19.7.2026 – „Cléopatre“ – Hector Berlioz (1803-1869)/ „Suor Angelica“ – Giacomo Puccini (1858-1924) – Festspielhaus Erl – Tiroler Festspiele Erl Sommer 2026
Zwei packende, dramatische Frauenschicksale in exquisiter Umsetzung!

Copyright: Xiomara Bender
Die reizvolle Kombination von „Cléopatre“ (Hector Berlioz) und „Suor Angelica“ (Giacomo Puccini) ist eine einzigartige Verbindung, die in Erl zur Aufführung kam und zwei dramatische Frauenschicksale, die durch patriarchale Zwänge in den Freitod getrieben werden, aufzeigte.
Im Mittelpunkt der beiden packenden Werke stehen die letzten, intimen Minuten zweier stolzer Frauen vor ihrem Tod durch Gift.
„Cléopatre“ scheitert an der Machtpolitik Octavians. Die ägyptische Königin reflektiert ihre Niederlage in einem eindrucksvollen, hochemotionalen Monolog kurz nach Einnahme des tödlichen Gifts. Musikalisch wird diese dramatische Ausnahmesituation in einer fesselnden Kantate für Solostimme und Orchester umgesetzt. Hector Berlioz schrieb das Werk als 26-Jähriger für den renommierten Komponistenwettbewerb „Prix de Rome“.
„Suor Angelica“ scheitert ihrerseits an der unerbittlichen Härte ihrer adeligen Tante und der sozialen Ächtung. Als sie im toskanischen Kloster, in das sie verstoßen wurde, vom Tod ihres unehelichen Kindes erfährt, nimmt sie sich aus Verzweiflung das Leben und bittet im Sterben um Vergebung und erfährt Erlösung.
In der Inszenierung von Deborah Warner durchleidet zunächst „Cléopatre“ (Lyrische Szene nach einem Text von Pierre-Ange Vieillard) in einem kargen Zimmer, umgeben von zwei Dienerinnen (Maryam Abu Khaled, Sabeen Saeed Ritter) die letzten dramatischen Minuten ihres aufwühlenden Lebens. Begleitet von leidenschaftlicher Verve und akribischer Vorbereitung auf den sicheren Tod vor Augen läßt sie ihr irdisches Dasein Revue passieren und muss ihre Niederlage seelisch schwerst verletzt hinnehmen.

Copyright: Xiomara Bender
Grandios war Véronique Gens in der Rolle der Cléopatre zu erleben. Mit enormer Bühnenpräsenz, gut geführter Stimme, hochdramatischem Impetus und überragender Authentizität faszinierte die fantastische Sängerin mit ihrer Interpretation dieses exzeptionellen Frauenschicksals. Getragen von der luftigen Transparenz, Fülle und einnehmenden Vielschichtigkeit der Musik von Hector Berlioz. Exzellent umgesetzt vom Orchester der Tiroler Festspiele Erl unter der souveränen, empathischen, musikalischen Leitung von Edward Gardner.
Gefangen im täglichen Ritual des Klosterlebens, umgeben von den klösterlichen Mitschwestern erfährt Suor Angelica ein ähnliches Schicksal, aber aus einer anderen Motivation heraus.
Deborah Warner zeigte hier, aus authentischer Perspektive, die Macht des Klosters, von der Suor Angelica geradezu erdrückt wird, das tägliche Leben mit ihren Mitschwestern und die enorme Verzweiflung über den Tod ihres unehelichen Kindes und den schweren Konflikt mit ihrer Tante, der Fürstin. Für das Bühnenbild und die Kostüme zeichneten (wie auch in „Cléopatre“) Anthony McDonald und das Licht Urs Schönebaum verantwortlich. Der Bewegungscoach war Lucy Burge.
Die einaktige Oper von Giacomo Puccini mit dem Libretto von Giovacchino Forzano wurde vom Orchester der Tiroler Festspiele Erl unter der abermals souveränen, musikalischen Leitung von Edward Gardner glänzend präsentiert. Der lyrisch, dramatische Impetus, die Klangfülle und die unabdingbaren, hinreißenden Rubati in der faszinierenden Klangsprache Puccinis erfuhren ihre adäquate, orchestrale Umsetzung.

Copyright: Xiomara Bender
Corinne Winters brillierte in der Rolle der Suor Angelica. Mit perfekt sitzendem Sopran, mitreißender Dramatik, hingebungsvoller Darstellung und berückender Authentizität durchlebte sie diese, von Verzweiflung zerrüttete, Frauenfigur, die letztendlich den Freitod durch Gift wählt.
Alice Coote beeindruckte vor allem stimmlich in der Rolle der Fürstin, Angelicas Tante. Markant, akzentuiert und pastos führte sie den dramatischen Diskurs mit ihrer verzweifelten Nichte.
Elena Zilio fesselte als Äbtissin mit enormer Bühnenpräsenz, Persönlichkeit und durchschlagender, ausdrucksstarker Stimme.
Durchgehend ausgezeichnet besetzt waren die Mitschwestern:
Enkelejda Shkoza (Die Schwester Eiferin), Marta Pluda (Die Lehrmeisterin der Novizinnen), Christina Gansch (Schwester Genovieffa), Maria Knihnytska (Schwester Osmina), Anna Cavaliero (Schwester Dolcina), Sayumi Kaneko (Die Schwester Pflegerin), Zoe Hippius (Erste Almosensucherin), Antonia Salzano (Zweite Almosensucherin), Chiara Polese (Eine Novizin), Tamar Otanadze (Erste Laienschwester), Vera Maria Bitter (Zweite Laienschwester), Statisten (Johanna Förster; Maximilian Schindlholzer).
Hervorragend der Chor der Tiroler Festspiele Erl (Leitung: Olga Yanum) und der Kinderchor der Schule für Chorkunst München (Leitung: Maksim Matsiushenkau).

Copyright: Xiomara Bender
Eine fantastische, zutiefst berührende Aufführung zweier hochdramatischer Frauenschicksale in exquisiter Umsetzung!
Marisa Altmann-Althausen

