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Film: DEATH OF A LADIES‘ MAN

10.08.2021 | FILM/TV, KRITIKEN

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Filmstart: 13. August 2021 
DEATH OF A LADIES‘ MAN
Kanada, Irland  /  2020
Drehbuch und Regie: Matt Bissonette
Mit: Gabriel Byrne, Brian Gleeson, Jessica Paré, u.a.

Es beginnt mit Karacho, eine klassische, aber für alle Beteiligten unangenehme Situation: Der Ehemann kommt unvermutet nach Hause und findet seine (jüngere) Frau (Carolina Bartczak)  mit einem sehr jungen Mann nackt im Ehebett.

Alles klar, Scheidung, schon die zweite für den trinkfesten und selbst selten treuen Samuel O’Shea (Gabriel Byrne trägt den Film mit müheloser Selbstverständlichkeit). Und ein Zeitpunkt in seinem Leben, um inne zu halten, zumal er auch – wie man bald darauf bei einem Besuch bei seiner Ärztin (Pascale Bussières) erfährt – an einem inoperablen Gehirntumor leidet. Wie lange noch? Ein paar Monate, vielleicht ein Jahr… Wohl kaum genug Zeit, um noch schnell den großen amerikanischen Roman zu schreiben.

Scheinbar schwere Endzeitstimmung in diesem Film, den der kanadische Autor und Regisseur Matt Bissonette sich ausgedacht hat, nicht zum ersten Mal in seinem künstlerischen Leben inspiriert von Leonard Cohen als Figur und Songschreiber. Wenn ein Mann, der nicht mehr jung ist, aber auch kein Greis, Bilanz zieht, ist das traurig, aber Bissonette gibt dem Ganzen auch eine leicht schwarzhumorige Schlagseite. Vor allem, wenn plötzlich Sams seit langem verstorbener Vater Ben (Brian Gleeson) am Küchentisch auftaucht und spürbar jünger ist als der Sohn …

Denn der Gehirntumor verursacht Halluzinationen, und die Herausforderung an den Kinobesucher besteht nun darin, zu unterscheiden, was von dem, was man sieht, wirklich ist – und was sich nur in Samuel O’Sheas Kopf abspielt. Er ist Literaturprofessor an der Uni, und plötzlich scheinen sich seine Schüler höchst aufmüpfig zu benehmen. Aber tun sie es wirklich?

Die Begegnung mit seinem eigenen Sohn Layton (Antoine Olivier Pilon), ist echt, dessen Ankündigung, sich verliebt zu haben (in einen Mann, aber das ist heutzutage ja nichts Besonderes), erzeugt die Frage bei unserem Helden, ob er wohl je geliebt hat? Was seine Tochter Josee (Kerelle Tremblay) betrifft, so merkt man im Kinosessel eher als der Papa, dass mit ihr etwas nicht stimmt, von Kokain abhängig, vielleicht zu spät, etwas zu tun. Da könnten die Gespräche mit dem toten Vater für den Sohn schon befriedigender sein, der allerlei Fragen beantwortet haben will – warum hat Mutter uns verlassen? Dass der Vater meint, er wisse es nicht, wird zum Ärgernis: Du bist ein verdammter Geist, Du musst es wissen!

Das alles ist aber keine Achterbahnfahrt, sondern ein Schlendern zwischen Realität und sanftem Wahn, wo die Kellnerin im Restaurant plötzlich ein Katzengesicht hat… Und da ergibt sich noch die Romanze mit Charlotte Lafleur (Jessica Paré), von der man sich so sehr wünschen möge, sie sei „echt“, aber den Verdacht hat, sie fände auch nur in seinem Kopf statt? Nun, der Regisseur ist anständig genug, uns zu sagen, was Sache ist. Und auch liebenswürdig genug, dem langsamen Absterben eine gewissermaßen absurde Glorie zu verleihen, die die Verzweiflung über ein Leben als „lange Folge von Fehlern“ in Schach hält. „Human mind is a strange, wonderful, terrible thing“, sagt ein College-Kollege irgendwann.

Einmal geht der Tod im langen schwarzem Kapuzen-Gewand mit einer Sense hinter Sam her, er weiß es und schiebt ihn mit einer Bewegung weg wie eine Lästigkeit – ein Motiv, das auch Woody Allen in seinem bisher letzten Film „Rifkins Festival“ (der vielleicht nirgends je laufen wird?) benützt hat, dieser als bewusstes Zitat von Ingmar Bergman (und Christoph Waltz darf den Tod spielen, der von einem argumentationsstarken alten Juden in Verwirrung gesetzt wird). Auch in diesem Film ist der Tod nicht wirklich Sieger – und doch, wohin gehen der Vater und der Sohn am Ende? „Walking home“ klingt nicht verzweifelt, und der Regisseur hält daran fest, ein tragisches Thema dann doch eher leicht zu behandeln…

Dennoch  bleibt man mit einer rückbezüglichen Ungewissheit zurück – wie viele unbeantwortete Fragen wird man einst haben, wie viele Illusionen wird man sich machen, wenn es mit einem selbst zu Ende geht?

Renate  Wagner

 

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