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Film: BLUE MOON

Kleiner Mann – ganz groß

29.03.2026 | FILM/TV, KRITIKEN

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Filmstart: 26. März 2026
BLUE MOON
USA  /  2025
Regie Richard Linklater
Mit: Ethan Hawke, Margaret Qualley, Andrew Scott u.a.

Kleiner Mann – ganz groß

Eben erst kam „Nouvelle Vague“ von Regisseur Richard Linklater in die Kinos, eine ebenso sensible wie humorvolle, stimmungsstarke und intelligente Darstellung von Regisseur Jean-Luc Godard und drt Entstehung seines Films „Außer Atem“. Nun ist der Film da, den Linklater davor gedreht hat – „Blue Moon“, so sensibel, stimmungsstark und intelligent wie der andere Film, nur um einen Hauch tragischer. Die Geschichte von Lorenz Hart ist – dank der Persönlichkeit des Protagonisten –  noch pointiert genug, um für eine brillante Tragikomödie durchzugehen, aber der Trauerrand ist stets zu fühlen..

Wahrscheinlich kennen unendlich viel mehr Leute seinen größten„Schlager“, nämlich „Blue Moon“, als den Mann, der ihn getextet hat. Lorenz Hart (1895 -1943), Sohn deutsch-jüdischer Einwanderer, war unterdurchschnittlich groß (also sehr klein), unscheinbar, homosexuell, alkoholkrank, also niemand, dem man in den USA in der ersten Hälfte des vorigen Jahrthunderts große Chancen eingeräumt hätte. Aber er war ein brillanter Schreiber und Formulierer, und was Komponist Richard Rodgers von ihm vertonte, ging in die Hundertschaften von Songs, die das Siegel „Rodgers & Hart“ geradezu als Markenzeichen trugen.

Doch irgendwann war der Zauber vorbei, und Richard Linklater wählte für sein Biopic einen bestimmten Abend, den er in Echtzeit nachfilmte und in dem er den ganzen Lorenz Hart auferstehen ließ. Es war der 31. März 1943 (Hart starb im November desselben Jahres, den Tod hat Linklater sozusagen als diskretes Vorspiel zu seiner Geschichte eingebracht). An diesem Abend, wo man sich in New York mitten im Krieg seine strahlende Broadway-Welt nicht nehmen ließ, wurde das Musical „Oklahoma“ uraufgeführt, und was Rang und Namen hatte, traf sich im Promi-Lokal Sardi’s, in dem sich an diesem einen Abend alles verdichtet, was es zu Hart zu sagen gibt.

Der Mann, der eine Berühmtheit ist, den jeder kennt und der das große Wort führt, witzig, brillant, treffsicher – der ist  am Ende. „Oklahoma“ ist kein Werk von Rodgers & Hart, sondern von Rodgers & Hammerstein, die an diesem Abend als eines der erfolgreichsten Duos der Musical-Geschichte debutieren. Das weiß Hart im vollen Ausmaß noch nicht, Er wird deren Erfolgs-Run mit Carousel (1945), South Pacific (1949), The King and I (1951) und The Sound of Music (1959) nicht erleben, aber er weiß, dass seine Zusammenarbeit mit Rodgers zu Ende ist – auch aus seiner Schuld.

Es ist eine schmerzhafte Szene, wenn er den alten Gefährten (großartig Andrew Scott als Richard Rodgers) geradezu um eine weitere Zusammenarbeit anbettelt und von diesem halb mitleidsvoll, halb peinlich berührt stehen gelassen wird.

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Hat Hart, der immer im Zentrum des Geschehens bleibt, zuerst mit dem Barkeeper und anderen einschlägigen Bekannten unterschwellige Schwulen-Anspielungen geteilt, kommt es gegen Ende dann zur wahren tragischen Pointe. Denn man stellt ihm eine schöne Blondine vor (Margaret Qualley ist vielleicht nicht ganz so jung, wie sie sein sollte, aber voll Takt und Gefühl), und in diese Elizabeth Weiland verguckt sich die schwule Edelfeder total, obwohl er natürlich ahnt, dass er hier nichts erreichen wird – was sie ihm freundlich auch sagt, gleichzeitig aber ihre volle Bewunderung für ihn glaubhaft macht… Man nennt so etwas „bittersüß“, und dass es nicht kitschig wird, ist ein Regie-Meisterstück für sich.

Es ist der Film des Ethan Hawke, der schon seit Jahrzehnten (als er noch ein milchgesichtiger schöner Jüngling war)  des öfteren mit Linklater zusammen gearbeitet hat (darunter in den Before Sunrise / Before Sunset /: Before Midnight Filmen). Das Lorenz Hart-Projekt speziell für Hawke hatte Linklater, wie er sagte, lange im Sinn, und er wartete, bis dieser alt genug war für die Rolle. Nun, mit Mitte 50, bereit sich eine Glatze unter das Toupet scheren zu lassen und den „kleinen Mann“ zu spielen, weiß man, warum Linklater gewartet hat. Es gab lange keine schauspielerische Leistung auf der Leinwand, die so fasziniert hat, die den Subtext der Gefühle unter der gezeigten Fassade so deutlich macht, dieses Gefühl und Bewusstsein des Untergangs, das man auf keinen Fall zeigen darf, obwohl man manchmal vor Verzweiflung schreicn möchte…

Ethen Hawke wurde als bester Hauptdarsteller sowohl für den „Golden Globe“ wie für den „Oscar“ nominiert, hat beide Auszeichnungen nicht bekommen (dafür einige andere). Wer eine Antenne für große Schauspielkunst hat, die sich direkt ins Herz und die Seele des dargestellten Menschen vorarbeitet, wird Ethan Hawke als Lorenz Hart nicht vergessen.

Und jetzt wartet man auf das nächste biographische Meisterstück von Richard Linklater…

Renate Wagner

 

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