ERFURT: LE SIÈGE DE CORINTHE – Dernière
14.4. 2023 (Werner Häußner)

Valeria Mudra (Ismène), Claudia Gotelli (Pamyra), Brett Sprague (Néoclès), Arturo Espinosa (Mahomet). Foto: Lutz Edelhoff
Diese Hymne hat es in sich. Siegen oder im Feuer vergehen will das griechische Korinth, um den Ketten der Sklaverei zu entgehen. Triumph oder Tod lodern aus der Melodie, das Schlachtfeld wird zur Ruhmesstätte, das Grab zum Altar. Gioacchino Rossini hat zum Finale seiner „Belagerung von Korinth“ einen flammenden Gassenhauer geschrieben, mitreißend simpel und voll Energie. Sein Ohrwurmcharakter könnte den Chor zu einer zweiten Marseillaise machen. Er weist in die Zukunft auf Aubers „La Muette de Portici“ und auf Giacomo Meyerbeer.
In „prophetischer Trunkenheit“ und mit Akkorden, die schon an Hector Berlioz denken lassen, beschwört der alte Grabwächter Hiéros – der Name bedeutet „heilig“ – die heroischen Zeiten des alten Griechenland: Marathon, die Thermopylen, der Spartanerkönig Leonidas sind die Stichworte. Bei der Uraufführung von Rossinis Oper waren sie jedem Gebildeten geläufig. Die Erregung siedet auf dem Höhepunkt, der Chor des Erfurter Theaters nimmt das Publikum im Zuschauerraum in die Zange und lässt den Kampfgesang von allen Seiten erschallen. Ein Moment, der eher beklemmend als begeisternd wirkt – und so ist es von Regisseur Markus Dietz auch gedacht. Für Rossinis Zeitgenossen war dieses flammende Bekenntnis freilich eher enthusiasmierend. Rossini spricht damit direkt den Freiheitskampf der Griechen gegen das Osmanische Reich an, der 1826 vom Scheitern bedroht war, doch in Europa viele Sympathien genoss.
Die Erfurter Inszenierung von „Le Siège de Corinthe“ nach der neuen kritischen Ausgabe von Damien Colas zeigt, dass diese „Tragédie lyrique“ als einer der Ausgangspunkte der Grand opéra gelten darf: Große Chorauftritte sind wirkungsvoll verschränkt mit Momenten des Privaten, die musikalischen Formen sind weit aufgespannt, die Politik dominiert eine Handlung, in der die Liebenden keine Chance haben, den Zwängen ihrer verfeindeten Parteien zu entkommen. Ein Video (Mayke Hegger/Lukas Eicher) zur Ouvertüre spitzt diesen Konflikt schmerzhaft zu: Da begegnet sich ein Paar in zärtlicher, stürmischer Leidenschaft, gedreht in Schwarz-Weiß wie ein Echo aus einer weit zurückliegenden, glücklicheren Vergangenheit.
Deutlich wird aber auch, dass „Le Siège de Corinthe“ kein bloßes Remake des neapolitanischen „Maometto II.“ von 1820 ist. Etwa die Hälfte der Musik ist neu geschaffen oder bearbeitet. Rossini ist kein Klassizist: Von „edler Einfalt, stiller Größe“ ist nichts geblieben, Glucks marmorne Heroen sind passé, eher noch ließe sich auf Antonio Salieris „Les Danaïdes“ rekurrieren. Rossini schöpft aus der Tradition und entwickelt aufregend Neues, nicht zuletzt in seinen musikalischen Großformen, die oft durch Kürzungen scheinbar überflüssiger Längen ihre Schlüssigkeit verlieren.
Bei der Uraufführung in der Académie Royale de Musique in Paris standen Rossini Spitzensänger zur Verfügung: Laure Cinti-Damoreau sang die Griechin Pamyra, die sich einst in den unerkannt gebliebenen Sultan Mahomet verliebt und ihm ihr Herz versprochen hatte. Henri-Etienne Dérivis war jener türkische Herrscher, der mit der Eroberung von Korinth seinen Feldzug in Europa krönen will und beim Einzug als Sieger von der entsetzten Pamyra erkannt wird. Eine Besetzung auf höchstem vokalem Niveau war Adolphe Nourrit für den jungen griechischen Krieger Néoclès, der nach dem Willen des Griechenführers Cléomène seine Tochter heiraten soll, aber von Pamyra zurückgewiesen wird.
Rossinis Librettisten Luigi Balocchi und Alexandre Soumet bauen den klassischen Konflikt zwischen Pflicht und Liebe geschickt in die politischen Fronten ein: Hier die Eroberer, die zunächst sogar die griechisch-christliche Kultur schützen wollen; dort die zu radikalem Widerstand bis zum Märtyrertod entschlossenen Unterlegenen. Eine heillose Gemengelage, die an ideologisch aufgeladene Kriege der Gegenwart erinnert. Zum Glück verkneifen sich Markus Dietz und seine Kostümbildnerin Mayke Hegger konkrete Anspielungen: Sie inszenieren weder einen Clash der Religionen noch ein Ukraine-Szenario. Die Kostüme markieren eine vage Gegenwart, die Bühne von Ines Nadler arbeitet abstrakter mit einer mauerartigen Wand, deren halbtransparente Bespannung von den Eroberern bildmächtig durchbrochen wird. Ihre Ruine begrenzt von Feuern überflackert die Grabkaverne, in der sich im letzten Akt die patriotische Versöhnung Pamyras mit ihrem Vater und ihre Selbsttötung in den Armen des entsetzen und von den griechischen Frauen bedrängten Mahomet ereignet.
So ist es aller Bewunderung wert, wenn ein mittelgroßes Haus wie Erfurt diese anspruchsvollen Rollen besetzen kann – und damit auch ein respektables Ergebnis erzielt: Candela Gottelli gewinnt als Pamyra zunehmend vokales Charisma, überzeugt in lyrischem Zurücknehmen wie in aufflammender Dramatik, lässt in der Mittellage goldene Fülle hören, kommt nur an den Stellen, an denen Rossini weite Spannungsbögen auf einer sicher gestützten Stimme fordert, an ihre Grenzen: ein Flackern im Vibrato verrät’s.
Brett Sprague stellt sich der Tour de force, mit der Rossini seinen Tenor Nourrit glänzen lassen wollte, mit bewundernswerter Konsistenz und einer unermüdlich präsenten Tonbildung. In seiner großen Arie im dritten Akt bewältigt er die heldische Textur mit nie versiegender Energie, ohne sich forcierter Kraftmeierei zu überlassen. Arturo Espinosa findet die Farbe für den strahlenden Sieger wie für die wütende Enttäuschung über seine vergebliche Zuwendung. Luc Robert singt den fanatischen Cléomène mit entsprechender, aufgerauter Härte. Für den pathetischen Hiéros ist Emanuel Jessels Bariton zu leichtgewichtig; es fehlt ihm der Kern des Tons, der die Aura des Prophetischen erzeugen könnte.
Yannis Pouspourikas leitet das Erfurter Orchester mit Augenmerk auf die Energie und den Drive der Musik, lässt auch die Banalität der Kriegsgesänge krachen. Der Aufruhr funktioniert weit besser als die Eleganz und die Subtilitäten Rossinis, etwa in der Melancholie der letzten Szenen. In der Ouvertüre fallen unscharfe Akkorde auf; auch der Grundimpuls konnte flexibler sein. Das Klangbild bleibt immer wieder zu pauschal und auf die Melodiestimmen konzentriert, in den Tutti verschwimmen Konturen. Aber die Rezitative dirigiert Pouspourikas vital und farbig, die Chöre (Markus Baisch) sind lebhaft gestaltet und die Sänger haben in dem Dirigenten einen rücksichtsvollen und zuverlässigen Partner.
Insgesamt bleibt es höchst beeindruckend, wie ein Haus wie Erfurt ein derart gewaltiges Opernprojekt stemmt. Zumal es nicht das einzige ambitionierte Vorhaben dieser Spielzeit ist, die in allen Genres den Blick auf Griechenland richtet: Der konzeptionelle Bogen begann mit Strauss‘ „Elektra“ und Offenbachs „La belle Hélène“, zog sich über eine Uraufführung („Eleni“ von Nestor Taylor) und mündet nun über Rossini bei einer Gluck-Rarität („Telemaco“ ab 22. April) und einer aufregenden Wiederentdeckung aus der Feder des als Dirigent berühmten Felix Weingartner aus dem Jahr 1901: „Orestes“, musikalisch ein spätromantisches Echo auf Richard Wagner (ab 20. Mai).
Werner Häußner

