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ESSEN / Philharmonie: Saisoneröffnung mit dem PITTSBURGH SYMPHONY ORCHESTRA unter MANFRED HONECK

09.09.2026 | Konzert/Liederabende

ESSEN / Philharmonie: Saisoneröffnung mit dem PITTSBURGH SYMPHONY ORCHESTRA unter MANFRED HONECK
8.9. 2026 (Werner Häußner)

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Foto: Volker Wiciok

Pittsburgh ist weltweit als „steel city“ bekannt geworden. Mit Kraftwagen hatte die Stadt in Pennsylvania jedoch nur in der Pionierzeit des Automobilzeitalters zu tun. Den „Autostadt“-Titel trägt Detroit. Und John Adams‘ kurzes Orchesterdelirium „Short Ride in a Fast Machine“ hält eher die angstbesetzte Erfahrung als das prickelnde Vergnügen einer Fahrt mit einem schnellen Sportwagen fest.

Dass das Pittsburgh Symphony Orchestra sein gefeiertes Gastspiel in der Essener Philharmonie mit diesem Stück amerikanischer Gegenwartsmusik eröffnet, hat dennoch seinen Grund: Die Vereinigten Staaten von Amerika feiern in diesem Jahr ihre Gründung vor 250 Jahren, als mit der „Declaration of Indipendence“ dreizehn Kolonien ihre Unabhängigkeit von Großbritannien erklärten und einen souveränen Staatenbund gründeten. Gleichzeitig gilt das Dokument – was Philharmonie-Intendantin Marie Babette Nierenz in ihrer Begrüßung hervorhob – als entscheidender Meilenstein auf dem Weg zur modernen Demokratie: Ein Bezug, der heute angesichts aktueller Entwicklungen in Europa und USA mehr als historisch relevant ist.

Das 1896 gegründete Orchester, ein Leuchtturm der Kultur in Pittsburgh und einer der traditionsreichsten Klangkörper der USA, verneigt sich damit vor seiner Heimat. 1986 hat es Adams‘ Stück uraufgeführt. Heute wirkt die rasante „minimal music“, die auf gar nicht „minimale“ Orchesterwirkung zielt, fast schon wie ein Klassiker. Die Dynamik, die der amerikanischen Gesellschaft stets nachgesagt wird, spiegelt sich im Tempo-Wahnwitz wider. Von den Musikern ist bei den schroffen Akzenten und den metrischen und rhythmischen Eskapaden äußerste Konzentration gefordert.

Ob sich Autofahrer-Erfahrungen in der Musik von Sergej Rachmaninow wiederfinden lassen, ist eine Frage an die Musikwissenschaft. Auf jeden Fall verglich der leidenschaftliche Autofahrer – er bestellte 1914 einen Mercedes für 13.000 Goldmark – das Dirigieren mit dem Fahren: „Ein guter Dirigent muss auch ein guter Fahrer sein. Die Qualitäten, die den einen auszeichnen, machen auch den anderen aus. Es sind Konzentration, ständige Kontrolle der Aufmerksamkeit und Geistesgegenwart“.

Am Pult des Orchesters aus Pittsburgh beweist Manfred Honeck, seit 2008 Chefdirigent, wie zutreffend Rachmaninow die Qualitäten eines Dirigenten beschreibt: Messerscharf geschliffene Akzente, passgenaue Anschlüsse, Spannungsaufbau und rhythmische Energie fordert Honeck mit einer souveränen, unspektakulären Gestik heraus. Die „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“ (op. 43) mit ihren 24 ineinander übergehenden Variationen wird zu einer Demonstration orchestraler Agilität und Genauigkeit, bei der Solist Alexandre Kantorow am Flügel mit ebenso traumwandlerischer Sicherheit und Präzision antwortet.

Natürlich bietet der begnadete Instrumentator Rachmaninow den Orchestermusikern reichlich Material, ihr Potenzial auszuspielen: Rhythmische Sicherheit und transparente Konturen in den Tutti, farbige Reaktionen in den Bläsern bis hin zur Tuba auf den Eintritt des „Dies Irae“-Motivs im Klavier, das Pianissimo-Tremolo der Streicher zu gelösten Klavierarpeggien, berückende Melodien in Oboe und Klarinette, energischer Aufbruch in den Streichern. Kantorow, der sein lange fälliges Debüt in der Philharmonie gibt, unterstreicht, wie zuvor beim Klavier-Festival Ruhr, dass er zur Elite der jungen Pianisten gehört. Seine Emphase, seine luftige Fülle des Tons, seine hingebungsvollen Lyrismen könnten kaum eleganter und wahrhaftiger erklingen. Mit Alexander Scriabins letztem Solo-Klavierstück, „Vers la flamme“ entließ der 29-Jährige eine begeisterte Zuhörerschaft in die Pause.

Weg vom Auto, hin zur Eisenbahn: Antonín Dvořák hatte eine geradezu nerdige Liebe zur Eisenbahn, seit er als Kind an seinem Elternhaus vorbeifahrende Dampfloks erlebt hat. Bezeichnend ist die Anekdote, er habe seine Schüler vom Prager Konservatorium zum Bahnhof geschickt, damit sie für ihn die Nummern der Lokomotiven notierten. Wer will, kann also in stampfenden Rhythmen in seiner Neunten Sinfonie die Arbeitsgeräusche jener schweren Dampfrösser hören, die Dvořák auch bei seinem USA-Aufenthalt regelmäßig beobachtete.

Dvořáks Neunte „aus der Neuen Welt“ schließt das Konzert ab: Eine Hommage an das Land und seine Musik, in der man die Weite der Prärie-Landschaft und die erhabene Dramatik der Allegheny oder der Rocky Mountains musikalisch gespiegelt hören mag. Honeck kostet die dynamischen Gegensätze voll aus, genießt es, den Klang seines Orchesters in delikatem Pianissimo beinah verschwinden zu lassen, um im nächsten Moment abrupte Aufbrüche zu inszenieren.

Mag sein, dass die Lust an der Virtuositätsschau auch die Ritardandi und Accelerandi bestimmt, die der in Wien herangebildete Dirigent gerne einsetzt. Schon im ersten Satz spielt er mit der Agogik. Im zweiten, dem Largo, verordnet er langsame Tempi, die den Fluss der Melodik verzögern. Das Bad im Lyrismus bekommt dem wehmütigen Gesang des Englischhorns, verflacht aber den Aufbau von Spannung. In den folgenden Sätzen herrschen wieder Energie, Extroversion, forsche Reaktionssicherheit. Eine Geschmacksfrage ist der Sound der Blechbläser, die stupend exakt, aber eher schneidend grell als böhmisch warm intonieren.

Zwei Zugaben krönen den Abend: Schwungvoll Johannes Brahms‘ „Ungarischer Tanz Nr. 1“ und besinnlich eine eigene Bearbeitung Honecks der wehmütigen „Litanei auf das Fest Aller Seelen“ (D 343) Franz Schuberts. Auf seiner am 10. September im Wiener Konzerthaus beendeten 45. Internationalen Gastspielreise mit 13 Konzerten in sechs Ländern absolvierte das Pittsburgh Symphony Orchestra Auftritte bei den Salzburger Festspielen, dem Lucerne Festival mit Anne-Sophie Mutter als Solistin, und in Amsterdam, Hamburg und Köln, wo es – wie in Essen – die Konzertsaison eröffnete. Dass in der Philharmonie dennoch mehr als nur einzelne Plätze frei blieben, verwundert. Denn die Qualität dieses exklusiven Auftritts dürfte nicht allzu oft wiederholbar sein.

Werner Häußner

 

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