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Film: CAN YOU EVER FORGIVE ME?

17.02.2019 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 22. Februar 2019
CAN YOU EVER FORGIVE ME?
USA / 2018
Regie: Marielle Heller
Mit: Melissa McCarth, Richard E. Grant u.a.

Denkt man an die bisherigen, stets grobkalibrigen Komödien, in die Melissa McCarthy ihre üppige Figur und ihren Hang zum Ordinärsein hineinwarf, war sie gewiß kein „Oscar“-Material. Umso erstaunlicher, sie diesmal auf der Liste zu finden (wo andere große Namen fehlen): Aber keine Frage – sie hat es verdient. Ihre Leistung in einem Literatur-Krimi mit dem Titel „Can You Ever Forgive Me?“ (ein Dorothy-Parker-Zitat) ist wirklich und wahrhaftig bemerkenswert.

Schon wieder eine wahre Geschichte – wenn Hollywood nicht irgendwelche Comic-Gestalten als Realmenschen auf die Leinwand schickt, kauft man Bücher, in denen ungewöhnliche Schicksale erzählt werden, wobei diese gar nicht sonderlich ehrenwert sein müssen. Nun ja, in der Kunst hat man ja immer die besondere Vorliebe für „Abweichler“ gezeigt, das gehört dazu (während das normale Leben von normalen braven Menschen bestritten wird…). Solcherart ist Mrs. Lee Israel interessant – weil sie sich gewehrt hat. Und weil sie immerhin eine besonders Geschäftsidee hatte.

Lee Israel (1939-2014) gab es wirklich. Sie war, wie so viele vor ihr und nach ihr, eine nicht sehr erfolgreiche Schreiberin, die sich nach Promi-Porträts in Zeitschriften der Tätigkeit einer Biographin hingab. Sie schrieb über Tallulah Bankhead und Dorothy Kilgallen, die beide schon tot waren, und über Estée Lauder, die nicht sehr erfreut war, weil sie noch lebte und ihre eigene Autobiographie vorlegen wollte. Ihr Buch wurde ein Erfolg, das von Lee Israel nicht, und man begegnet ihr in dem Film, wenn sie bereits dermaßen am absteigenden Ast ist, dass sie ihre Miete nicht mehr zahlen kann, nicht die Rechnung des Tierarztes für ihre Katze und kaum noch einen Drink in der Bar. Melissa McCarthy, schäbig gekleidet, mit Brille, zeigt ein so müdes Gesicht, eine so ausgelaugte Persönlichkeit, dass man versteht: Die Frau ist am Ende.

Als sie uneingeladen bei einer Party ihrer Agentin auftaucht, die ihre Anrufe nicht mehr erwidert, sagt ihr diese ein paar Wahrheiten. Warum bekommt Tom Clancy drei Millionen Dollar Vorschuß für ein Buch, und warum will niemand eine Biographie von Fanny Brice lesen (auch wenn die Streisand sie als „Funny Girl“ gespielt hat?). Weil niemand Lee Israel kennt, und wer sie kennt, begegnet einer verwahrlosten Person, die jedermann nur wild attackiert und nie gelernt hat, was Höflichkeit und Umgangsformen sind. Eine 52jährige, die ihre Katze mehr liebt als Menschen, und die sich durch ihr Benehmen aus jeder normalen Gesellschaft hinausmanövriert hat. Geh hinaus und finde was anderes, um Deinen Lebensunterhalt zu verdienen, sagt die Agentin. Und basta.

Lee Israel, die in einer Bar Jack Hock trifft (eine, wenn auch in üblichen Bahnen laufende Glanzleistung von Richard E. Grant), Außenseiter wie sie, am Rand der Kriminalität, schwul (sie ist lesbisch), so verarmt, dass er irgendwann bei ihr am Fußboden schläft, hatte nun den Geschäftseinfall, der sie immerhin einige Zeit lukrativ über Wasser hielt. Ein echter Promi-Brief brachte sie auf die Idee, einen falschen zu dichten, man musste nur aufpassen, dass Papier und Schreibmaschine und nachgemachte Unterschrift „stimmten“, dann konnte sie in einen in New York ziemlich breiten Markt einsteigen: in den der Literaturliebhaber, die leidenschaftlich „Originale“ sammeln.

Und hier ist dann auch jener Knackpunkt des Films, wo klar wird, dass diese Lee Israel Talent, Bildung und Verstand hat, dass sie von sich sagen kann, „ich bin die bessere Dorothy Parker als Dorothy Parker“, wenn sie Briefe erfindet, die so lebendig und klug sind, dass die Kenner entzückt nach immer mehr verlangen. Da ergibt sich auch eine zarte, nicht ausgeführte Liebesromanze mit einer jungen Buchhändlerin, die auch so viel Sinn für Dichtung und Dichter hat… und natürlich selbst schreibt.

Lee erdichtete kühn auch Briefe von Marlene Dietrich oder Noel Coward… und irgendwann konnte es nicht mehr gut gehen. Wenn sie im Schwung der Begeisterung etwa Noel Coward über seine Homosexualität schreiben ließ und ein Coward-Sammler und –Kenner wusste, dass das nicht stimmen konnte, dass der Autor sich nie dem Risiko ausgesetzt hätte, seine (damals noch strafbaren) Neigungen dem Papier anzuvertrauen… ja dann ist sie schnell am  Ende ihrer lukrativen Geschäftsbeziehungen.

Lee, die von ihren Kunden schnell fallen gelassen wurde, versuchte, echte Dichterbriefe aus den Nachlässen von Bibliotheken zu stehlen und durch ihren zwar großmäuligen, aber ungeschickten Freund Hock verkaufen zu lassen: Aber da war es schon zu spät, das FBI war auf ihrer Spur, Hock gab sie preis, um seine eigene Strafe zu verringern, und Lee landete vor Gericht… Die echte Lee Israel hat – wenn man ihren Memoiren glaubt – nie Reue gezeigt. Melissa McCarthy muss die moralischere Version spielen und das Verbrechen der Fälschung eingestehen.

Man war (im Leben) milde mit ihr, fast endet der Film, den Regisseurin Marielle Heller kaum als Krimi, hingegen sehr als wundersames Charakterporträt aufblättert, zu betulich. Wenn da nicht doch noch ganz am Ende eine Pointe wäre, die dem Nebenproblem des Films – die Gier nach „Originalen“ von Berühmtheiten, nach dem hoch bezahlten „Human Touch“ – humorvoll abgewonnen ist.

Und Melissa McCarthy – ja, wunderbar. Möge sie ihr Talent nie wieder auf dumme, geschmacklose Lustspiele verschwenden wie bisher.

Renate Wagner

 

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