ESSEN / PHILHARMONIE: COLLEGIUM VOCALE GENT und ORCHESTRE DES CHAMPS-ELYSÉES unter PHILIPPE HERREWEGHE mit dem c-Moll-Requiem von LUIGI CHERUBINI
23.11.2025 – Werner Häußner
Ein sinniges Programm: Für ihr Konzert in Essen haben Philippe Herreweghe, das Collegium Vocale Gent und das Orchestre des Champs-Elysées Louis (Ludwig) van Beethovens „Eroica“ und Louis (Luigi) Cherubinis Requiem c-Moll mitgebracht. Beide Werke sind geprägt von Ernst und Pathos, beide bestechen durch ausgefeilte musikalische Architektur.
Beethovens Dritte, ursprünglich Napoleon zugeeignet, nach dessen selbstgemachter Kaiserkrönung umgewidmet an einen „großen Menschen“, enthält einen Trauermarsch. Cherubinis Totenmesse ist zum Gedenken an den in der Französischen Revolution enthaupteten König Louis XVI. geschrieben. 1817 zum 25. Jahrestag der Hinrichtung des Monarchen uraufgeführt, als die Monarchie wieder restituiert, der Bruder des getöteten Königs, Louis XVIII. auf dem Thron und Cherubini Hofkapellmeister in Paris war, ist das Requiem ein Musterbeispiel für seinen Stil. Es verbindet erhabene Trauer mit formaler Souveränität. Beethoven schätzte Cherubini, den er 1805/06 bei einem Besuch in Wien kennengelernt hatte, und wünschte sich zu seiner Beisetzung dieses Requiem – der Wunsch wurde ihm gewährt.
Philippe Herreweghe ist ein gern gesehener Gast in der Philharmonie Essen. Vor zehn Jahren stellte er als „Artist in Residence“ seine Deutung aller Beethoven-Sinfonien vor; jetzt eröffnet er mit seinen Ensembles das Konzert mit dem kurzen Charakterstück „Meeresstille und glückliche Fahrt“ auf zwei Gedichte des von Beethoven verehrten Johann Wolfgang von Goethe. In den langen Haltetönen des Beginns muss sich das Collegium Vocale erst noch finden: Bei kriselnder Intonation sind die ersten Einsätze im Piano nicht so präzise wie gewohnt – aber Herreweghes ungefähre Bewegungen helfen seinen Sängerinnen und Sängern auch nicht. Doch als sich der Chor auf den sprudelnden Wogen des Orchesters aufmacht zur „glücklichen Fahrt“, bläst der präsente Klang wie eine frische Brise alle Wolken weg.
Herreweghes Orchestre des Champs-Elysées ist mit seinen sanften, dunklen Grundfarben ideal, um in Cherubinis Requiem mit dezentem Klang Schmerz, Trauer, Angst, Hoffnung und Zuversicht auszudrücken. Anders als die großen Totenmessen von Mozart bis Verdi verzichtet es auf Solisten. Die kluge Verteilung des Textes auf die Chorstimmen lässt dennoch keine Monotonie aufkommen. Die Sängerinnen und Sänger des Collegium Vocale, einstudiert von Maria van Nieukerken, wahren ein plastisch-transparentes Klangbild auch in Abschnitten dichter Struktur. So im Glanzstück der Komposition, der „Quam olim“-Fuge mit der Bitte, die Seelen der Verstorbenen ins „heilige Licht“ zu führen, das einst Abraham verheißen wurde.
Sinn für Dramatik
Eindrucksvoll schon, wie die erste Bitte des Requiems um ewige Ruhe ganz leise einsetzt, nach kurzen Takten der Celli und des Fagotts von Pianissimo-Kontrabässen und Hörnern verstärkt. Ein Crescendo lässt das Wort „luceat“ kurz aufleuchten, bis das Orchester bei sich verdichtendem Klang ruhevoll weiterschreitet, bevor sich der Chor für das „ewige Licht“ kanonisch aufspaltet. Auch die Bitte um Erbarmen, „Kyrie eleison“, verharrt bis auf eine kurze Steigerung im Pianissimo, bevor im Graduale die Bratschen in den sanften Bögen ihrer lang gehaltenen Töne die erneute Bitte um „Requiem aeternam“ stützen.
Als versierter Opernkomponist hat Cherubini seinen Sinn für Dramatik nicht versteckt: Berühmt ist der gewaltige Schlag des Tamtam zu Beginn des „Dies irae“. Die Kontraste von Fortissimo und Pianissimo werden ausgespielt; beim Ertönen der Posaunen des Jüngsten Gerichts schallt das Orchester in höchster Lautstärke. Und beim Erscheinen des endzeitlichen Richters ziehen schäumende Sechzehntel-Passagen der Streicher den festen Boden unter den Füßen weg. Und ein Fortissimo des Orchesters unterstreicht die Dramatik des Geschehens, wenn das Gericht über die Welt angekündigt wird.
Herreweghe dirigiert mit sparsamen Gesten, um die Emotion nicht überkochen zu lassen und die stupende Klarheit der Komposition Cherubinis zu demonstrieren. Details wie betonte punktierte Noten auf einzeln skandierten Silben („Mors stupebit …“) verhüten, dass in Cherubinis Musik vor allzu edler Größe die Langeweile einzieht. Der Chor glänzt in der Ausgewogenheit der leisen Momente; im Forte klingen die Sänger aus Gent frisch und frei, nur im Sopran wirkt der Klang flach forciert und rundet sich nicht.
Beethoven: Eleganz und Transparenz
Beethovens „Eroica“ lebt bei Herreweghe eher aus Eleganz und ausgewogener Transparenz. Das innere Drängen der Musik, markante Akzente und dynamischer Zugriff sind seine Sache nicht. Es ist ja stets die Frage, wie die drei Allegro-Sätze mit ihren Prädikaten „con brio“, „vivace“ und „molto“ in ihrer Expression zu nuancieren sind. Herrreweghe jedenfalls lässt das Brio des ersten Satzes nicht spüren, setzt eher auf klangliche Ausgewogenheit statt auf schroffe Kontraste. Die Hörnen freilich haben wunderbare Momente, integrieren sich, wo gefordert, in den Klang, treten leuchtend hervor, wo ihnen Beethoven den Auftritt gewährt.
Den Adagio-Satz nimmt Herreweghe nicht zu langsam: kein zähes Dahinschreiten, dafür verhaltene, locker formulierte Klänge, im Forte kraftvoll, aber nicht massiv. Im Vivace bereiten die Hörner wieder reinen Genuss. Dem Finalsatz fehlt das „molto“ allegro und die sprühende Energie. Herreweghe lässt das Orchester eher in ziselierten Details als in markanten Akzenten brillieren. Erst ganz am Ende löst sich die Altersmilde auf, findet die Musik zu innerer Spannung und Drive.
Werner Häußner

