Tiroler Festspiele Erl: Siegfried 8.7. 2023 Prem.

Der Wanderer (Simon Bailey) auf Inspektion bei Mime (Peter Marsh. Foto: Xiomara Bender
Bei den Tiroler Festspielen schließt sich heuer mit SIEGFRIED und GÖTTERDÄMMERUNG der Wagners Nibelungenring in der Regie von Brigitte Fassbaender und dem Dirigat von Eric Nielsen, seit Sommer 2022 Chefdirigent des Orchesters der Tiroler Festspiele Erl. Auch bei ‚Siegfried‘ bestätigt sich wieder, daß im Passionsspielhaus, das für seinen eigentlichen Zweck nur alle 8 Jahre genutzt wird, eine packende szenische Umsetzung des Bühnenfestspiels ohne moderne Bühnentechnik auf höchstem Niveau mit also szenisch begrenzten Mitteln des Laienspieltheaters sehr wohl möglich ist. Auch die völlig andere Situation der musikalischen Wiedergabe schlägt zu Gute. Das Orchester sitzt aufsteigend hinter dem Bühnenraum und ist nur durch Paravente verdeckt, so daß es immer geahnt werden kann, auch der Dirigent ist wie eine Silhouette erkennbar. Akustisch stellt sich ein wunderbarer Mischklang ein, und die Motive fließen fast ineinander über. Eric Nielsen hält das musikalische Gewoge bestens im Lot und kann sich auf seine großteils jugendlichen Darsteller blind verlassen. Da alles näher beisammen ist, gibt es auch keine Zeitverzögerung zwischen Dirigat und produziertem Orchesterklang, was im bayreuther Festspielhaus zum Problem werden kann. Also viel musikalisches Glück im ‚Scherzo‘ des Nibelungenwerks, in dem auch die Entwicklung zur späten Schaffensphase des Komponisten eindrücklich herauszuhören war bei Wotans-Wanderers Niederfahrt zu Erda am Beginn 3.Akt.
In B.Fassbaenders Inszenierung hat sich Alberich ein neues Domizil ‚auf der Erde Rücken‘ gewählt, nämlich wo der Drache Fafner den Nibelungenhort bewacht. Es ist zwar nur zelt-artig, und der Böse wirft seinen anfallenden Müll wie Getränkedosen einfach heraus. Der vom Zuschauerraum auftretende Wanderer im blauen Anzug mit Speer und Hut oder die anderen Auftretenden entsorgen ihn dann wieder. Schon begleitet vom Waldvogel in fraulicher Gestalt (blaue enge Glitzerhose, Pumps,rot gefärbte Haare) kommen von der linken Seite Siegfried und Mime. Frau Waldvogel hat auch einen Mann dabei, den Tänzer Chris Wang. Spannend inszeniert die Auseinandersetzung Wanderer- Alberich in einer Art militärisch sportlicher Montur. Auch Mime erscheint zum zünftigen Stelldichein mit dem Bruder ähnlich gewandet, und muß sich vom Älteren final demütigen lassen (das avantgardistische Duett der beiden auch markant von Holzbläsern mit teils quäkenden und süffigen Tönen begleitet).Siegfried hier in grünem Pullover und beiger Weste, wenn er sich lustigen Gesellen, die ihm weiterhelfen können, erbläst. (Bühne und Kostüme: Kaspar Glarner) Der Drache,der schon bei Szenebeginn als Riesenechse mit spitzen Nacken- und Rückenschuppen als Video die Rückwand beherrschte, taucht dann aber auch in menschlicher Gestalt, aber mit schrecklicher Montur und flügelartigen Gebilden auf dem Rücken auf. Nach der Zerschlagung des Wotanspeers überschreitet Siegfried ein schmales rotes Feuerband und tritt in die Felslandschaft ein, die als schaum- und kristallartiger Hintergrund dargestellt ist. Auch die Erweckung Brünnhildes aus langem Schlaf und ihre Transformation vom göttlichen in ein menschliches Wesen verzögerte Entwicklung ihrer Liebe, kann Brigitte Fassbaender in fesselnde Bilder umsetzen und abgestimmten Bewegungen der beiden zeichnen. Auch diese musikalischen Punkstücke der Erweckung und der Entwicklung zu „Leuchtender Liebe – Lachender Tod“ gerät zu phantastischer Kongruenz mit der Szene.
Die durchweg guten Sänger und Sängerinnen sind Vincent Wolfsteiner als Titelheld, der Siegfried bereits vor ca.10Jahren in Nürnberg mit großem Erfolg gesungen hat. Als Brünnhilde begeistert Christiane Libor mit hochdramatischem Sopran und der Figur angemessenem liebreichen Timbre. Den Mime gibt mit seiner großen Erfahrung an der Frankfurter Oper Peter Marsh und kann dem Mime auch ganz extrovertierte heftigeTöne beimischen. Der Wanderer kommt in der Gestalt Simon Baileys ganz exzellent rüber und kann lange baß-baritonale Bögen zaubern. Craig Colclough ist ein vielleicht etwas schräger Alberich, aber seine schwellende Ausgestaltung der Gesangslinie bei sonorem Timbre kommt der überfrachteten Figur und dem schlimmen Brüderpendant auch zu Gute bzw entgegen. Zanda Svede ist ein super Alt mit Applomb. Und der Fafner Anthony Robin Schneider findet im Tod zu einnehmenden Belcantotönen. Anna Nekhames ist ein sehr sympathisch adretter Waldvogel und singt sehr manieriert.
Friedeon Rosén

