Tiroler Festspiele Erl Sommer 2023
8.7.2023 Passionsspielhaus: „SIEGFRIED“ …
…erfreut sich des Siegs! – In jeder Beziehung- szenisch, gesanglich und musikalisch.
Und was das vielleicht Bemerkenswerte an diesem „Ring“-Abend ist: Der Regisseurin Brigitte Fassbaender ist es gelungen, alle Charaktere, die Wagner da auf die Bühne gestellt hat, humoristisch zu hinterfragen, ohne dass sie ganz abstoßend wirken oder übermäßig glorifiziert werden. Auch die Götter, Riesen und Zwerge sind Menschen, wie im ganzen übrigen „Ring“. Aber was das Überwältigendste speziell in dieser Produktion ist: was das unsichtbare Orchester – nicht, wie in Bayreuth, im fürs Publikum unsichtbaren Graben vor der Bühne, sondern aus dem gänzlich abgedunkelten Hintergrund zu „sagen“ hat. Kaum dass man ein paarmal die Armbewegungen des Dirigenten, Erik Nielsen, durch einen geheimnisvoll-transparenten Zwischenvorhang ausnehmen konnte, tat sich da etwas, was gewiss auch unerfahrene Opernbesucher in permanente Spannung versetzte; umso mehr die wissenden Wagnerianer auf neue Weise ansprach: Da gab es keine Klänge um ihrer selbst willen, sondern stets spannungsgeladene instrumentale Aussagen, die entweder unmissverständlich bestimmte Fakten oder Emotionen vermittelten oder einfach aufwühlend waren. Ein ganz großes Lob hiemit auch für das Orchester der Festspiele Erl!
Und der nicht ganz klar definierbare szenische Hintergrund, zumeist dunkel, mit den Felswänden an beiden Seiten der Bühne, regte ständig zum Nachdenken an, in welche Welt die Übermenschen – Götter und Riesen, die bösen Zwerge und selten auf den Bühnen anzutreffende Wesen wie Nornen, oder im konkreten Fall ein Waldvogel, uns unter Richard Wagners genialer Leitung da entführen wollen ….
Die szenischen Mitarbeiter der wunderbaren Regisseurin, Kaspar Glarner (Bühnenbild und Kostüme), Juta Baaz (Kostümmitarbeit), Jan Hartmann (Licht), Bibi Abel (Video) und Mareike Wink (Dramaturgie) halfen beim vergnüglichen Gesamtkonzept sicherlich mit.
Kindertheater? Teilweise, ja. Beginnend mit dem kleinen Siegfried im Gitterbett, der vom ebenso abgekapselten Mime bereits für seine quasi erzieherischen Absichten missbraucht wird. Die einzige unbefriedigende Rollengestaltung war die des Mime. Beim zwar bösen, aber auch amüsant sein sollenden „Zwerg“, in Gestalt von Peter Marsh (der zwar nichts dafür kann, dass er größer als sein Ziehsohn ist), hätte die körperliche Aktion dafür sorgen müssen, dass er kleiner und verkrümmter erschienen wäre; abgesehen davon, dass er vokal nur eindimensional zu hören war – mit kräftigem Tenor und sehr wortdeutlich, aber wenig Ausdrucksvarianten. – Zu kritisieren wäre vielleicht noch der aus zwei weiblichen Personen bestehende Waldvogel: Anna Nekhames (singend) und eine Statistin (Chris Wang), die ganz unvogelgemäß auf der Bühne umherlief
Sämtliche anderen Personen waren exzellent geführt und gesanglich von hohem Niveau. Ganz rührend der statierende Knabe, der zu Beginn der Oper Mimes kleinen Ziehsohn Siegfried spielte, ehe dann der singende Titelheld auftrat. Der gebürtige Münchner Vincent Wolfsteiner, dessen sehr beachtliche Erstauftritte in den großen „Ring“-Rollen und als Tristan ich in Nürnberg erlebte, damals noch mit schlanker Figur, hat inzwischen zwar körperlich an Gewicht zugelegt, war aber vokal mit seinem wohlklingenden Heldentenor, sich von Akt zu Akt steigernd, so souverän wie damals schon. Darstellerisch gewann er durch die ebenbürtigen Partner im 2. und 3. Akt an Intensität und Glaubwürdigkeit.
Der Wanderer von Simon Bailey mit seinen langen, hochgesteckten Haaren und der Wanderausrüstung mit Rucksack und Speer war nicht nur stimmlich souverän, sondern er überraschte uns auch mit dem köstlichen Humor, den er in die Rolle investierte, wohl unter Nachhilfe der Regisseurin, die ihn in der Erda-Szene mit Sektgläsern für die Göttin aufwartenließ. Das wurde zu einem theatralischen Höhepunkt des Abends, zumal die erweckte Göttin in der attraktiven Gestalt der Lettin Zanda Svede an ihrer Schlafstätte mit ihrem Mezzo auch wohltönende Beiträge zu dieser erneuten Liebesbeziehung offerierte. Viele Besucher dieser Vorstellung, die diese Szene noch nie so menschlich kennen gelernt haben, bezeichneten die Erda-Szene als Höhepunkt des Abends!
Brigitte Fassbaenders eigene Bühnenerfahrungen sind da natürlich nicht zu unterschätzen. Aber auch nicht ihr Einfühlungsvermögen und Wissen, wie man alle Opernfiguren lebendig werden lässt.
Auch die Erweckung der so lang zum Schlafen verurteilten, dabei aber offensichtlich keinen gesundheitlichen Schaden erleidenden Brünnhilde nahm einen ungewohnten Verlauf. Christiane Libor lag zunächst inmitten der eindrucksvollen Felsenszenerie auf der Vorderbühne, unter einer Art von Ritterrüstung in Form eines Felsbrockens. Als Siegfried zuerst ihre nackten Füßen erblickt, küsst er diese, ehe sich das Götterkind dann zu einer ehrwürdigen Partnerin erhebt und die beiden mit kräftigen Stimmen ihre Zusammengehörigkeit bestätigen. Bravissimo!
Einen Riesen Fafner wie Anthony Schneider in einer Panzer-artigen Ritterrüstung als quasi Kriegszubehör von gewaltigem Umfang an seiner Schlafstätte hat man auch noch nie erlebt. Der „wilde Wurm“ entete den größten Lacherfolg des Abends! n
Um zu profaneren Dingen zurückzukehren: Die beiden Pausen waren viel zu kurz, um an den gedrängt vollen, auf engsten Raum beschränkten Buffets auch nur zu ein paar Würsteln oder einem Stück Torte zu kommen. Die Luft inmitten des Tiroler und angrenzenden Bayerischen Hochgebirgslands ist freilich ein Gottesgeschenk. Die Vorstellungen sind wieder ausverkauft, der Zulauf von Wagnerianern nicht nur aus deutschen Landen bleibt beachtlich und – es gibt – bei aller Originalität des im Passionsspielhaus gezeigten Bühnengeschehens keine werkzerstörenden Vorkommnisse.
Sieglinde Pfabigan

