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EUPHORIA

24.06.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 29. Juni 2018
EUPHORIA
Deutschland, Schweden, GB / 2017
Regie: Lisa Langseth
Mit: Alicia Vikander, Eva Green, Charlotte Rampling, Charles Dance u.a.

Zwei Schwestern treffen einander am Flughafen, aber es ist keine jubelnde Begrüßung: Emilie scheint bedrückt, Ines äußerst distanziert. Familiendrama? Auch das, eine Geschichte entfremdeter Schwestern, die sich am Ende doch noch finden.

Wirklich am Ende, denn darum geht es – und man kann es verraten, ohne zu „spoilen“, denn schließlich handelt der Film davon: Emilie hat Ines nicht zu einem Wochenende im Luxusressort eingeladen, obwohl sie in einem solchen zu landen scheinen. Tatsächlich ist es eine Sterbeklinik für Superreiche, wie man mit Ines schockartig erkennt, und der Kinobesucher muss in diesem mehr als beklemmenden Film der schwedischen Regisseurin Lisa Langseth mit den Schwestern den langen, mühseligen Weg bis zum Ende gehen, bis man Emilie (nachdem pathetisch die Totenglocke geläutet hat) dabei zusieht, wie sie den Todestrank nimmt und langsam stirbt. Das ist nicht für jedermann.

Wobei das heute immer dringlichere Thema des selbst gewählten Endes im Grunde gar nicht diskutiert wird. Emilie, die an Krebs im Endstadium leidet, will sich das schmerzliche Verrecken ersparen und würdevoll ein Ende machen. Ines erschrickt, wie es jeder täte, den man mit einer solchen Entscheidung konfrontiert, aber sie stellt sie nicht in Frage. Es gibt also keine großen ethischen Diskussionen, wie man sie erwarten könnte – die Sache selbst scheint hier (die Regisseurin ist Schwedin, dort ist man schon weiter als bei uns) überhaupt nicht mehr das Problem zu sein.

Nun müssen sich also nur – immerhin unter dem Druck des nahen Endes – zwei Schwestern, die sich auseinander gelebt hatten, einigen und finden. Eine eher obligate Geschichte, die sich langsam und bedeutungsschwer schleppt: Jede Hoffnung, dass sich das Ganze am Ende noch als Krimi herausstellt, muss begraben werden. Es begibt sich nichts als die schwesterliche Beziehungs-Tragödie. Ines, die coole Künstlerin, hat Emilie mit der sterbenden Mutter allein gelassen. Und sie ist auch für Vorwürfe nicht offen, weil sie sich einfach aus egoistischem Selbstschutz von zwei Frauen, deren Emotionalität und Selbstmitleid sie nicht nachvollziehen konnte, abgewendet hat. Eine sehr heutige Einstellung.

Immerhin wird die Versöhnung über gemeinsame Erinnerungen nicht allzu triefend. Und auch wenn Ines weggeht, nachdem sie der sterbenden Schwester die Hand gehalten hat, bricht sie nicht zusammen. Die Sentimentalität wabert zwar immer wieder in diesem Film, ist aber, wenn es die Figur der Ines betrifft, geringfügig. Auch, weil Alicia Vikander (sie hat für die Regisseurin – sie sind beide Schwedinnen – schon in deren beiden ersten Filmen mitgewirkt) in ihrer Unbewegtheit so überzeugend wirkt – die Dreißigjährige ist gegenwärtig tatsächlich eines der faszinierendste Gesichter der Leinwand.

Eva Green hingegen steht ihrem Schicksal – die Todkranke, die an dem Tod der Mutter so viel gelitten hat – mit immer gleicher düsterer Starre gegenüber (was man natürlich auch begreift). Dazu kommen ein paar Nebenfiguren, wobei Charlotte Rampling als Graue Eminenz der Sterbeklinik jenen unsäglich-salbungsvollen Ton pflegt, den man auch bei Bestattungsunternehmern findet. Das muss man vertragen. Charles Dance spielt einen alten Mann, der nach einer tollen Party Schluß macht – weil er es sich hier nicht länger leisten könnte (dass das würdevolle Sterben seinen Preis hat, wird hier wie nebenbei angestoßen – und dass das freiwillige Sterben am Ende dann doch nicht so leicht ist, auch).

Ja, und da ist dann noch ein Sportler, der den Tod sucht, weil er gelähmt ist. Doch immerhin erlaubt die Klinik ihren „Kunden“, es sich zu überlegen. Er tut es. Man ist richtiggehend erleichtert, als er sich mit seinem Rollstuhl in den Hubschrauber schieben lässt, in dem auch Ines zurück ins Leben fliegt. Und man ist ebenso erleichtert, diesen Film hinter sich zu lassen, der eigentlich zu keinem seiner angeschnittenen Themenkreise wirklich etwas bringt.

Renate Wagner

 

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