Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Film: CRESCENDO – #MakeMusicNotWar

04.10.2020 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 9. Oktober 2020
CRESCENDO – #MakeMusicNotWar
Deutschland, Österreich, Italien / 2019
Regie: Dror Zahavi
Mit: Peter Simonischek, Bibiana Beglau, Daniel Donskoy u.a.

Man kann absolut nicht sagen, dass es das nicht gegeben hat – den Versuch, Israeli und Palästinenser unter dem großen Dach der angeblich alles vereinigenden Musik zusammen zu bringen (Daniel Barenboim ist es sogar gelungen). Hier ist es Klara De Fries, die elegante Dame einer Stiftung (Bibiana Beglau, mittlerweile als Burgtheater-Star bekannt), die auf diese Idee kommt und den berühmten Dirigenten Eduard Sporck (Peter Simonischek, wieder in einer seiner eindrucksvollen Altersrollen) dafür gewinnen will. So ein „gemischtes“ Jugendorchester würde doch einen politischen Verhandlungsgipfel in Südtirol kulturell und ideologisch bestens schmücken…

Sporck will eigentlich nicht (später erfährt man, wenn sich das Drehbuch dann fast zu viel auflastet, dass beide seiner Eltern SS-Ärzte in Lagern waren), aber um der guten Sache willen… Einfach ist das nicht, auch nicht für die Beteiligten: Szenen, die nach Israel blenden, zeigen, dass sowohl jüdische wie muslimische Eltern entsetzt sind, wenn ihre Musiker-Kinder planen, sich dort zu bewerben. Wenn sie aber dann in Südtirol an Ort und Stelle sind, kann es schon sein, dass man sich – die Geschlechter ziehen sich an – über den Abgrund, an dem sie zu leben gelernt haben, anlächeln…

„Sprechen wir nicht über Politik, wir sind für die Musik da“, säuselt Frau de Fries – als ob das so einfach wäre. Der israelische Regisseur des Films, Dror Zahavi, weiß, wovon er redet, wenn er auch seit langem in Deutschland lebt und meist „Tatorte“ inszeniert. Dieser Film ist seine Herzensangelegenheit – können junge Israeli und Palästinenser sich verständigen? Sie können nicht. Vor dem Musik machen, müssen sie über einander herfallen, sich (berechtigte) Vorwürfe von der Seele schreien, darüber, wie ihre Großeltern enteignet und von ihrem Besitz vertrieben wurden, darüber, wie Angehörige unter Terror starben…

Es ist eine vibrierende Atmosphäre, in der Eduard Sporck eigentlich vor allem Musik machen will und nur an der Qualität interessiert ist – aber alle Diskussionen ufern aus, gehen über Musik hinaus, landen beim Haß, den beide Parteien gegen einander hegen. Wenn sich dann die Jüdin und der Palästinenser in einander verlieben und sogar gemeinsam fliehen werden… dann gerät die Geschichte, die so viel Bitterkeit in sich trägt, in billigere Pfade (obwohl auch solche Romeo- und Julia-Geschichten natürlich möglich sind, nur wirkt es hier eher aufgepfropft, um die Handlung kino-gefälliger und dramatischer zu machen).

Der Regisseur weiß wohl, dass die „Psycho-Arbeit“, die der Dirigent aufwendet, um seine jungen Musiker auf einer anderen Ebene zusammen zu bringen, vergeblich ist. Es ist ein in seiner spürbaren Verzweiflung stellenweise ergreifend schöner Film, der letztlich an seinem Thema scheitert. Predigen nützt so wenig wie aufgesetzte Dramatik (wo es sogar ein Todesopfer gibt).

Wenn die jungen Leute am Ende am Flughafen (!) doch noch ihre Instrumente heraus holen und gemeinsam, Juden hier, Palästinenser dort, den „Bolero“ von Ravel spielen, ist das zwar sehr gut gemeint und bringt vielleicht sogar zum Weinen – aber dann ist das Thema schon total verkauft. Aber man trauert mit dem Regisseur – denn wo ist die Lösung dessen, was er darzustellen versucht?

Am überzeugendsten jedenfalls ist die Dame der Stiftung, Klara De Fries: Als sie merkt, dass das friedliche Orchester nicht klappen kann und man die Leute wieder heimschickt, dreht sie sich ohne weiteres um und wendet sich dem nächsten Projekt zu, es wird um Malaria gehen… Und das ist, in seiner grausigen Gleichgültigkeit, das Überzeugendste, was man hier sieht.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken