ERL/Tiroler Festspiele: WE ARE THE LUCKY ONES 24.7.2026 (Susanne Lukas)

Frederick Ballentine, Alex Rosen und Germán Olvera singen und rocken durchs Leben. Copyright: Scheffold-Media
Leben, um davon zu erzählen – nicht von atemberaubenden Biografien berühmter Persönlichkeiten, sondern von mehr als 70 Westeuropäern und Nordamerikanern, geboren in den 1940er-Jahren. Menschen wie Du und ich mit – insgesamt 64 – kleinen Szenen und persönlichen Episoden: erzählt wird Historisches wie die Kriegswirren aus kindlicher Sicht um brennende Häuser, Vergewaltigung der Mutter und lauten Bomben, Mondlandung („was noch, wenn die Raketen zum Mond schicken können?“), Mauerfall, Ängste, dass Flugzeuge vom Himmel fallen („let them fall“) und Computerausfällen zum Millenium-Jahreswechsel, Klimawandel („durch die Wetteränderungen wird es Städte geben, in denen man nicht mehr leben kann“) und der Sorgen in den heutigen Tagen mit anhaltender Armut, Bootsflüchtlingen und Politikern, die Hitler verehren und trotzdem gewählt werden.
Vier Sängerinnen und vier Sänger geben tanzend, singend, steppend, sprechend, (mit-) trommelnd und spielend die privaten Erinnerungen der Interviewpartner von 1940-2026 wieder. Bei der österreichischen Erstaufführung (gemeinsames Auftragswerk mit der Niederländischen Nationaloper, wo die Uraufführung im März 2025 in Amsterdam stattfand) werden Geschichtsträchtiges privaten Erlebnissen gegenübergestellt, wie die ersten Orangen nach dem Krieg/gestohlenen Lebensmittelkarten/einfachste Urlaubserlebnisse in einer Hütte ohne Strom/Väter, die sich nie vom Krieg erholt haben und stumm bleiben/Studententage mit Debatten über die Zukunft/ersten Jobs/sexuelle Erfahrungen/Heiratsanträgen/Frühgeburten/Hauskäufe in sicheren Lagen/Jagdunfällen/Kindergeburtstagen/Beförderungen (man muss ja die Ausbildung der Kinder und vier Autos bezahlen)/Scheidungen und Existenzängste der Alleinerzieherinnen/Geschäftsreisen und zu viel Arbeit der Gatten, wodurch man die Geburten der eigenen Kinder versäumt/als das Haus so still wird, wenn alle Kinder ausgezogen sind/Kunstsammlungen und großartige Investitionen/50-jährige Klassentreffen in einem Raum voller Fremder/Todesfälle der Eltern und Ehepartnern/gebrochene Rippen nach Stürzen/Enkelkinder, die geliebt werden/alte Möbel, die niemand mehr will und verlassene Häuser/Handtaschendiebe, die weniger haben als die Überfallenen/Hörverlust und zuletzt der eigene Tod – mit und ohne Maschinen, mit lieben Verwandten oder mit Fremden und Krankenhauspersonal, zu Hause oder am Spitalskorridor. Zuletzt werden nur mehr Hinterlassenschaften aufgelistet.

Nina van Essen, Helena Rasker, Frederick Ballentine, Alex Rosen, Claron McFadden und Jacquelyn Stucker können berühren. Copyright: Scheffold-Media
Komponist Philip Venables (Libretto von Nina Segal und Regisseur Ted Huffman) können berühren, da jeder im Publikum vieles aus den eigenen Biografien und Gefühlen, die ausgelöst wurden, erkennt und ständig Identifikationen möglich werden, selbst wenn man nicht zu dieser Generation der „Glücklichen, denen es besser ging als den Eltern“ gehört. Zuletzt bleiben am Stückende viele Fragen zu unerfüllten Wünschen, verpassten Chancen, Geschichten, die nicht erzählt wurden, Zukunftsängsten und Unverständnis über Handy-und Computer-Wahn und der bequemen, heutigen Jugend, die keine Veränderung will, offen und entlassen in eine melancholisch-nachdenkliche Stimmung. Mit nur einer Rückwand und dem Spiel um den Orchestergraben kommt man ohne aufwändiges Bühnenbild (Ted Huffman) aus, die Requisiten werden kurzfristig aus Kartons geholt, projizierte Fotos und Videos untermalen die Handlung. Die Musik variiert zwischen schrillen Tönen, dramatischen Akkorden, euphorischen Klängen, sanfter, friedlicher Orchesterbegleitung, Swing und Tango, unterschiedlich zusammengesetzte Ensembles lösen kurze Arien und Duette ab – im ständigen Wechsel agieren dabei Claron McFadden (mit ausdrucksstarkem piani-fähigen Sopran), Jacquelyn Stucker (mit wunderschön-getragener Stimme), Nina Van Essen (die sich auch auf der Ukelele begleitet), Helena Rasker (mit voluminösen tiefen Lagen), James Kryshak (mit beeindruckender Stepp-Einlage), Frederick Ballentine (charismatischer Tenor mit tollen Stimmfarben, der sogar einen Spagat auf die Bühne bringt), Germán Olvera (stimmkräftiger Bariton) und Alex Rosen (mit tragfähiger Tiefe und großem Stimmumfang). Das Orchester der Tiroler Festspiele Erl unter Bassem Akiki vermag Emotionen berührend und stets passend untermalen, sodass alle Musiker und SolistInnen auf der Bühne einen langanhaltenden Jubelorkan in Empfang nehmen dürfen. „Change will happen, but maybe not what we want“

Das Ensemble erzählt menschliche Schicksale. Copyright: Scheffold-Media
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Susanne Lukas

