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Film: AUFBRUCH

01.03.2019 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 8. März 2019
AUFBRUCH
Österreich / 2018
Drehbuch, Regie und Hauptrolle: Ludwig Wüst
Mit: Claudia Martini

Man hat die Aussage des Regisseurs / Drehbuchautors / Hauptdarstellers Ludwig Wüst (in Wien lebender gebürtiger Bayer) zu seinem Film „Aufbruch“: Wenn sich hier ein Mann einer fremden Frau annimmt, schreibt er, so hätte man dafür vor 2000 Jahren schon das Wort „Nächstenliebe“ erfunden… Das klingt sehr schön und nach einer edlen, einfachen Geschichte. Erzählt man sie nur nach, könnte es eine solche sein.

Eine alte Frau mit Koffer setzt sich am Straßenrand auf eine Bank. Hat einen Wutausbruch, spricht ihn auf den Anrufbeantworter eines Handys. Offenbar hat sie in einem Kuvert Geld bekommen, sie will es nicht – später ahnen wir, wofür. Ein knallgelbes, dreirädriges Auto (ein Blick, der eine Komödiensituation verspricht) nähert sich, fährt vorbei, hält dann doch. Ein alter Mann nähert sich der alten Frau, sie will mitgenommen werden.

Die Roadmovie-Situation hält kurz an, sie fahren zu einem leeren Haus, später erfahren wir nebenbei (viele Informationen kommen wie nebenbei, die meisten kommen gar nicht), dass es gegen ihren Willen verkauft wurde und abgerissen wird. Sie fahren weiter, bis das Auto zusammen bricht. Die beiden reden kaum miteinander, nur einmal bricht der Mann in einen Monolog über seine tragischen persönlichen Verhältnisse aus. Dann landen sie auf einem Fluß (?) mit einem Boot, die Frau stirbt, der Mann bleibt zurück, findet wie durch Zufall in der Handtasche der Frau das Geld… das war’s.

Als Geschichte schon seltsam genug, in der Machart noch seltsamer. Denn Ludwig Wüst macht die an sich einfache Handlung durch jede Menge pathetischer Aktionen, die nach absichtsvoller „Literatur“ klingen, schlechtweg unnatürlich. In dem einsamen Haus liegt ein unvollendetes Kreuz, der Mann entpuppt sich als Tischler, stellt es fertig, es wird mitgenommen. Die Frau beginnt, in dem leeren Haus eine Wand zu weißen (!?), der Mann kriecht in einen Mistkübel, holt ein Foto heraus, das er kreuz und quer zusammenklebt. Später zertritt er den Koffer der Frau (!), sie schreibt in ein Tagebuch, ein Zug fährt vorbei, er wirft ihre eingewickelte Leiche ins Wasser…

Was soll es bedeuten? Man hat wenig Text bekommen (und keine psychologische Glaubwürdigkeit in dieser seltsam-wortlosen Gemeinschaft), aber viele Geräusche, nicht nur normal aus der Umwelt kommen (wie Verkehr) – aus dem knirschenden Abbeißen und Kauen von Äpfeln wird eine eigene Szene gemacht… sehr her, hört her, wie großartig ich das mache?

Vielleicht muss man für diesen Film eine wahre Cineasten-Ader haben, die Kritiken waren teils hymnisch. Wüst selbst und Partnerin Claudia Martini exekutieren, was „Verzweiflung, Schmerz, Trauer und Einsamkeit“ zeigen soll (Pressetext), man fand Subtext, tiefe Symbole, Mystisches und Archaiisches, Meisterschaft des kinematografischen Minimalismus, geschundene Seelen, und es soll nicht verschwiegen werden, dass dies als „Perle von einem Film“ gerühmt wurde.

Wer nicht sensibel genug ist (oder auch nicht bereit), diese (angeberisch künstliche) Zwiebel zu schälen, bleibt als Zuschauer offenbar auf der Strecke…

Renate Wagner

 

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