Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Farrenc: Symphonies Nos 1 & 3 – Insula orchestra, Laurence Equilbey Pionierin der «Alten Musik»

17.07.2021 | cd

Farrenc: Symphonies Nos 1 & 3 – Insula orchestra, Laurence Equilbey

Pionierin der «Alten Musik»

fab

Louise Farrenc (1804-1875) ist im Paris des 19. Jahrhunderts eine grosse Ausnahmeerscheinung. Sie ist die erste Frau in Europa, die als voll titulierte Professorin über einen Zeitraum von 30 Jahren an einem Konservatorium unterrichtete und leistete zusammen mit ihrem Gatten Aristide ein Pionierin der «Alten Musik». Die französische Dirigentin Laurence Equilbey widmet ihre neueste CD ihrer Landsmännin.

Entscheidend für Farrencs Entwicklung und Durchsetzungsvermögen war ihr persönliches Umfeld. 1804 wurde sie in ein Künstlerfamilie, die in der Künstlersiedlung an der Sorbonne lebte, hineingeboren. In dieser an kulturellen Aktivitäten und Anregungen reichen Umwelt erhielt sie mit sechs Jahren ihren ersten Klavierunterricht, bevor sie mit Fünfzehn bei Anton Reicha (1770-1836) Komposition, Musiktheorie und Instrumentation zu studieren begann. Mit Siebzehn heiratete sie Aristide Farrenc (1794–1865), der sie sein Leben lang vorbehaltlos unterstützte und so damit beitrug, dass sie sich in der reinen Männerdomäne, die das Komponieren damals war, durchsetzen konnte.

«Farrencs Schaffen ist» – so die Dirigentin im Booklet zur CD – «von einer Inspiration und Qualität, die im Paris der Mitte des 19. Jahrhunderts ihresgleichen sucht». Anfang der 1830er-Jahre erschienen erste Werke für Klavier im Verlage ihres Mannes und Louise Farrenc baute sich eine Karriere als Klavier-Virtuosin auf. 1842 wurde Farrenc dann auf eine Professur für Klavier am Pariser Konservatorium berufen. Nach langem Ringen erhielt sie sogar dasselbe Gehalt wie ihre männlichen Kollegen. In dieser Zeit begann sie sich dem klassisch-romantischen Stil zuzuwenden und «deutsche Gattungen» wie Kammermusik und Sinfonien zu komponieren.

Die Aufführungsgeschichte der Ersten Sinfonie op. 32 steht exemplarisch für die Schwierigkeiten im Paris der 1840er-Jahre eine Sinfonie zur Aufführung zu bringen. 1843 wandte sich Farrenc an François-Antoine Habeneck und Daniel-François-Esprit Auber um eine Aufführung der 1841 vollendeten Ersten Sinfonie durch die «Société des concerts du Conservatoire», das Orchester des Konservatoriums und damals einziges Orchester in fester Besetzung, das regelmässig Sinfoniekonzerte gab, zu erreichen. Eine Reaktion von Habeneck oder Auber ist nicht überliefert. Die Uraufführung erfolgte dann am 23. Februar 1845 am Konservatorium von Brüssel, vermittelt durch François-Joseph Fétis, Freund Farrencs und Direktor des dortigen Konservatoriums. Die Pariser Erstaufführung fand einige Monate später anlässlich eines Benefiz-Konzerts für die «Association des artistes musiciens» statt und wurde von der Presse ausserordentlich positiv besprochen. Mit der Dritten Sinfonie gelang, was mit der Ersten noch gescheitert war: Die Uraufführung im Rahmen eines regulären Abonnement-Konzerts der «Société des concerts du Conservatoire».

Mit dem Tod der Tochter Victorine 1859 endete Farrencs Karriere als Komponistin. Mit ihrem Mann Aristide wandte sie sich einem neuen Betätigungsfeld zu: der Erforschung, Aufführung und Edition älterer, zu ihrer Zeit kaum bekannter Klaviermusik. Zwischen 1861 und 1872 entstand der «Trésor des pianistes», eine 23 Bände umfassende Anthologie von Klaviermusik des 16. bis 19. Jahrhunderts. Der Trésor war die erste Anthologie dieser Art und wegweisend für die Wiederbelebung und quellentreue Edition. Louise Farrenc unterrichtete noch bis 1872 am Konservatorium und starb 1875 in Paris. Im Booklet zur CD zieht die Musikwissenschaftlerin und Farrenc-Spezialistin Christin Heitmann folgendes Fazit: «Gemessen daran, dass sie den Mut hatte, mit ihrer Musik weniger populäre Wege zu gehen und stattdessen ihrem eigenen Stilideal zu folgen, hat sie jedoch vermutlich alles erreicht, was im Rahmen der Möglichkeiten denkbar war.»

Mit dem Insula orchestra führt Laurence Equilbey Farrencs Musik auf Instrumenten aus der Zeit der Komposition auf. Farrencs Musik, die immer wieder Anklänge an Mozart, aber auch italienisch inspirierte Virtuosität und hervorragend gesetzte Holzbläserpartien aufweist, wird so zum wahren Vergnügen.

Eine höchst lohnende Entdeckung!

16.07.2021, Jan Krobot/Zürich

 

Diese Seite drucken