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ESSLINGEN/ Stadtkirche St. Dionys: WEIHNACHTSORATORIUM von J.S. Bach mit Helmuth Rilling – Kantate I-III

20.12.2014 | Konzert/Liederabende

Weihnachtsoratorium von Bach mit Helmuth Rilling in der Stadtkirche Esslingen: PACKENDES GESCHEHEN DES CHRISTFESTES

Weihnachtsoratorium 1 bis 3 von Bach am 19. Dezember 2014 in der Stadtkirche St. Dionys/ESSLINGEN

Weitaus stärker wie das Magnificat geht Johann Sebastian Bachs „Weihnachtsoratorium“ auf das Geschehen des Christfestes ein. Die vom Orchester reich begleiteten Choräle und großartigen Chorszenen stellte Helmuth Rilling (der langjährige Leiter und Gründer der Internationalen Bachakademie Stuttgart) mit der Internationalen Chorakademie Lübeck (Einstudierung: Rolf Beck) sowie dem Bach Ensemble Helmuth Rillling fulminant ins Zentrum des harmonischen Geschehens. So wurde das Weihnachtsgeschehen intensiv und glaubensfroh verherrlicht. Die Arien waren von Ermahnungen und Betrachtungen erfüllt. Den Text dieser nichtbiblischen Zutaten schrieb der dichtende Postbeamte Christian Friedrich Henrici, der sich das Pseudonym Picander zulegte. „Jauchzet, frohlocket“ sang die Internationale Chorakademie Lübeck leuchtkräftig und voller Emphase, wobei Helmuth Rilling die monumentalen Effekte mit Pauken und Trompeten präzis herausarbeitete. Die gewaltige Akustik in der bis ins 8. Jahrhundert zurückführenden riesigen Stadtkirche kam diesem Aspekt sehr entgegen. Es war ein festlich strahlendes, schmetternd-kraftvolles und durchaus diesseitiges Stück Musik. Der Schluss machte dann rührender Ehrfurcht Platz. Den Evangelisten-Bericht, den Dominik Wortig mit feinem Timbre gestaltete, folgte die Alt-Arie „Bereite dich, Zion“ mit der nuancenreichen Solistin Lidia Vinyes Curtis, deren gesangliche Intensität sich immer mehr steigerte. Die freudige Erregung in der Erwartung des Bräutigams blieb nachvollziehbar. Der Choral „Wie soll ich dich empfangen“ gewann unter Helmuth Rillings einfühlsamer Leitung eine sphärenhafte Aura mit lieblich-schlichter Oberfläche. So verdichtete sich die geheimnisvolle Adventsstimmung. Und der Evangelist erzählte facettenreich von der Geburt des göttlichen Kindes. In den erhaben gesungenen Choral „Er ist auf Erden kommen arm“ flocht der imposante Bass von Thomas Stimmel ein gedankenvolles Rezitativ, aus dem sich freudig erregt die von festlichen Fanfarenmotiven eröffnete Arie „Großer Herr und starker König“ löste. Das frohbewegte „Wiegenlied“ bestach mit transparenter klanglicher Balance. Ein Höhepunkt war der von der Internationalen Chorakademie Lübeck mit wunderbarer Intonationsreinheit gesungene Choral „Vom Himmel hoch“ mit der eindringlich interpretierten Passage „Ach, mein herzliebes Jesulein!“ Die instrumentale „Sinfonia“ der zweiten Weihnachtskantate gestaltete Helmuth Rilling mit dem Bach Ensemble. Helmuth Rilling ganz im Sinne Albert Schweitzers: „Die Hirten wachen auf dem Felde und blasen auf ihren Schalmeien, über ihnen schwebt schon das Heer der Engel, das ihnen alsbald erscheinen soll. Ihr Spiel (Streicher) mischt sich in das der Hirten.“ Dieses instrumentale Geschehen war bei dieser Wiedergabe von großer Lebendigkeit erfüllt. Das innere Feuer setzte sich beim Bericht des Evangelisten von der Hirtenszene fort – leuchtend und sensibel gestaltete der Chor den Choral „Brich an, o schönes Morgenlicht“. Carine Tinney sang das Sopransolo der Engelsverkündigung mit hervorragender gesanglicher Strahlkraft und weichem Timbre. In schwelgerischen Koloraturen malte der wandlungsfähige Tenor Dominik Wortig die Freuden aus, die der Hirten harren. Der Choral „Schaut hin! Dort liegt im finstern Stall“ (zur Melodie „Vom Himmel hoch“) wies tiefer und schlichter auf dasselbe Bild, das dann im innig-behutsamen Wiegenlied des Alt „Schlafe, mein Liebster“ zum unmittelbaren Erlebnis wurde. Die Altistin Lidia Vinyes Curtis wuchs dabei über sich selbst hinaus und bot eine künstlerisch höchst reife Leistung. Das „Ehre sei Gott in der Höhe“ der Engel trat als überirdisch jubelnder Lobgesang aus dem Evangelistenbericht hervor. Und ein nicht weniger großartiger Abschluss dieser Kantate war bei dieser Wiedergabe der Choral „Wir sagen dir in deinem Heer“ zur Choralmelodie „Vom Himmel hoch“ mit der strahlend-mächtigen „Hirtenmusik“ der „Sinfonia“. Kraftvoll und äusserst beschwingt dirigierte Helmuth Rilling den festlichen Chor „Herrscher des Himmels“ der dritten Kantate, dem bald der transparent-fein interpretierte Hirtenchor „Lasset uns nun gehen gen Bethlehem“ folgte. Atemlosigkeit und fromme Hast arbeitete Rilling mit dem Ensemble ausgezeichnet heraus. Die Ergriffenheit der Hirten prägte der Choral „Dies hat er alles uns getan“ – und das konzertant-erfrischende Duett zwischen Sopran und Bass „Herr, dein Mitleid“ ging den Zuhörern unter die Haut. Demütige Zerknirschung und freudige Empfindung wechselten sich bei dieser exzellenten Interpretation deutlich ab. Dominik Wortig schilderte mit starker Ausdruckskraft als Evangelist die Anbetung der Hirten. Aus Marias Schau versenkte sich die Alt-Arie „Schließe, mein Herze“ noch einmal voller Emphase in das Wunder. Der Choral „Ich will dich mit Fleiß bewahren“ wiederholte glaubensfroh den gleichen Gedanken. Und der Choral „Seid froh dieweil“ fand mit seiner freudigen Glaubensgewissheit zum Anfangs-Chor „Herrscher des Himmels“ zurück. Hierbei erwies sich Helmuth Rilling als ein Meister in der Analyse themenverwandter Motive. Das Publikum dankte es ihm mit begeistertem Schlussapplaus. Diese Veranstaltung wurde vom Freundeskreis Helmuth Rilling unterstützt.

 
Alexander Walther

 

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