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ERL/ Tiroler Festspiele: AIDA. Derniere

20.07.2019 | Oper


Foto: Xiomara Bender/ Festspiele

Tiroler Festspiele Erl (TFE): AIDA, 19.7.2019  (3.Vorstellung, Derniere)

Die erste Neuinszenierung der Nach-Gustav-Kuhn-Ära galt Verdis Aida. Es zeigte sich aber gleich, daß das sog. Kuhn-Stammpublikum weiterhin das Festspielhaus bevölkert, auch wenn sicher die Fama die Runde gemacht hat, daß es sich hier um eine ‚moderne‘ Inszenierung ohne pharaonische Ägypten-Folklore handelt. Die Leute lassen sich halt nicht vom Erl-Besuch abhalten, wo auch drumherum alles paßt, und jeder Mensch, auch ein (Klang)magier wie Kuhn ist im Prinzip austauschbar. Aber man darf den Erfolg der Oper auch nicht überbewerten, schließlich ist heuer ein Jahr des Übergangs, und der jetzige künstlerische Leiter Andreas Leisner nur auf Abruf tätig, die neue Intendanz Bernd Loebe scharrt bereits in den Startlöchern.

Also Aida. Dabei muß zuerst einmal festgehalten werden, daß das Orchester der TFE nichts von seiner Wucht und seiner Majestät, die es unter Gustav Kuhn auszeichnete, verloren hat. Für das mit knapp 800 Plätzen viel kleinere Festspielhaus als das sonst parallel bespielte Passionsspielhaus (1500) erscheint der Orchestergraben enorm, und sicher hat sich Kuhn damit einen Wunsch erfüllt, von dem jetzt nur profitiert werden kann. Die für Erl neue Dirigentin Audrey Saint-Gil, die aber schon über ein gewisses Renomèe verfügt, hat den Riesenapparat von Beginn an fest im Griff. Und das nicht durch heftige Bewegungen oder ‚Armrudern‘, sondern die zierliche Person dirigiert eher locker-sparsam, aber umso wirkungsvoller. Zwar wirken die ersten 2 Akte manchmal noch etwas verhalten, fast verlangsamt zurückgenommen, aber ihre kluge Agogik gepaart mit Zeichen gebendem Input setzen sich immer mehr durch. Resultat ist ein immer angemessener „dräuender“ Sound, dem später durch hell rufenden Verdi-Trompeten und die majestätischen Harfen bei der vielfältigen Anrufung der Götter Isis und Phta klangliche Glanzlichter aufgesetzt werden. Und im 4.Akt, wenn auch die Solisten ihr Bestes und Alles geben, scheint es zu einem wahren Klang-Ozean auszuufern.

Dagegen treten Regie und Bühne von Daniela Kerck etwas in den Hintergrund. Das Einheitsbild ist die klassizistisch anmutende Innenhalle des Königspalastes, dessen vergoldete Deckenstuckierung unvollendet geblieben ist. Links ein durch Stufen erhöhtes Portal, durch das das Paar Aida – Radames final (ins Nichts?) schreitet. An der Hinterwand manchmal wenig aussagekräftige Videos, besonders das Staatsemblems einer roten Sonne mit konzentrisch darauf gerichteten Pfeilen. Diese Emblem auf einem Riesentuch gedruckt, wird von den Sklavinnen beim Triumphmarsch für die Majestäten und Radames hochgeschwungen. Der Saal hält links Auftritte bereit, wo die Sklavinnen und die Krieger als Guerilleros öfter in Kreisbewegungen auftreten (Choreo: Ilja Vlasenko). In der Inszenierung stellt Kerck von Anbeginn klar, hauptsächlich auch mit den Kostümen von Andrea Schmidt-Futterer, daß es sich um eine islamische Gesellschaft handelt, in der die Frauen unterdrückt werden. Natürlich wurden auch die Slavinnen im Pharaonenreich unterdrückt, aber hier wird es dezidiert durch diverse peinlichste Aktionen gegen die in grauen Röcken und mit weißen Kopfbedeckungen auftretenden nur als Gespielinnen für die Männer Bestimmten, explizit und immer wieder betont. Auf Aida wird im Verlauf ein Mitglied der „Revolutionsgarde“ extra abgestellt, das sie in permanentem Schach hält. Aber die Gewalt setzt sich auch bei den Frauen selber fort. Wenn sie allein sind, fesseln sie erstmal ein ’schwarzes Schaaf‘ der ihrigen an einem Schrank und bespucken es. Auch die junge Sacerdotessa ist vielfältiger Männnergewalt ausgesetzt. Unverständlich bleibt, daß Aida im Nilakt ein weißes Bündel in die Arme gedrückt wird, wie auch die Kriegsgefangenen in durchsichtigen Plastiksäcken hereingebracht werden. Durch solche Bilder verstört die Regie einigermaßen.

Die Chöre der Chorakademie tragen ihren Teil durch klanglich ausgewogenen Gesang bei, nur die Männerchöre outrieren manchmal. Die Priesterchöre nach dem Nilakt sind aber wieder ganz homogen und kräftig im Klang (E.: Olga Yanum).

Den König singt in blauer Brokatgewandung (ähnlich wie Amneris) mit bassalem Applomb Raphael Sigling. Nach unausgeglichenem Beginn findet sich Teresa Romano stark in die Rolle der Amneris hinein. Es steht ihr eine warme voluminöse mächtige Altstimme  zu Verfügung, die sie im Kampf um die Liebe und das Leben Radames‘ immer besser in die Höhe fokussieren kann. Maria Katzarava, eine gebürtige Mexikanerin, ist Aida und hat vielleicht die beste jungdramatisch durchschlagende Sopranstimme, die sich am Ende gegen die Orchesterwogen brillant behaupten kann. Aber zu größter Form läuft sie erst im letalen Schlußakt auf, vorher kämpft sie in den Höhen besonders mit der Intonation. Ihrem  Partner Ferdinand von Bothmer gelingen die Tenorhöhen zu Beginn auch suboptimal, ‚Celeste Aida‘ am Anfang ist aber auch eine unglaubliche Herausforderung, besonders was den zu diminuierenden Schlußton angeht. Mit angenehmem Timbre kann er überzeugen, wenn er regielich auch etwas allein gelassen wird. Da bekommt der Ramfis des Giovanni Battista Parodi etwas besser weg, besonders wenn er die sich an ihn klammernde und um Radames bittende Amneris mit einer gehörigen Portion Frauenverachtung von sich stößt. Sein klar prononcierter Baß läßt keine Wünsche offen. Eine im ersten Akt vorkommende ‚Kriegserzählung‘ ist die einzige Aufgabe des Boten. Tenoral adäquat entledigt sich ihr Denys Pivnitsky. Eine sehr schönstimmige Sacerdotessa trägt die gerade 20jährige Giada Borrelli bei.                                                 

 Friedeon Rosén

 

 

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