ESSEN / Philharmonie: OSLO PHILHARMONIC ORCHESTRA mit KLAUS MÄKELÄ und LISA BATIASHVILI
24.1.2026 (Werner Häußner)

Klaus Mäkelä. Copyright: John Halvdan Olsen-Halvorsen
Seit sechs Jahren kennen und verstehen sie sich, nun waren sie zum ersten Mal gemeinsam in der Philharmonie Essen: Klaus Mäkelä und das Oslo Philharmonic Orchestra. Zum Abschluss ihrer Europa-Tournee, die sie in die Elbphilharmonie Hamburg, in die Philharmonie de Paris und ins Wiener Konzerthaus führte, hat sie die Essener Intendantin Marie Babette Nierenz an die Ruhr gelockt. Mit Essen ist der finnische Shooting-Star bereits seit seinem Debüt 2023 verbunden, damals mit dem Orchestre de Paris, 2024/25 auch als Porträtkünstler. Man darf davon ausgehen, dass Mäkelä wiederkommt, wenn er 2027 das Concertgebouw Orkest übernommen hat.
Jetzt also ein Programm der Kontraste: Vor der Pause Piotr Tschaikowskys gefühlsgesättigtes Violinkonzert, mit bravourösem Klangsinn und inniger Leidenschaft scheinbar mühelos gespielt von Lisa Batiashvili, danach Dmitri Schostakowitschs Achte Sinfonie, eine 1943 entstandene beklemmende Reaktion auf die Ereignisse des Krieges, in der sich kultivierte Formen europäischer Musik wie Toccata oder Passacaglia in grotesken Einbettungen wiederfinden.

Lisa Batiashvili. Copyright: John Halvdan Olsen-Halvorsen
Lisa Batiashvili pflegt keine Sentimentalität, kein Drama: Bei dieser sensiblen Solistin sucht man sie vergebens, die sämige Opulenz des Tons, das pathetische Portamento, den demonstrierten Affekt. Auch die leidenschaftliche Ballung des Klangs ist ihre Sache nicht. Die Geigerin mit georgischen Wurzeln macht in Essen aus Tschaikowskys hart geschmähtem Violinkonzert – man darf an Eduard Hanslick erinnern – eine lyrisch-schwärmerische Betrachtung, weit entfernt vom Virtuosengehabe, das seit jeher in unglücklicher Verbindung diesem Prachtstück des Repertoires anhaftet. Und Batiashvili hat in Klaus Mäkelä und seinem Oslo Philharmonic Orchestra ideale Partner.
Das Orchester zaubert aus dem Eingangsthema einen zarten Hauch, den die Geige mit duftigem Piano aufgreift – nicht als große Geste, sondern wie eine heiter-wehmütige Erinnerung. Batiashvilis Ton strömt sanft und schlank, aber nicht weichlich; sie beeilt sich ein wenig zu sehr in den ersten Läufen und lässt die raschen Passagen zu beiläufig sprechen. Aber je mehr sich der erste Satz verdichtet, desto entschiedener wird ihre Artikulation: Da klingt nichts zufällig, nichts aus dem Moment hingeworfen.
Trotzdem bleibt bis in die großartige, unerschütterlich formulierte Kadenz der impulsiv-spontane Eindruck unmittelbaren Musizierens, unterstützt durch das Orchester, das ein Drama ausmalt, ohne sich je in den Vordergrund zu spielen. Batiashvili formt den Ton, als sei er mit Seide umhüllt. Damit hat sie vor der Kadenz Mühe, sich gegen das Orchester durchzusetzen, aber die Balance ist sofort wieder im Lot. Die passende Zugabe: ein träumerisches Lied des Norwegers Ole Bornemann Bull, „Sæterjendens Søndag“, in einer Bearbeitung für Violine und Orchester von Johan Svendsen.
Klaus Mäkelä, soeben 30 Jahre alt geworden, steht vor einem Lebensjahrzehnt, in dem sich jugendliche Energie und Innovationsfreude mit Lebenserfahrung verbinden. 2027 übernimmt er mit dem Concertgebouw Orkest Amsterdam und dem Chicago Symphony Orchestra zwei der renommiertesten Klangkörper der Welt. Dmitri Schostakowitschs Achte – eine der drei „Kriegssinfonien“ und ein denkbar scharfer Kontrast zu Tschaikowsky – liegt ihm außerordentlich: Der Scharfschnitt und die Präzision, mit der er vor bald vier Jahren bei seinem Kölner Debüt Mahlers Sechste zerlegt hat, kommt dieser Mischung aus Trauer und Gewalt, Erstarrung und Panik, den drohend verhaltenen Klangflächen, dem grandiosen Schmettern und der rhythmischen Hatz entgegen. Die Trivialität, die Schostakowitsch denunziert – hier ist sie im Kriegslärm getroffen.
Mäkelä setzt sein Arsenal voll ein und kann sich der Rückendeckung seines Orchesters sicher sein. Die Nuancierung der Lautstärkegrade, die Unerbittlichkeit eines maschinenhaften Rhythmus‘, der Aufbau von Spannung und das suggestive Intensivieren von Klängen gelingen atemberaubend konsequent – sicher Frucht der langen Zusammenarbeit, aber auch Ergebnis herausragender solistischer Leistungen, vom gellenden Piccolo bis zum bedrohlichen Fagott, vom knöchernen Xylophon bis zum elegischen Englischhorn. Am Ende platzt in das stille Verklingen unsensibles Geklatsche – mag es mit der Begeisterung entschuldet sein, die Mäkelä und sein Orchester geweckt haben.
Werner Häußner

