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ERFURT/ Theater: GISELLE – Ballett von Adolphe Adam. Premiere

Giselle als getanztes Innenleben einer Betrogenen

11.11.2018 | Ballett/Tanz


Daria Suzi als Giselle und Filip Kwacak als Albrecht. Copyright: Ronny Ristok

Theater Erfurt/ Ballett Giselle von Adolphe Adam/ Premiere 10.11.18

Giselle als getanztes Innenleben einer Betrogenen

Um es gleich vorweg zu sagen, Silvana Schröder erfindet ihre eigene Geschichte zur Musik von Adolphe Adam und weicht damit stark von der ursprünglichen Giselle-Geschichte ab. Sie entwickelt eine eigene Story und auch eine eigene Choreographie.

Das beginnt schon mit dem Bühnenbild und den Kostümen, entworfen von Verena Hemmerlein. Da ist ein kahler Raum mit Bett, das sieht schon gleich ein bisschen nach psychiatrischer Unterbringung aus. In jedem Falle zeigt es die Isolation Giselles. Myrtha, die verstorbene Mutter, erscheint als übermächtiger Geist mit Stock, auch an Größe überragt sie die Lebenden, denn unter dem Kostüm stecken zwei Tänzer. Natürlich ist das der Geist der Mahnung, der den letzten Spaß vertreiben soll. Albrecht erscheint in Silvana Schröders Geschichte und Choreographie als tröstender Freund und lässt sie noch einmal Augenblicke des Glücks erleben. Den frohen Tanz beendetHilarion, Giselles Bruder, denn er weiß, dass Albrecht mit Barthilde schon verlobt ist. Giselle will das nicht wahrhaben. Erst als Barthilde leibhaftig erscheint, bricht ihre Traumwelt zusammen. Giselle verfällt dem Wahn und will sich zu Tode tanzen. In Silvana Schröders Choreographie erscheinen auch die Wilis von Anfang an als dunkle Gestalten. Sie treten im Pulk auf und wirken als bedrohliche Masse.

Der zweite Akt zeigt Giselle mit verbundenen Füssen. Sie ist gebrochen und der Spaß ist vorbei. In einer verdrehten Welt halluziniert sie vor sich hin und ihr gesamtes Verhalten wird Selbstzerstörerisch. Sie ersinnt von sich selbst Doppelgängerinnen. Als ihr Bruder Hilarion wieder einmal zu Besuch kommt, sieht sie in ihm den Feind und ihre Doppelgängerinnen tanzen ihn aus Rache zu Tode. Das ist dann Silvana Schröders Sichtweise der Wilis. Die Szenen, mit der gewohnten Petipa-Choreographie, kommen nur fragmentarisch vor. 

Die Mutter erscheint wieder und nimmt den toten Sohn in ihr Jenseitsreich mit. Nun soll auch Albrecht für seinen Betrug büßen und die Giselle-Kopien umgarnen ihn. Natürlich fällt er darauf herein und nun beginnt der Tanz, der auch für ihn tödlich enden soll. Doch bei Giselle entflammt der letzte Liebesfunke und sie rettet ihn kurz vor seinem Ende. Auch er hat blutige Füße und bricht in Giselles Armen zusammen. Ein Happy-End wird daraus allerdings nicht.

Zum ersten Mal findet eine Premiere des Thüringer Staatsballetts nicht in Gera, sondern in Erfurt statt. Giselle ist die erste Koproduktion des Theaters Erfurt mit dem Thüringer Staatsballett. In Erfurt musiziert das Philharmonische Orchester Erfurt. In Gera und Altenburg wird das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera auch unter der Leitung von Takahiro Nagasaki spielen. Takahiro Nagasaki unterstützt die Tänzer gut, insgesamt fehlt seinem Dirigat ein wenig Spritzigkeit und Schwung. Vielleicht wirktsich die Psychogeschichte Silvana Schröders etwas vereinnahmend aus.

Kraftvoll und erzählerisch eloquent wirken die Tänzer des Thüringer Staatsballetts auf der Erfurter Bühne und bekommen dafür viel Szenen- und Schlussapplaus. Die Mischung aus klassischen Tanzelementen und Tanztheater beherrschen sie perfekt und auch das schnelle Umschalten zwischen beiden Tanztypen gelingt mühelos.

Die Solo-Tänzer: Daria Suzi als Giselle, Alina Dogotina als Mytha und Filip Kwacak als Albrecht sowie Vinicius Leme als Hilarion wirken in Tanz und Spiel perfekt und begeistern das Erfurter Publikum. Auch die anderen22 Tänzerinnen und Tänzer des Thüringer Staatsballetts gemeinsam mit den 12 Eleven vermitteln pure Tanzfreude und Perfektion. Ob man mit Silvana Schröders Interpretation des Balletts Giselle einverstanden ist, das liegt im Auge des Betrachters.

Alles in allem war diese erste Premieren-Koproduktion ein gelungener Auftakt zu weiteren Koproduktionen zwischen dem Theater Erfurt und Gera.

Larissa Gawritschenko und Thomas Janda

Aufführungen Giselle im Theater Erfurt: 10. Nov. 14. Nov., 16. Nov., 30. Nov., 8. Dez., 29. Dez. jeweils 19.30 Uhr, 13.1. 15 Uhr, 20.1. 18 Uhr

Aufführungen Giselle im Großen Haus der Bühnen der Stadt Gera: 25. 1.19.30 Uhr, 23. März 19.30 Uhr, 24. März 14.30 Uhr und 19. April 19.30 Uhr

 

 

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