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ERWIN STEINHAUER: Tingeln ist unser Beruf

11.11.2015 | INTERVIEWS, Schauspieler

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Foto: Website Steinhauer

ERWIN STEINHAUER:

Tingeln ist unser Beruf

 

Seine Auftritte im ORF sind rar geworden, und Erwin Steinhauer hat auch eine Erklärung dafür. Immerhin weiß er zufrieden, dass er für „Das finstere Tal“ in einem der besten österreichischen Filme seit langem dabei war. Und die freie Zeit, „die sich durch die ausbleibenden Fernsehangebote aufgetan hat“, füllt er glücklich mit musikalischen Auftritten. Theater spielt er nur noch selten.

 

Renate Wagner hat mit Erwin Steinhauer gesprochen

 

Dieser Tage im ORF: „Das finstere Tal“, worin Sie nur eine Nebenrolle, aber eine wichtige, nämlich den Pfarrer, spielen. Einer der faszinierendsten österreichischen Filme seit langem…

Ja, da waren mit Regisseur Andreas Prochaska und mit Martin Ambrosch für das Drehbuch auch zwei der besten Leute am Werk, die wir derzeit haben, es ist wirklich ein toller Film geworden. Wir haben ihn im Schnalstal in Südtirol gedreht, auf 2500 Metern Höhe, bei minus 25 Grad, und ich hatte eine Glatze – das war schon die wahre Härte. Andererseits ist es dort in den Bergen so schön, dass man sich freut, wenn man hinkommt.

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Foto: Allegro Film

Das Fernsehen, in dem Sie viele Jahre lang so stark beschäftigt waren, spielt offenbar in Ihrem künstlerischen Leben keine große Rolle mehr?

Also zuerst: Ich bin nicht unglücklich darüber, dass ich in manchen heimischen Fernsehfilmen nicht mitspiele. Es hat sich alles so sehr verändert, der Geschmack des Publikums, die Ästhetik, es ist jetzt einfach eine andere Generation dran. Das muss man einsehen, ich habe an die 140 Filme in meinem Leben gemacht, von denen viele immer wieder wiederholt werden, wodurch fälschlich der Eindruck entsteht, ich sei „im Geschäft“. Aber ich bin nicht böse darüber, das ist einfach der normale Weg. Tatsächlich kommen wenige interessante Angebote wie zuletzt vor zwei Jahren „Der Prediger“ des tollen Regisseurs Thomas Berger im Bayrischen Rundfunk. Die trauen sich doch mehr, auch brisante Themen anzugreifen, nicht nur die pure Unterhaltungsschiene zu bedienen – da spielte ich einen Bischof, der entscheiden muss, ob ein verurteilter Mörder Pfarrer werden darf…

Hat die Rolle des „Polt“ für Sie bzw. das Publikum denselben Identifikationscharakter gehabt wie etwa der Trautmann für Kollegen Wolfgang Böck?

Ich glaube nicht, obwohl es natürlich ein Glücksfall ist, wenn einem eine Rolle quasi „auf den Leib geschrieben“ wird – was aber tatsächlich überhaupt nicht der Fall war. Es hat ja ein reales Vorbild für den Polt gegeben, und wenn ich diesem nicht zufällig optisch so ähnlich gewesen wäre, hätte man kaum an mich gedacht. Für mich ist der Polt eine Rolle, in die ich hineinschlüpfe, ein ruhiger, introvertierter, schweigsamer Polizist, der hat keine parallelen Eigenschaften zu mir, der ich ja doch eher extravertiert und impulsiv bin. Einmal wird es den Polt noch einmal geben, zu seinem 70er hat Autor Alfred Komarek noch ein Buch über ihn geschrieben, das heißt „Alt, aber Polt“, und das werden wir vermutlich nächsten Herbst drehen. Dann ist aber Schluß mit der Rolle.

Man hat den Eindruck, Sie hätten sich auch vom Theater zurückgezogen?

Mein letztes Fixengagement, das war am Burgtheater, liegt auch schon wieder länger zurück. An der Josefstadt bin ich nur Gast – dass man als Ensemblemitglied alles spielen muss, was des Weges kommt, das würde ich doch nicht mehr wollen, aber wenn es eine entsprechende Rolle gibt, dann natürlich. Ich lerne jetzt schon für „Vater“, ein Stück des Franzosen Florian Zeller, das im Februar in den Kammerspielen herauskommt und wo ich einen alten Mann spiele, der bei der Tochter und ihrem Freund wohnt – und der Alzheimer hat. Aber auch das ist nur ein Stückvertrag, ich kann es mir glücklicherweise aussuchen. Und dann hat man nebenbei Zeit fürs – Singen.

Singen, und das in vielen verschiedenen Programmen und an verschiedenen Orten. Kann man sagen, Sie „tingeln“?

Das „Tingeln“ ist ja unser Beruf. Aber ich bin ja nicht jeden Abend ununterbrochen irgendwo. Es gibt mehrere Programme, mit denen ich reise: Eines ist „Hand aufs Herz“, demnächst im Musiktheater Linz. Die Gruppe „Klezmer Reloaded Extended“ hat Lieder von Hermann Leopoldi im Klezmer-Stil „umkomponiert“, und daraus ist ein Programm mit dem Titel „Ich bin ein Durchschnitts-Wiener” geworden, zu dem es schon eine CD gibt, die ich am 22. November im Wiener Metropol vorstelle. Und ich bin auch immer wieder mit den OÖ. Concert-Schrammeln unterwegs, unser letztes Programm, auch schon auf CD, heißt „Das Glück is a Vogerl“ und das sind G´schichteln um Wien und den Wein. So habe ich die viele Zeit, die sich durch die ausbleibenden Fernsehangebote aufgetan hat, sehr glücklich gefüllt.

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Foto: Barbara Zeininger

Können Sie uns erzählen, wie es etwa zu einem Programm wie „Hand aufs Herz“kommt?

So etwas entsteht, wenn ich mich mit meinen Kollegen Peter Rosmanith zusammensetze und wir überlegen, was man Neues machen kann – nach dem vorangegangenen Erfolg von „Feierabend“. Und da entsteht dann eine Idee, aus dieser kristallisiert sich eine Rahmenhandlung, dann holt man andere Mitarbeiter hinzu – in diesem Fall Heli Deinboek und Heinz R. Unger, man überlegt sich die Musik… Und dann hat man am Ende „Hand aufs Herz“, eine musikalisch-satirische Odyssee, Lieder und Geschichten voll von Poesie. Ich sage immer, Scheitern ist der Ozean, in dem wir leben, und Erfolge ragen wie Inseln kurz heraus. Und dann bin ich halt, meines Zeichens „Erschy Heart“, der einmal ein seriöser Musiker sein wollte und nun als Bandleader mit seiner Combo auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs ist… Da kann man dann eine Menge Themen anschneiden.

Würden Sie, auch im Hinblick auf ihren Sohn Matthias Franz Stein, sagen, dass die Arbeit eines Schauspielers heutzutage viel schwerer geworden ist als früher?

Und wie! Über den Matthias bin ich sehr glücklich, auch wenn er sich in der Josefstadt immer noch mit meist kleinen Rollen herumschlägt und ich Angst habe, dass er zu wenig gefordert wird. Aber mit dem eigenen Sohn auf Augenhöhe zu sein – das ist ein großes Glücksgefühl. Natürlich war es früher leichter, auch im Fernsehen: Da hat man eine Serie gemacht, drei Millionen Menschen sahen zu und das ganze Land kannte einen. Heute gibt es so viel von allem, dass nur noch wenig wahrgenommen wird, die Aufnahmefähigkeit ist immer kürzer, es ist eine andere Welt. Und dennoch – wenn ich irgendwo live auftrete, kommen die Leute „zum Steinhauer“, der Name, den man sich erarbeitet hat, funktioniert noch: Ja, ich bin zufrieden.

 

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