Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

ERL/ Tiroler Festspiele: CARMEN – konzertant

26.07.2026 | Oper in Österreich

ERL/Tiroler Festspiele: CARMEN

25.7.2026 (Susanne Lukas)

erca1
Temperamentvolle Seguidilla mit Eva Rae Martinez, Aigul Akhmetshina und Lucy Baker. Foto: Scheffold Media

Karten für diese konzertante Carmen-Vorstellung in Erl waren so begehrt, dass sogar über 100 zusätzliche Sitzplätze vor der ersten Reihe geschaffen wurden. Das Publikum erlebt die allerbeste Carmen dieser Tage: die betörende Aigul Akhmetshina. In feurig-rotem Kleid mit tiefem Ausschnitt, offenen Haaren, kokettem Blick und der Akazienblüte in der Hand schreitet sie mit sinnlichem Hüftschwung vor dem Orchester auf und ab und besingt in der Habanera ihre eigenen Gesetze über die schnell vorübergehende Liebe. Die Russin tanzt heißblütig bei der Seguidilla und verströmt laszive Leidenschaft und südliches Temperament bei den Verführungen Josés. Auch nach der Pause besticht die Mezzosopranistin im enganliegenden, schulterfreien Kleid mit roten Blumen an Saum und Dekolleté. Ihre kraftvolle, dunkel timbrierte Stimme und die herrlich ertönenden tiefen und hohen Lagen mit viel Volumen und Glut begeistern – dabei wirkt alles vollkommen leicht und natürlich – sie interpretiert nicht Carmen – sie verschmilzt mit der Figur der selbstbestimmten Frau, die die Luft um sich erhitzt! Besser geht es nicht! Da fehlen weder Bühnenbild noch Requisiten; die Reduktion aufs Wesentliche mit Bizets Musik voller blühender Melodik und der mitreißenden Performance von Akhmetshina mit ihrem expressiven Spiel und stimmlicher Präzession ist man gänzlich beglückt.

Ihre Freundinnen ergänzen beim Feiern in der Schenke von Lilas Pastia und in der Kartenszene mit einheitlichem Gesang und verführerischem Tanz. Lucy Baker als Mercédès gefällt besonders, während Eva Rae Martinez ihrer Frasquita manchmal einen eher harten Klang verleiht, als sie vom zukünftigen Glück träumt. Die Ensembleleistung des Schmugglerquintetts (mit zusätzlich Vladislav Chizhov als Dacaïre und Alberto Robert als Remendado) gelingt sehr schönstimmig.

Michael Fabiano kann seinem Don José darstellerisch kein Profil geben, er wirkt im zu engen Anzug steif, zeigt sich mit nicht unbedingt gewinnender Mimik und mit zu gekünsteltem Spiel. Vokal ist sein desertierender Soldat ebenfalls inhomogen: der US-Amerikaner kämpft mit Unsicherheiten, trifft nicht immer den richtigen Ton und muss oft merklich forcieren. Dann folgen wieder passend schmelzreiche Passagen mit Höhensicherheit und schöne lyrische Klangfarben. Die Blumenarie gelingt innig und mit einem zarten piano beim Liebesgeständnis am Schluss.

erca2
Escamillo (Alexander Vinogradov) zeigt den Sieg über den Stier. Foto: Scheffold-Media

Trotzdem entscheidet sich Carmen schlussendlich für den wandernden Stierkämpfer aus Granada, da sich die beiden sehr ähneln bei ihrem gefährlichen Spiel mit Feuer und Tod. Alexander Vinogradov bringt sein Auftrittslied mit lang andauernden Spitzentönen und Kniefall, um seinen Kampf gegen den Stier noch eindrucksvoller zu gestalten. Einige Kinder des ausgezeichneten Kinderchors der Schule der Chorkunst München (Leitung: Maksim Matsiushenkau) winken freudig vom Dirigentenpult beim Einzug des Toreros. Auch der Bass aus Moskau scheint viel Spaß und Freude auf der Bühne in Erl zu haben. Vittorio De Campo setzt als Zuniga auf stimmliche Kraft mit Wohlklang-Timbre.

Asher Fisch vermittelt umfassende Souveränität am Pult und bringt mit anmutigen Bewegungen und oft wenigen Takteinsätzen gewaltigen Schwung, mitreißende spanische Rhythmen und bezwingende Eleganz. Hervorgehoben sei die wundervolle sanfte Einstimmung vor dem 3. Akt mit klangvoller Einleitung von Harfe und Querflöte.

Die verbindenden Orchesterrezitative, von Bizets Freund Ernest Guiraud nach dem frühen Tod des Komponisten nachkomponiert, fehlen. Stattdessen führt die Lautsprecherstimme von Jonas Kaufmann durch die Handlung und erzählt aus der Sicht von José nach Mérimées Novelle. Für die wenigen Nichtkenner der Oper mag das interessant sein, aber die ständigen Unterbrechungen stören mit der Zeit den Spielfluss und den Spannungsaufbau. Die exakte Beschreibung von der Waise Micaëla mit blonden Zöpfen und blauem Rock lösen beim gleichzeitigen Auftritt von Pretty Yende mit dunklem Haar und schwarzem Galakleid Gelächter aus. Die Südafrikanerin spielt glaubwürdig das schüchterne Dorfmädchen und die liebende, junge Frau. In die noch immer warme, schöne Stimme mischen sich leider einige Male Schärfe und leichtes Vibrato.

Als am Stückende  der desertierende Soldat in blinder Eifersucht seine Geliebte niederringt und sie erwürgt  am Bühnenrand, bricht großer Jubel beim Erler Publikum aus.

erca3
Stimmiges Liebesduett von Carmen (Aigul Akhmetshina) und Escamillo (Alexander Vinogradov): Foto: Schaffold-Media

Susanne Lukas

 

 

Diese Seite drucken