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ERFURT/ Theater: „MÄRCHEN IM GRAND-HOTEL“.Operette von Paul Abraham. Premiere

07.12.2025 | Operette/Musical/Show

Theater Erfurt/ Paul Abrahams Operette „Märchen im Grand-Hotel“/ Premiere am 06.12.2025

 Glanzvolle Wiederentdeckung im Theater Erfurt

 „Märchen im Grand-Hotel“ begeistert mit Jazz, Glitzer und Herz

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Foto: Theater Efurt/ Lutz Edelhoff

Was für ein rauschendes Fest! Mit der Premiere von Paul Abrahams Operette „Märchen im Grand-Hotel“ ist dem Theater Erfurt ein kleines Wunder gelungen: Die Wiedererweckung einer fast vergessenen Jazzoperette, die 1934 in Wien uraufgeführt und dann von den Nazis dem Vergessen preisgegeben wurde, erstrahlt nun in neuem Glanz — und wie sie strahlt!

 Eine Geschichte aus dunklen Zeiten

Nur wenige Wochen nach der gefeierten Uraufführung von Abrahams „Ball im Savoy“ übernahmen die Nationalsozialisten die Macht in Berlin. Binnen kurzem verschwanden Operetten jüdischer Komponisten von den Spielplänen — also fast alle. Paul Abraham, geboren 1892 in Apatin (heute Serbien), flüchtete nach Wien, wo sein „Märchen im Grand-Hotel“ am 28. März 1934 am traditionsreichen Theater an der Wien uraufgeführt wurde. Regie führte damals Otto Preminger, der später in Hollywood Karriere machen sollte.

Die Operette war ein großer Erfolg und blieb zwei Monate auf dem Spielplan. Doch weil ihr Deutschland als Aufführungsort verwehrt blieb, wurde sie nie so bekannt wie Abrahams frühere Triumphe „Viktoria und ihr Husar“, „Die Blume von Hawaii“ oder „Ball im Savoy“.

Erst 2018 erlebte sie ihre deutsche Erstaufführung, 84 Jahre nach der Uraufführung.

 Biografie

Paul Abraham, ein ungarischer Komponist populärer Operetten und Filmmusiken, wurde 1892 in Apatin (heute Serbien) geboren. Sein Leben war ereignisreich und dramatisch. Seine Mutter war Pianistin, sein Vater Bankdirektor. Nach dem Tod des Vaters zog die Familie nach Budapest, wo Paul seine Ausbildung erhielt: zunächst an der Handelsschule, dann an der Musikakademie. An dieser Institution wurden Abrahams erste Werke – das Cellokonzert, die Ungarische Serenade und das Streichquartett – konzertant aufgeführt. In diesen Jahren widmete sich der junge Komponist intensiv der geistlichen Musik, doch die Partituren seiner frühen Werke sind nicht erhalten.

Die Jugend des Komponisten war recht turbulent. Im Ersten Weltkrieg diente er als Soldat und geriet in Gefangenschaft. Er arbeitete eine Zeit lang als Bankier, doch die Inflation ruinierte ihn. Nach einer Haftstrafe trat er in kleinen Cafés auf.

In dieser Zeit komponierte er die Musik für den Stummfilm „Die Frau aus dem Osten“ und übernahm die Leitung des Operettentheaters.

Ab 1928 widmete er sich der Operette und dem Musical. Paul Abraham komponierte 13 Operetten, darunter „Victoria und ihr Husar“ und „Der Ball im Savoy“, sowie Orchesterwerke, Kammermusik, Stücke für verschiedene Instrumente, Romanzen, Chöre und Musik für Theaterstücke und Filme.

Das Geheimnis seines Erfolgs lag in der gekonnten Verbindung von Tradition und neuen Strömungen. Neben traditionellen Operettenrhythmen wie Walzer, Polka und Czardas finden sich in Abrahams Werken auch Charleston, Foxtrott und Tango. Gleichzeitig schrieb der Komponist Filmmusik (der Tonfilm steckte noch in den Kinderschuhen) und Revuenummern. Das letzte bedeutende Ereignis in der Operettenwelt der Vorkriegszeit war „Der Ball im Savoy“.

Paul Abraham befand sich auf dem Höhepunkt seines Ruhms, als dieser Wohlstand über Nacht zusammenbrach. Die Nationalsozialisten kamen an die Macht – und Abraham war Jude. Seine Operetten wurden umgehend aus dem Repertoire aller deutschen Theater gestrichen.

Paul Abraham floh nach Wien, wo seine Operette „Das Märchen im Grand Hotel“ am 28. März 1934 im berühmten Theater an der Wien Premiere feierte. Regie führte Otto Preminger, der später in Hollywood berühmt wurde. Die Operette war ein durchschlagender Erfolg und blieb zwei Monate im Repertoire. Da sie jedoch nie in Deutschland aufgeführt wurde, erreichte sie nie denselben Ruhm wie Abrahams frühere Triumphe: „Victoria und ihr Husar“, „Die hawaiianische Taube“ oder „Der Ball im Savoy“. Die deutsche Erstaufführung fand 2018 statt, 84 Jahre nach der Weltpremiere.

In den folgenden Jahren lebte der Komponist in Wien, dann in Budapest. Aufgrund der Judenverfolgung musste er Budapest jedoch verlassen. Er ging nach Paris und später in die Vereinigten Staaten.

1943 zeigten sich erste Anzeichen einer Geisteskrankheit und 1946 wurde Abraham in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Sein Aufenthalt dort wurde zufällig entdeckt, als die US-Behörden versuchten, ihn wegen seines abgelaufenen Visums abzuschieben. Dank des Einsatzes eines deutschen Freundes Abrahams konnte Geld gesammelt werden, um den Komponisten 1956 nach Deutschland zu holen. Er komponierte bis zu seinem Tod kein weiteres Werk mehr, improvisierte aber weiterhin wunderschön am Klavier. Abraham starb 1960 in Hamburg.

 

Das Autorengespann

Mitverantwortlich für Pauls Abrahams Erfolg der Operette „Märchen im Grand-Hotel“ waren seine Librettisten Fritz Löhner-Beda und Alfred Grünwald. Löhner-Beda, einer der bekanntesten Schlagertexter seiner Zeit, schrieb Hits wie „Ausgerechnet Bananen“ und arbeitete eng mit Franz Lehár zusammen. Mit der Machtübernahme der Nazis brach seine Karriere abrupt ab: Er wurde mit dem ersten Gefangenentransport aus Wien nach Buchenwald deportiert. Seine enge Zusammenarbeit mit Lehár, immerhin Hitlers Lieblingskomponisten, half ihm nichts. Der Text des „Buchenwaldliedes“ stammt von ihm. Er und seine Familie starben im Konzentrationslager.

 

Alfred Grünwald gelang die Flucht in die USA, wo er bereits bekannt war. Er arbeitete mit Komponisten wie Leo Fall, Oscar Straus und Emmerich Kálmán zusammen und konnte in Amerika einigermaßen Fuß fassen, wurde dort aber nie heimisch.

 

Die Handlung

Das Stück spielt im Grand Palace Hotel in Cannes, einem Treffpunkt exzentrischer Aristokraten und Filmemacher. Die Operette dreht sich um die unmögliche Liebe zwischen der verbannten Infantin Isabella und dem Kellner Albert.

Infantin Isabella lebt mit ihrem Gefolge im Exil im Grand Hotel in Cannes. Sie verliebt sich in den tollpatschigen Kellner Albert, der in Wirklichkeit der Sohn des wohlhabenden Hotelbesitzers ist. Trotzdem weigert sich die Infantin, ihn zu heiraten.

Marylou, die Tochter eines Hollywood-Produzenten, sucht nach einer passenden Filmhandlung und entdeckt dabei die Liebesgeschichte des Paares.Die Handlung ist eine exzentrische Komödie mit schrägen Charakteren, die an Hollywood-Filme der 1930er Jahre erinnert.

Die Handlung ist mit musikalischen Elementen wie Walzern, Foxtrotts und modernen Tänzen angereichert. Abraham befriedigte mühelos das Unterhaltungsbedürfnis seines Publikums.

 

Ein Regiekonzept mit Vision

Regisseur Stephan Witzlinger, der bereits mit seiner „Titanic“-Inszenierung überregional für Furore sorgte, beweist erneut sein außergewöhnliches Gespür für theatralische Großformate. Sein Credo „Jeder darf so sein, wie er ist“ durchzieht die gesamte Inszenierung wie ein goldener Faden. Offenheit, Toleranz und Vielfalt sind nicht nur Schlagworte, sondern werden auf der Bühne gelebt, in jeder Geste, jedem Kostüm, jeder Tanzfigur.

 

Musik, die unter die Haut geht

Clemens Fieguth am Dirigentenpult entlockt dem Orchester, das nur den halben Orchestergraben braucht und mit allerhand Tingeltangel besetzt ist, einen Sound-Cocktail, der süchtig macht: Jazz, Tango, Swing und der traditionelle Wiener Walzer verschmelzen zu einem musikalischen Erlebnis. Abraham gab der Gattung Operette neue Impulse, indem er seine Musik konsequent mit Jazz-Elementen versah, sowohl in der Harmonisierung als auch in der Instrumentierung. Als unerschöpflicher Erfinder eingängiger Melodien konzipierte er seine Songs von Anfang an so, dass sie auch im Rundfunk funktionierten. Man spürt förmlich, wie die Musiker präzise und mit viel Schwung musizieren. Das ist eine ordentliche Portion Sound-Doping, die den Puls der 1920er und 1930er Jahre in die Gegenwart holt.

 

Tanz als Sprache der Freiheit

Gabriel Pitonis Choreografien sind nichts weniger als spektakulär. Gespielt wird mit maximalem, stark stilisiertem Körpereinsatz, das Tempo ist rasant. Die zahllosen Dancebreaks spiegeln die Vielfalt amerikanischer Tanzmusik wider und wirken wie klassische Broadway-Nummern. Das Tanzensemble mit Khanh Vi Pham Do, Ann-Kathrin Wurche (zugleich Dance Captain), Magdalena Wurm, Romy Eckenfels, Alessandro Dal Molin und Marwan Mohammed Doornekamp agiert dabei so energiegeladen, dass man am liebsten selbst auf die Bühne springen möchte.

 

Eine Bühne, die Geschichten erzählt

Lena Scheerers Ausstattung ist ein Augenschmaus: Auf einem großen, drehbaren Bühnenwagen steht das in die Jahre gekommene Grand-Hotel, dessen verblasste Pracht man fast riechen kann.

Die Kostüme: von staubig gedeckt bis sommerlich lachs-orange, spielen wunderbar mit Geschlechterkonventionen: Schnurrbärte treffen auf Lippenstift, Badeanzüge aus den 30er Jahren auf die raffinierten rosafarbenen Hoteluniformen des Personals. Alles ist möglich, und genau das macht den Charme dieser Inszenierung aus.

Die Räume im Filmkulissen-Stil mit Kameras und Scheinwerfern schaffen eine faszinierende Ebene. Der beständige Einsatz der Drehbühne ermöglicht einen geradezu filmischen Ablauf der Szenen, ein Spiel in vielen Auf- und Abblendungen.

Besonders charmant: die „Jonny-Bar“ mit ihrer Poolleiter, die direkt in den Orchestergraben führt. Leider gab es während der Premiere ein technisches Problem mit der „Hebebühne-Jonny-Bar“. Denn die Hebebühne ließ sich nicht mehr herunterfahren, das erklärte das Theaterteam. So kam es zu einer zweiten Pause. Das Publikum reagierte sehr gelassen und mit viel Verständnis. Ja, es gab sogar viel unterstützenden Applaus als es weitegehen konnte.

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Foto: Theater Erfurt/ Lutz Edelhoff

Eine Geschichte voller Herz

Abraham bediente bereitwillig das Unterhaltungsbedürfnis seines Publikums: Nicht die logisch aufgebaute Handlung steht im Mittelpunkt, sondern eine abwechslungsreiche Szenerie, die ausreichend Gelegenheiten für musikalische Einlagen schafft. Witzlinger serviert die Pointen eiskalt statt in alter Operettenmanier lauwarm und schafft es dabei, die Geschichte über Standesgrenzen hinweg zu einer zeitlosen Botschaft über wahre Identität und Liebe zu verdichten.

Stephan Witzlingers Regiekonzept arbeitet nicht mit Rollenstereotypen. Er wirbelt die Besetzungen noch einmal durcheinander und steigert damit den Witz. Er tauscht in seiner Inszenierung einige Männerrollen mit Sängerinnen und die Hofdame mit einem Sänger.

 Die Handlung um die Filmproduzententochter Marylou (Julia Steingaß), die exilierte Infantin Isabella (Antonia Schuchardt) und den vermeintlichen Tollpatsch-Kellner Albert (Kammersänger Jörg Rathmann), in Wahrheit Hotelerbe, mag auf den ersten Blick wie eine klassische Verwechslungskomödie wirken.

Antonia Schuchardt als Infantin Isabella überzeugt das Erfurter Publikum mit ihrem glockenhellen Sopran und ihrem extravaganten Spiel. Jörg Rathmann als Kellner Albert beherrscht die Bühne mit seinem witzigen Spiel und viel Situationskomik. Gemeinsam sind sie Gegensätze, die sich anziehen und wie! Julia Steingaß als Marylou ist eine Musicalsängerin und bringt Schwung und frischen Wind in die Handlung.

Dabei glänzen neben den drei Hauptfiguren auch Prinz Andreas (Tristan Blanchet), die vielseitige Kammersängerin Katja Bildt in der Doppelrolle Chamoix/MacIntosh, Kammersänger Máté Sólyom-Nagy als Inez de Ramirez, Iris Schmid in der Doppelrolle Matard/Dryser sowie Juri Batukov als Großfürst Paul/Barry.

Máté Sólyom-Nagy als Inez de Ramirez überrascht das Publikum mit den besonderen Fähigkeiten seiner Verwandlungskunst. Die schrullige Lebe- und Hofdame, die er an diesem Abend auf die Bühne zaubert, erstaunt und belustigt zugleich.

Das stimmgewaltige Herrenquartett mit Mark Mönchgesang (Tenor I), Yü Yen Lai (Tenor II), Borislav Rashkov (Bass I) und Yevhenii Dunduk (Bass II) setzt zusätzliche musikalische Akzente und verleiht der Inszenierung jenen typischen Operettenglanz. Dieses Quartett hat mit einer überragenden Leistung gesungen und spornte das Publikum zu Szenenapplaus an. Die hohe Qualität ihres Chorus Gesangs faszinierte alle Zuhörer.

Operette trifft Musical

Diese Produktion macht enorm viel Spaß und bietet beste Unterhaltung — mit sehr viel Glitzer. Dadurch bekommt die Operette einen modernen Musical-Touch, und nicht wenige der Choreografien wirken wie klassische Broadway-Nummern. Das Tempo ist rasant, die Inszenierung schafft es, sowohl Operetten- als auch Musical-Fans gleichermaßen zu begeistern.

 Fazit: Ein Glücksfall für Erfurt

Mit der Premiere von Paul Abrahams „Märchen im Grand-Hotel“ präsentiert das Theater Erfurt die gelungene Rekonstruktion einer jener Berliner Operetten, denen die Nazis einst den Garaus machten. Ein anregender Cocktail aus Jazz, Walzer, Tango, Foxtrott, Schampus, Lebens- und Liebeslust.

Witzlinger holt die 1934 in Wien uraufgeführte Jazzoperette in einer Weise in die Gegenwart, die alle nach neuen Zwanzigern röhrenden Herzen höher schlagen lassen wird. Operettenunterhaltung heißt hier nicht nur Lachen-Sollen, sondern, wenn sie gut ist, auch Träumen-Dürfen. Erfurts „Märchen im Grand-Hotel“ ist so ein Glücksfall!

Nicht nur das Operetten-Herz wird hier erfreut, auch jeder Musical-Fan sollte sich diesen märchenhaften Abend im Grand-Hotel nicht entgehen lassen. Diese Inszenierung ist mehr als nur Unterhaltung, sie ist ein Statement für Vielfalt, Toleranz und die Kraft der Kunst.

Ein Team, das verzaubert

Das künstlerische Team unter der musikalischen Leitung von Clemens Fieguth, mit Stephan Witzlingers visionärer Inszenierung, Lena Scheerers bildgewaltiger Ausstattung, Gabriel Pitonis mitreißender Choreographie und der dramaturgischen Betreuung durch Bartholomäus Pakulski hat hier ein Gesamtkunstwerk geschaffen, das noch lange in Erinnerung bleiben wird. Für diesen Abend gibt es in Erfurt tosenden und stehenden Applaus und unendlich viele Bravo-Rufe und begeisterte „Juhus“ und zwar Generationen übergreifend.

 Weitere Termine: 14.12., 15 Uhr | 20.12., 19 Uhr | 26.12., 18 Uhr | 31.12., 15 und

19.30 Uhr | 16.01.2026, 19.30 Uhr | 25.01.2026, 18 Uhr | 04.03.2026, 19.30

Uhr | 22.03.2025, 15 Uhr

Larissa Gawritschenko und Thomas Janda

 

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