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Film: BEALE STREET

01.03.2019 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 8. März 2019
BEALE STREET
If Beale Street Could Talk / USA / 2018
Regie: Barry Jenkins
Mit: KiKi Layne, Stephan James, Regina King u.a.

James Baldwin war die wichtigste literarische Stimme des schwarzen Amerika, nicht zuletzt, weil er die Probleme aus seiner Sicht sah und darstellte. Auch in seinem Erfolgsroman „If Beale Street Could Talk“ (wobei „Beale Street“ in höherem Sinn der Raum war, wo schwarze Amerikaner aufwuchsen). Wenn man „Green Book“ nun – eigentlich völlig zu Unrecht – vorwirft, die Geschichte sei aus „weißem Blickwinkel“ betrachtet, so könnte man zu Baldwin sagen, dass auch die Sicht der „bösen Weißen, verfolgten Schwarzen“ zumindest schlicht ist in der Einseitigkeit. Aber das ist eine Diskussion, auf die man sich heutzutage nicht einlassen will. Man erkennt eine schöne Geschichte, wenn man sie sieht. Und ganz unkritisch ist sie ja auch nicht.

Regisseur Barry Jenkins, selbst Afroamerikaner, weiß, wie man das macht, schließlich hat er für „Moonlight“ 2017 den „Oscar“ als besten Film gewonnen, ein Thema, das der Baldwin-Story zumindest in der Gesellschaft, in der es spielte, verwandt war. Nun muss er eine Liebesgeschichte erzählen, die nur so tragisch ausfällt, weil die Weißen böse sind: Ein Polizist (Ed Skrein), der an ‚Fonny‘ Hunt (Stephan James) und Tish Rivers (KiKi Layne), einem unschuldsvollen schwarzen Pärchen, sein Mütchen kühlen will, von einer alten weißen Frau, die für sie eintritt (immerhin) zurückgeschlagen wird, auf Rache sinnt und sie auch bekommt – auf die übelste Art und Weise. Als eine junge Latina (Emily Rios) klagt, vergewaltigt worden zu sein, führt man ihr Fonny als „Täter“ vor, legt ihr nahe, ihn zu erkennen, nimmt ihn fest. Und weil sie gleich darauf nach Kuba verschwindet, haben Fonnys Angehörige keine Chance, die Anklage zu entkräften…

Das ist die Voraussetzung für die Geschichte, die in vielen Zeitebenen (und diese durcheinander gewirbelt) erzählt wird, wobei die Stimme von Trish kommentierend aus dem Off erklingt. Es ist die Welt der siebziger Jahre (Baldwin schrieb den Roman 1974, als „Zeitdokument“), wo die weiße Vorherrschaft noch weitgehend ungebrochen und Willkür gegen rechtlose Schwarze an der Tagesordnung war. In Rückblenden gibt es die Liebesgeschichte zweier blutjunger Menschen, von Trish, die in einem „weißen“ Laden Parfum verkaufen (und die lüsternen Männerblicke ertragen) darf, und von Fonny der Bildhauer ist, Künstler, also etwas „Besseres“. Was niemanden daran hindert, ihn wie Dreck zu behandeln und wegzusperren. (Und wie schlimm es im Gefängnis zugeht, wird auch erzählt – allerdings nicht zum ersten Mal in Literatur und Film…)

Wie vergeblich und verzweifelt die schwangere Trish, die in ihrer Liebe nie schwankend wird, und ihre Familie versuchen, Fonnys Unschuld zu beweisen, nimmt einen großen Teil des Films ein. Regina King hat Trishs Mutter, die sogar nach Kuba zur vergewaltigten Frau fliegt, um sie zum Überdenken ihrer Aussage zu bringen, so überzeugend gespielt, dass sie den Nebenrollen-„Oscar“ bekam. Auch Trishs Vater Joseph (Colman Domingo) zählt zu den Menschen mit großem Herzen.

Allerdings ist Baldwin nicht farbenblind, nicht alle PoC (Person of Color) sind a priori „gut“ und anständig. Er zeichnet Familienfehden zwischen den Angehörigen des Liebespaares, wobei vor allem die frömmelnde Mutter von Fonny (Aunjanue Ellis) offenbar der schwangeren Trish an allem die Schuld geben will und keinerlei Sympathie für die junge Frau hegt, die ihren Sohn so liebt… während ihr Mann (Michael Beach) verständnisvoller agiert.

Wenn gegen Ende der aussichtslosen Geschichte Trish wieder einmal zu Fonny auf Besuch kommt, dann ist ihr gemeinsamer kleiner Sohn schon an die fünf Jahre alt und hat seinen Vater nie außerhalb des Gefängnisses erlebt. Da wir wissen, dass Fonny unschuldig ist und es vielen seiner Leidensgenossen chancenlos genau so gegangen ist, wirkt das als Anklage – obwohl der Regisseur den Film sehr zurückhaltend, gewissermaßen schlicht führt – ebenso wie die dichte Liebesgeschichte des schwer geprüften Paares, die man mit angesehen hat.

Vielleicht würde man es, spielte es in einem anderen Milieu, zu kitschig finden, aber hier sind doch in ihrer Ruhe starke Bilder für einen damals immerwährenden Rassismus gefunden worden. Dass dieses Thema, dass „Beale Street“ als ihr Erbe, allerdings nicht einmal die schwarze Bevölkerung der USA ausreichend interessiert hat, entnimmt man den moderaten Einspielergebnissen… Vielleicht ist es, bei aller inneren Spannung, auch ein zu stiller Film.

Renate Wagner

 

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