im stickigsten Trump-Amerika noch immer glauben sollte, man könne sexuelle Veranlagungen „umerziehen“ – dann hilft der Film vermutlich auch nicht wirklich. Denn werden diejenigen, die so denken, hineingehen?

Renate Wagner

 

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