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Eva Gesine Baur: MOZART

11.07.2014 | buch

BuchCover Baur, Mozart

Eva Gesine Baur:
MOZART
Genie und Eros
Eine Biographie
566 Seiten, Verlag C.H.Beck, 2014 

Letztes Jahr waren es Wagner und Verdi, heuer ist es Richard Strauss, die die Musik- und damit die Medienwelt beherrschen. Es ist also antikzyklisch (und folglich ganz gescheit), sich wieder einmal mit Mozart zu beschäftigen. Er zählt zweifellos zu den „ewigen“ Themen, die die Nachwelt nicht loslassen, einer jener Menschen, denen man nicht auf den Grund kommt, was die Lust erhöht, es immer wieder zu versuchen…

Es gibt viele Möglichkeiten, ein Menschenleben nachzuerzählen, von der peniblen Chronik bis zur großen Zusammenfassung, von den Details, in denen Gott wohnt, bis zur Interpretation des Biographen, die alles überlagern mag (was alles schon sehr eindrucksvoll gelungen ist). An Wolfgang Amadeus Mozart wurde zweifellos all das schon ausprobiert.

Auch, was die Interpretationen seiner Persönlichkeit betrifft: Vom „Götterjüngling“ (Oskar Werner im Mozart-Film) bis zum Kretin („Amadeus“ von Peter Shaffer) hat man Sichtweisen dermaßen im Extrem ausgetestet, dass man sich keinesfalls im Besitz des definitiven Mozarts fühlen kann – auch nicht nach dem biographischen Überschwang im Mozart-Jahr 2006. Dass es die endgültige Wahrheit über die Genies, die eben auch Menschen waren, nicht geben kann, muss nicht weiter diskutiert werden. Wir suchen mit jedem neuen Biographen inzwischen nur nach Spuren, nach Partikel der Realität.

Und da ist Eva Gesine Baur eine wunderbare Führerin in Mozarts Leben hinein und durch dieses hindurch. Sie erzählt – tatsächlich mutig: chronologisch, mehr oder minder nach Jahren fortschreitend, ohne besondere Exkurse – so nah an Mozart und so selbstverständlich detailreich über Zeit und Umwelt, als wäre sie dabei gewesen. Als wüsste sie alles –  was, warum, wie. Das ist wirklich bestrickend, ein Sog, man mag nicht aufhören zu lesen. Man wird nicht belehrt, man erfährt meist mehr, als man wusste, selbst wenn man sich aus Interesse bereits viel bei Mozart umgetan hat.

Schon beim Thema Vater Leopold wird man über die üblichen Konnotationen hinaus fündig: Die Autorin arbeitet etwa heraus, wie Leopold (eigene Lebenserfahrung verwertend) seinem Sohn devote Anpassung und Anbiederung lehren wollte, aber der schon seit Kinderjahren bis zur Überheblichkeit selbstbewusste Wolfgang Amadeus das nicht wollte – und sich damit vieles verdarb. Denn er galt seinen Zeitgenossen, die auch Gluck und Salieri und viele andere zur Auswahl hatten, nicht als die singuläre Erscheinung, zu der wir ihn heute gemacht haben – in seinen Anfangsjahren in Wien war es etwa Mozart, der Pianist, der weit höher geschätzt wurde als Mozart der Komponist… Es  war zudem eine Existenz  in ewigen Abhängigkeiten, die gerade für Mozart so besonders schwer zu ertragen waren.

Die unglaubliche Hektik seines Lebens hängt mit der Struktur seiner Persönlichkeit zusammen – ein hyperaktives Kind, zweifellos schwer für die Umwelt zu ertragen (auch als Erwachsener), Hand in Hand mit einem die Mitmenschen überrollenden Über-Talent, das sich in vielen Nervenzuständen versteckte. Dass die Autorin sich immer wieder darauf versteift, Mozart als einen (im höheren Sinn) vom „Eros“ Getriebenen zu interpretieren, wirkt als einziges Element ihres so überzeugenden Buches etwas gewaltsam.

Interessanterweise spart die Autorin, die für die meisten seltsam-verdrehten Aktionen Mozarts eine Begründung und viel Background-Information liefern kann, eine ganz besonders befremdliche Stelle seiner Biographie inerpretierend aus. Was hinter seinem Verhalten beim Tod der Mutter steckte, warum er es dem Vater anfangs verschwiegen hat, ob es ihm vielleicht gar nicht so viel bedeutete – das, worüber sich andere so oft (und ergebnislos) den Kopf zerbrochen haben, erklärt Eva Gesine Baur nicht, und man hätte doch auch dazu sehr gerne ihren Kommentar gehört. Auch fällt auf, dass sie die Frauengeschichten seines Lebens nicht gerade unter den Tisch kehrt, aber doch nur sehr en passant betrachtet – vielleicht ist darüber, allzu aufgebauscht, auch schon allzu viel geschrieben worden.

Letztendlich ist die Autorin auch mutig: Mozart hat vieles getan, was man einem „Normalmenschen“ als „Schmutzerei“ ankreiden würde. Eva Gesine Baur macht ihn nicht besser, als er ist, beschönigt seine Handlungen nicht. Es ist nicht nötig, weil sie sich immer begründen lassen – aus seinem Wesen, aus der Situation heraus. Und so erlebt man, was man kaum für möglich gehalten hätte: In allen aufgeblätterten Widersprüchen über weite Strecken einen „anderen“ Mozart. Er ist nicht kleiner als der normalerweise Umschwärmte. Er ist nur interessanter.

Nach 386 Seiten dürfte man zu lesen aufhören – der Anhang umfasst noch um 180 Seiten mehr. Das ist eindrucksvoll und bewundernswert, denn wenn man hier auch nur blättert, stößt man auf Mengen detaillierter Zusatzinformationen, die im Text überbordend gewesen wären, hier aber – teilweise auch, indem die Autorin die verschiedenen Meinungen der Sekundärliteratur zitiert und diskutiert – noch viel weiter zu Mozart führen.

Das ist nicht weniger als ein ebenso bemerkenswertes wie dankenswertes Buch.

Renate Wagner

 

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