
Filmstart: 18. September 2026
ADAMS ACHT
Deutschland / 2026
Regie: Hannu Salonen
Mit: Oliver Masucci. Felix Kammerer, Heino Ferch u.a.
Das Wunder von Ratzeburg
„Adams Acht“ ist ein Titel, den man gar nicht auf Anhieb versteht. Adam allein ist ja im Bewusstsein immer noch der biblische, und „Acht“ – worauf soll er achtgeben? Oder ist das ein Synonym für „geächtet!? Nichts von alledem.
Ist man in dem Film, weiß man schnell, dass es um eine Achtermannschaft in einem Boot geht, die Karl Adam (1912-1976), seines Zeichens Mittelschulprofessor für Mathematik, Physik und Philosophie (welch interessante Zusammenstellung) in den Nachkriegsjahren im Mini-Ort Ratzeburg in Schleswig-Holstein zu einer Mannschaft formen konnte, die im Jahr 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom Gold für Deutschland holte… eine kaum auszudenkende Sensation. Natürlich nicht ganz „Das Wunder von Bern“, denn so populär wie Fußball kann das Rudern nicht werden, aber doch eine wichtige Station im „inneren“ Aufbau eines Nachkriegs-Deutschland.
Regisseur Hannu Salonen hat aus dieser „wahren“ Geschichte nun einen schönen und bemühten Film gemacht, der vieles anstrebt – natürlich die sportliche Seite (wobei man interessiert zusieht, aus wie vielen Perspektiven das an sich ja monotone Rudern gefilmt werden kann – von oben besonders interessant, wenn da mehrere Boote nebeneinander loszischen). Aber man wollte auch die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit – und dafür steht Karl Adam.
Die erste Szene des Films befasst sich mit seiner „Entnazifizierung“. Der ehemalige Boxer, der auch mit „Max“ (immerhin Max Schmeling) die Fäuste gekreuzt hat, war Ausbildner in der Nazi-Elite-Schmiede „Napola“, also in der Hierarchie nicht ganz unten. Dennoch lassen ihn die Herren der Kommission gehen und als Lehrer arbeiten („Lehrer braucht das Land“), schließlich zeigt sich Adam zwar nicht demütig reuig, aber gewissermaßen einsichtig – man habe Fehler gemacht. Zu solchen Aussagen haben es unbelehrbare Nazi später nie gebracht. Und mit der Entnazifizierung ist es ja nicht getan – die Vorwürfe kommen immer wieder, und Adam, der richtigerweise weiß, dass man die Vergangenheit nicht ändern kann, nimmt sie hin und wendet sich der Zukunft zu.
Und die besteht einmal darin, in der Kleinstadt junge Burschen, deren Väter im Krieg geblieben sind und die ohne Zukunftsperspektiven nur aggressiv sind, von der Straße zu holen. Boxen kann Adam nicht mehr (verletzter Arm), aber die Stadt liegt an einem See – und da kann gerudert werden. Und wenn schon rudern, dann richtig, dann bis zu den großen und größten Wettbewerben.
Die Probleme, die Mannschaft (die dann auch immer wechselt) zusammen zu bringen, liegen gewissermaßen auf der Hand, Adam setzte nicht nur sein naturwissenschaftliches Wissen ein, um Boote zu verbessen und Ruderstrategien zu entwerfen, er war auch Philosoph – und vor allem Psychologe: Seine Ruderer, aber auch die Funktionäre, mit denen er es zu tun hatte, in den Griff zu bekommen, das war eine Großleistung.
Und die Großleistung des Films besteht wohl in der Besetzung der Rolle mit Oliver Masucci, den wir aus mehreren Jahren seiner Burgtheater-Tätigkeit kennen, der aber dort nie so auffallen konnte wie im Kino, zuerst als Hitler in „Er ist wieder da“, nun als Karl Adam. Er zeichnet ihn als grundanständigen, entschlossenen und intellektuell hoch potenten Mann, der nicht aufgibt (und nach der Olympischen Goldmedaille noch viele Ruderer zum Erfolg geführt hat, wie man nachlesen kann), Weil man mit ihm in seinem Kampf wirklich mitgeht, funktioniert der Film bestens.
Denn sonst gibt es viele Klischees. Wenn „unser“ Felix Kammerer mit Brille und verkniffenem Gesichtsausdruck (Spitzname „Ari“, weil er nicht glauben kann, dass es Menschen gibt, die Aristoteles nicht kennen) den typischen Intellektuellen spielt, der nicht mehr mitrudern will, als er von Adams Napola-Vergangenheit erfährt, kann man sich nur damit trösten, dass der Hans Lenk, den er spielt, später Universitätsprofessor geworden ist, und wenn Leonard Kunz einen typischen Unterschicht-Rowdy spielt, so war dieser Manfred Rulffs ja doch ein preisgekrönter Ruderer.
Durch den See bei Ratzeburg verlief damals schon die Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik, und man versteht, dass sich ein Drehbuch dieses Element (samt tragischer Liebesgeschichte und bösen Apparatschiks, aber auch „Guten“ in DDR-Uniform) nicht entgehen lässt. Es wird halt dann ein bißchen viel und allzu typisch – aber man muss sich wohl sagen, dass das Typische oft auch das Wirkliche war.
Interessant und sogar witzig in diesem Zusammenhang ist die Rolle von Heino Ferch, dem Adam (Rücklende) schon im Dritten Reich in Nazi-Uniform begegnet, wo dieser von ihm verlangt, seine Boxschüler an die Front zu schicken. Man traut seinen Augen nicht, als Ferch mit flotter Schmachtlocke und lässiger Westler-Manier unter den Rudersport-Funktionären auftaucht, wo übrigens auch Axel Milberg eine köstliche Randfigur liefert.
Alles in allem ist ein schön gemachter, ehrenvoll gemeinter Film, der ein bißchen an Fernseh-Glätte erinnert, aber zweifellos mehr beabsichtigt und stellenweise auch mehr erreicht.
Renate Wagner

