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Ernst von Dohnányi Sinfonie Nr. 2 E-Dur op. 40 Suite Ruralia hungarica op. 32b Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz Michael Francis, musikalische Leitung Capriccio, C5502

04.09.2026 | cd

Michael Francis haucht Dohnányis vergessener Sinfonie neues Leben ein

doh

Die Musikgeschichte liebt ihre Lieblinge und vergisst die Unbequemen mit bedauernswerter Zuverlässigkeit. Ernst von Dohnányi, im Budapest des späten 19. Jahrhunderts als Ernő geboren, gehörte einst zu den unbestrittenen Giganten des europäischen Musiklebens. Er war ein Pianist von virtuosem Format, ein Pädagoge von prägender Ausstrahlung und als Dirigent eine Institution. Brahms selbst legte dem blutjungen Mann einst die Hände auf die Schultern, als er dessen erstes Klavierquintett hörte. Doch wer heute in den Konzertsälen zwischen Wien und Berlin nach Dohnányi sucht, findet meist nur höfliches Schweigen oder bestenfalls die augenzwinkernden Variationen über ein Kinderlied. Man hat ihn abserviert, als verspäteten Romantiker abgestempelt, der die Abkehr von der Tonalität stur verweigerte.

Das Wiener Label Capriccio arbeitet seit Jahren an der Ehrenrettung dieses Großmeisters. Mit der achten Folge der Reihe liegt nun eine Einspielung vor, die zwei zentrale Facetten seines Schaffens nebeneinanderstellt.

Michael Francis steht am Pult der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Wer die Partnerschaft der letzten Jahre verfolgt hat, wundert sich nicht über die spieltechnische Souveränität dieses Orchesters. Francis, den man von San Diego bis Florida als musikalischen Allrounder schätzt, verzichtet auf jede eitle Pose. Er geht dieses musikalische Dickicht mit einer sportlichen Nüchternheit an, die den Werken hervorragend bekommt. Das ist bitter nötig, denn die zweite Sinfonie E-Dur op. 40 verlangt nach einer starken Hand. Dohnányi schrieb dieses kolossale Stück in den düsteren Monaten zwischen 1944 und 1945, auf der Flucht vor den Trümmern des kriegszerstörten Ungarn, gezeichnet von den Verwerfungen einer untergehenden Welt. Die Musik riecht nach Abschied, nach Trotz und nach dem krampfhaften Festhalten an einer mitteleuropäischen Kulturtradition, die ringsum in Schutt und Asche versank.

Der Eröffnungssatz steigt ohne Umschweife mit grimmiger Leidenschaft ein. Die Rheinland-Pfälzer werfen sich in diese spätromantische Architektur mit einem Vorwärtsdrang, der keine Pause lässt. Man hört die Nähe zu Richard Strauss, man ahnt den späten Max Reger – und doch bewahrt die Partitur eine eigenwillige, ja sture Eigenständigkeit. Francis bändigt die gewaltigen Orchesterwogen mit erstaunlicher Präzision. Statt im dichten Kontrapunkt zu versinken, schält er die motivischen Kanten scharf heraus.

Es folgt ein Adagio pastorale, das vordergründig Entspannung verspricht. Die Streicher breiten eine wunderbar süffige Kantilene aus, meilenweit entfernt von billiger Sentimentalität. Unter der scheinbar idyllischen Oberfläche brodelt es unaufhörlich. Das Orchester lässt die finsteren Abgründe der Epoche immer wieder kurz aufscheinen, ehe der Tonfall im dritten Satz abrupt kippt.

Diese Burla ist ein bitterböses Stück. Dohnányi inszeniert einen grotesken, schrillen Jahrmarkt: Blechbläser-Humtata, freches Holzbläser-Gekicher und rustikaler Rummelplatz, alles mit bewusster Schieflage. Man schmunzelt – und das Lächeln gefriert. Es hat etwas von einem Tanz auf dem Vulkan. Wie die Ludwigshafener dieses spöttische Spektakel servieren, besitzt echten Seltenheitswert.

Das Finale schlägt den denkwürdigsten Haken der ganzen Aufnahme. Nach der bitteren Groteske wendet sich Dohnányi unvermittelt Bach zu. Eine Introduktion mündet in Variationen über den Choral „Komm, süßer Tod, komm, sel’ge Ruh“, gipfelnd in einer doppelten Fuge und einer wuchtigen Coda. Francis gestaltet diesen Bach-Bezug verblüffend kammermusikalisch. Ein feines, makellos gesponnenes Violinsolo bricht die Erdenschwere der massiven Streichergruppen auf. Hier schließt sich der Kreis einer monumentalen Sinfonie, die trotzig den Glauben an die große Form beschwört.

Ganz andere Töne schlägt die Suite Ruralia hungarica op. 32b an. Dohnányi komponierte das Fünfsatzwerk 1923 ursprünglich für Klavier und orchestrierte es kurz darauf mit meisterhafter Farbenlust. Wer typisch ungarische Folklore im Stil Béla Bartóks erwartet, wird überrascht. Dohnányi sammelte keine Bäuerinnenlieder mit dem Phonographen im tiefsten Siebenbürgen. Er nahm echte Volksmelodien auf, bettete sie aber in das feine Samtkissen der westeuropäischen Orchestertradition.

Das einleitende Andante poco moto beginnt introspektiv. Die Holzbläser fächeln edle Klangweiten auf, die in ihrer Reinheit fast ein wenig an Mahler erinnern. Francis lässt dem Holz viel Luft zum Atmen und schenkt diesen Abschnitten feine Durchhörbarkeit. Der zweite Satz prescht schrullig und voller scharfer Kontraste dazwischen, ehe das Allegro grazioso ein elegantes Versteckspiel inszeniert – Streicher und Bläser charmieren miteinander, als säße man im Kaffeehaus des alten Budapest. Das Adagio non troppo bildet das dunkle Herzstück: düster, schwer und voller geheimnisvoller Ahnungen. Das Orchester lässt die Spannung bis zum letzten Aushalten des Tons nicht entweichen. Das abschließende Molto vivace feiert schließlich ein rauschendes Finale, in dem die Rheinland-Pfälzer ihre folkloristische Zunge komplett von der Leine lassen. Das wirbelt und funkelt an allen Ecken.

Diese Einspielung belegt eindrucksvoll, welch glücklicher Umstand die Zusammenarbeit zwischen dem britischen Dirigenten und dem Orchester aus Ludwigshafen ist. Das klingt nie nach pflichtbewusster Repertoire-Archäologie oder müdem Dienst nach Vorschrift. Die Musiker agieren selbstbewusst, technisch überlegen und mit einer Spielfreude, die dieser leider vernachlässigten Musik jede Spinnwebe von den Notenseiten bläst. Die Tontechnik von Capriccio liefert dazu ein Klangbild von guter Durchzeichnung.

Man mag Dohnányi vorwerfen, er habe die Avantgarde seiner Zeit ignoriert und starrsinnig an den Idealen des 19. Jahrhunderts festgehalten. Doch wenn diese Musik mit solch brennender Überzeugung und klanglicher Raffinesse interpretiert wird wie hier, werden solche Grabenkämpfe völlig nebensächlich. Sie sind unwichtig. Michael Francis und die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz haben einem großen Unvollendeten der Moderne ein würdiges Monument gesetzt.

Dirk Schauß, im August 2026

 

Ernst von Dohnányi
Sinfonie Nr. 2 E-Dur op. 40
Suite Ruralia hungarica op. 32b
Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz
Michael Francis, musikalische Leitung
Capriccio, C5502

 

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