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ESSEN/Aalto Opernhaus: SIMON BOCCANEGRA. Premiere

30.01.2023 | Oper international

Aalto Opernhaus, Essen,  Verdi: Simone Boccanegra , Premiere am 28.Jänner 2023

ess
Copyright: Matthias Jung

TATJANA GÜRBACA hat sich einen guten Namen mit ihren eigenständigen Deutungen im Regietheaterbereich gemacht. Ihre neueste Arbeit ist Verdis Simone Boccanegra am Aaltotheater in Essen und man darf feststellen, dass sie nicht zu ihren starken Inszenierungen gehört. 

Es beginnt bereits mit der Wahl der Raumes. KLAUS GRÜNBERG hat verschiebbare, wabernde Wände geschaffen, die jedoch sich schnell zu Ende erzählen und der Szene nie Charisma geben.

Die agressiv-grellen Kostüme von SILKE WILLRETT sind (bewußt ?) geschmacklos: Mächtige im ordinären Prunk, die Massen in karnevalesk-billigem Outfit.  Und auch die Personenführung kommt schnell an Grenzen, wenn sich manche Sänger eben nur bedingt plausibel bewegen können. Zwar geht alles konsequent an der Handlung entlang, aber oft ist der Fokus nicht stark genug gesetzt, oder Aktionen sind zu kleinteilig und wenig sichtbar (z.B. die Kritzeleien auf der Tafel oder Einträge in Notizbücher). Der stärkste und schönste Einfall kommt im Schlussbild, wenn der delierende Simone seine Tochter als junges Kind noch einmal vor sich sieht und mit ihr spielend ins Jenseits verschwindet.

Musikalisch ist die Aufführung auf sehr gutem Niveau.

Die Überraschung ist, wie mühelos und strahlend CARLOS CARDOSO die schwere Tenorpartie des Adorno meistert. Da reift ein Spintotenor erster Güte heran und es macht Freude, diese spendable Verschwendung großer und schöner Töne mitzuerleben. JESSICA MUIRHEAD gefällt mit klarem und vibrierendem Sopran als zentrierte Amelia und führt sicher die großen Ensembles zu Höhepunkten.

Den Simone Boccanegra singt DANIEL LUIS DE VICENTE mit beeindruckendem, sehr gut geführten, dunklen Baritonmaterial. Die Gebrochenheit oder gar Abgründe der schillernden Figur bleibt seine Gestaltung weitgehend schuldig, dafür klingt sein Mezza Voce im letzten Akt beeindruckend stabil und raumfüllend. Um diese Gebrochenheit im Charakter bemüht sich umso mehr ALMAS SVILPA  als Fiesco, dem darstellerisch vielleicht die spannendste Rolleninterpretation gelingt (mit gewissen vokalen Erosionen). HEIKO TRINSINGER ist als Verschwörer Paolo nicht in seinem Element. Man kennt ihn im deutschen Fach sicherer und souveräner. Hier klingt er müde und flach. Ihm sekundiert ANDREI NICOARA als Pietro mit frischem, jugendlichem Bass.

Der Chor des Aalto-Theater ist glänzend disponiert und bewundernswert exakt auch bei den vielen Stellen hinter der Szene. (Chorleitung : Klaas Jan de Groot)

Die Essener Philharmoniker werden von GIUSEPPE FINZI konzentriert geleitet. Der Nerv, den diese dichte, verdische Musik antreibt, ist nicht immer hörbar und manchmal gibt es intonatorische Bläserschwäche, aber oft entfaltet sich der Zauber sowohl im Zarten wie im Dramatischen.

Das Puklikum aklamiert der musikalischen Seite stark und äußert mehrheitlich sein Missfallen gegenüber der Szene. Meist sind diese Buhs reaktionären Ursprungs, aber diesmal waren auch manche regietheater-affine Theatergänger enttäuscht.

Christian Konz

 

 

 

 

 

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