Theater Erfurt/ Oper „Eugen Onegin“ von P.I. Tschaikowsky/ Premiere am 10.10.26
Weggeworfenes Glück: Tschaikowskys „Eugen Onegin“ am Theater Erfurt

Foto: Lutz Edelhoff/Theater Erfurt
Die Oper „Eugen Onegin“ ist eines der bekanntesten und beliebtesten Werke von P. I. Tschaikowski. „Eugen Onegin“, 1879 in Moskau uraufgeführt, gehört zu den innigsten Werken des Opernrepertoires. Tschaikowsky nannte es bewusst „lyrische Szenen“ und stellte die Seelenregungen seiner Figuren über das äußere Geschehen. Er wollte den intimen, aufrichtigen und zutiefst persönlichen Charakter des Dramas hervorheben, der auf dem Innenleben der Figuren beruht. Für das Libretto folgte er eng dem Versroman von Puschkin, straffte die Handlung aber auf die zentralen Konflikte.
In Erfurt hat das Stück eine eigene Spur hinterlassen: Bei der Premiere am 14. Februar 2014 (Regie: Hermann Schneider) sangen Kartal Karagedik den Onegin und Ilia Papandreou die Tatjana. An dieser Produktion, an die sich Theatergänger in Erfurt noch erinnern, muss sich die Neuinszenierung messen lassen.
Für die Neuinszenierung zeichnet Matthew Ferraro als Regisseur und Bühnenbildner verantwortlich. Mit „Madama Butterfly“ gab er 2014 am Theater Erfurt sein europäisches Debüt und bekannte sich dabei zur großen Freude aller zu der Ansicht, es sei das schönste Theater Deutschlands. Es folgten zwei weitere Erfurter Produktionen, darunter die ausverkauften DomStufen-Festspiele 2025 mit „La Bohème“. Außerdem inszenierte er am Mainfranken Theater Würzburg, an den Wuppertaler Bühnen, am Chamäleon Theater Berlin und bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen.

Foto: Lutz Edelhoff/Theater Erfurt
Die Regie: Eine Drehbühne als Lauf der Zeit
Die Inszenierung von Ferraro im Erfurter Theater ist nicht klassisch wie wir das in der Vergangenheit gewöhnt waren. Im Zentrum steht die Drehbühne, die Ferraro zum dramaturgischen Prinzip macht. Sie erzählt die Liebesgeschichte zwischen Tatjana und Onegin aus zwei Perspektiven: der kalten, erbarmungslosen Außenwelt, deren Bodenfläche im Malsaal unter der Leiterin Claudia Fischer einen eisigen Anstrich erhielt und der warmen Innenwelt, die für Tatjana nach Onegins plötzlichem Verschwinden eine ganz neue Wendung nimmt. Zugleich wirkt die Drehung wie der unaufhaltsame Lauf der Zeit. Für Ferraro handelt das Stück von verpassten Chancen, von Figuren, die die Folgen ihres Handelns nicht rückgängig machen können und es bitter bereuen. „Das ist die Tragödie des Stücks: Die Zeit bewegt sich nur in eine Richtung“, sagt Ferraro. Larina und Filipjewna, die im Plauderton ihrer Vergangenheit nachhängen, haben diese Lektion längst gelernt, die wahre Liebe ist ihnen zur Anekdote geworden.
Daraus entwirft die Regie Ferraro ein bewusst konstruiertes Russland. Die vier Meter hohe Matrjoschka ist mit Luft statt mit weiteren Puppen gefüllt, „fast wie eine Hüpfburg“, ein Gimmick auf dem Namenstagsfest zu Ehren Tatjanas. Die Birken sind erkennbar unecht, der Vorhang hängt bewusst faltig. „Das Bühnenbild entlarvt seine Künstlichkeit, seine Konstruktion die ganze Zeit“, betont Ferraro, „und das sei nicht Sparzwängen geschuldet: Die Werkstätten könnten es realistischer bauen, sollten es aber nicht. Das Publikum soll stets daran erinnert werden, dass es auf eine Bühne blickt.“
Einen starken Moment setzt der Bär, der bei Puschkin in Tatjanas Albtraum auftritt. Weder Tschaikowsky noch Ferraro bringen diesen „Traum“ auf die Bühne und doch erscheint das Tier im dritten Akt der Inszenierung: Zwei Clowns führen den Bären an der Leine. Tänzerinnen und Bäcker, die riesige Torten auffahren, ziehen sie an einer langen Schlange hungriger Menschen vorbei. Die Torten sind mit Atomraketen und Symbolen des Kalten Krieges dekoriert, im Hintergrund an einer Wand steht Stalins Befehl Nr. 227 („Nicht einen Schritt zurück!“). „Der Bär, wieder ein russisches Nationalsymbol, ist versklavt“, so Ferraro.
Dass Onegin Tatjana ausgerechnet hier wiedertrifft, verbindet die persönliche Tragödie mit der gesellschaftlichen. Und dem Publikum bleibt dabei die Hoffnung, die der Regisseur selbst beschreibt: „In der letzten Szene hoffen wir mit Onegin, dass die beiden endlich zueinander finden.“

Foto: Lutz Edelhoff/Theater Erfurt
Die Kostüme: Getragen, abgenutzt, zeitlos
Jula Reindell hat ihre Kostüme in enger Abstimmung mit Ferraro entwickelt und versteht sie nicht als Bilder einer Epoche. Dass junge Menschen sich gegen ihre Verhältnisse abgrenzen, sei „so zeitlos aktuell wie auch große Geschichten von der Liebe“. Sie orientierte sich an der Ästhetik der 1950er Jahre bis heute, mit spürbaren Einflüssen der 1980er Jahre und der DDR. Die Dorfbewohner kleidet sie in Stücke, die über Generationen weitergegeben wurden: „Alles wirkt getragen, abgenutzt und sitzt nicht immer optimal.“ Wo sich eine junge Frau um Eleganz bemüht, mit buntem Mantel und selbst blondierten Haaren, hält sie fest: „An der harten Realität bricht sich ihr Bemühen um Eleganz.“ Dagegen stechen die Clowns in edlem Brokat und leuchtenden Primärfarben hervor, die Ballerinen schweben in reinem Weiß. Vieles stammt aus dem Fundus, das Bärenkostüm und Teile der Clownskostüme wurden neu geschneidert, die Clownsschuhe fertigte der Theaterschuhmacher. In der Schneiderei arbeitete Steffen Richter am Bärenfell aus Webpelz. „Eigentlich schade, dass diese Kostüme nur so kurz zu sehen sind“, sagt Reindell. Der Opernchor, wie stets sehr gut, trägt Basiskostüme mit Gummistiefeln, Schürzen, Strickjacken und Kopftüchern, wirkt individuell und doch irgendwie „uniform“.
Die Musik: Ein Orchester, das mehr ist als Begleitung
Musikalisch trägt Hermes Helfricht den Abend von den ersten Takten an. Er hält Bühne und Graben souverän zusammen und lässt den Sängerinnen und Sängern Raum zum Atmen, ohne dass die Spannung nachlässt. Das Philharmonische Orchester folgt ihm mit hörbarer Freude und Präzision. Helfricht hört in der Partitur, wie eine Gesellschaft singt, tanzt und ihre Regeln lebt, und wie sich vier junge Menschen aus diesem Klangraum lösen, beginnend mit dem Bauerntanz und dem Chor des ersten Akts. Das Orchester sei dabei mehr als Begleitung: Es verrate, was womöglich noch unter den Worten der Figuren liegt. „Klarheit bringt das nicht immer. Das macht die Musik so zutiefst menschlich.“
Der Stern des Abends war die ukrainische Sängerin Tetiana Miyus.
Tetiana Miyus gestaltet die Tatjana mit großer Intensität. Die Briefszene wird zum Herzstück des Abends: Sie lässt die Aufregung und Verletzlichkeit des Mädchens hören, ohne ins Sentimentale zu kippen. Im Schlussbild ist die Fürstin Gremina eine ganz andere Frau, gefasst und doch innerlich zerrissen. Es gelingt ihr eine ganz eigene, originelle Interpretation der Tatjana zu schaffen: In der Darstellung der Sängerin erleben wir weder eine hilflose Verliebtheit noch eine asoziale Weltabgewandtheit, sondern eine starke, romantische Persönlichkeit, einen wissbegierigen und leidenschaftlichen Charakter. Mit ihrer reichen Stimmfarbe bietet die Sängerin eine technisch brillante und dramatisch ausdrucksstarke Interpretation. Professionell durchdachte und intuitiv gefundene psychologische Nuancen fügen sich mit Gestik, Mimik und Gesang zu einem vollendeten Gesamtbild der Tatjana-Rolle zusammen. Vor allem ihr glockenheller Ton in den oberen Registern betört die Ohren des Premierenpublikums.
Ks. Máté Sólyom-Nagy legt den Onegin kühl und überheblich an, ganz im Sinne Ferraros, der ihn als rätselhafteste Figur beschreibt, zurückgenommen und fast nüchtern. Umso eindrucksvoller zerfällt diese Haltung am Ende. Sein Schauspiel zeigt diese freundliche Überheblichkeit wie seine Verzweiflung am Schluss sehr deutlich und glaubwürdig. Während Tatjana im Kostüm eine große Wandlung erfährt, sie entwickelt sich vom Dorfmädchen zur Gala-Dame (Fürstin Gremina), bleibt das Aussehen Onegins unverändert. Er ist zeitlos „grau“ angezogen, das macht sein Auftreten etwas unscheinbar. Eine Wandlung im Kostüm hätte die Gegensätze noch verstärkt. Nur sein Lada-Kombi verleiht ihm am Anfang des Stückes den nötigen Glanz, der in der Rolle angelegt ist. Stimmlich kann er in den oberen Registern nicht immer mithalten. Es fehlt ihm an Volumen.
Tristan Blanchet singt einen Lenski voller Hoffnung und Verlorenheit, seine Arie „Kuda, kuda“ zählt zu den bewegenden Momenten des Abends. Dafür hat er vom beindruckten Publikum viel Applaus bekommen.
Marlene Gaßner ist als Olga leicht und charmant und bildet einen reizvollen Kontrast zur ernsten Schwester. Leider macht sie ihr Kostüm zu unscheinbar, so dass sie oft in der Masse der Chor-Dorfmädchen optisch untergeht. Ihre russische Aussprache könnte sich in den folgenden Vorstellungen verbessern.
Auch die kleineren Partien sind gut besetzt. Ks. Katja Bildt als Larina und Rena Kleifeld als Filipjewna sorgen in den Gutshofszenen für Wärme und Vertrautheit.
Ks. Jörg Rathmann macht aus den Couplets des Triquet beim Namenstagsball ein komödiantisches Glanzstück. Seine gekonnt übertriebenes Französisch wirkt so skurril und Lachmuskeltreibend, dass es zum Humorhöhepunkt des Abends wird. Wieder einmal zeigt sich dieser Meister des Bühnenspaßes mit jeder gesungenen Silbe als ein Könner des Gesangshumors.
Aaron Eunhyuk Lee verleiht dem Fürsten Gremin in seiner Arie Ruhe und Würde. Gesanglich fehlt ihm bei seiner Arie etwas an Ausdruck und Dynamik.
Yevhenii Dunduk gibt Saretzki und dem Hauptmann gleich zweimal Profil.
Beiden Darstellern spendet das Publikum zurecht viel Applaus.
Die Choreografie
Bewegung und Humor in die Inszenierung bringt die Choreografie von Amy Share-Kissiov: eine rasante Schneeballschlacht, ein fröhliches Erntefest. Auch die zwei Clowns und das geduldige Schlangestehen (mit Wackelbewegungen) im kalten St. Petersburg gehören dazu.
Die TANZWERKSTATT Weimar tritt mit Eleganz und sichtbarer Spielfreude auf. Ihr elfenhaftes Ballett in Weiss an der Warteschlange vorbei gerät zu einem galanten Glanzpunkt. Dazu wurde alles von herabrieselndem Glitzerschnee begleitet. Im Kontrast zum ärmlich angezogenen Chor entsteht hier eine Glamour-Episode.

Foto: Lutz Edelhoff/Theater Erfurt
Fazit
Diese Neuinszenierung ist ein eigener Wurf. Matthew Ferraro erzählt Tatjanas und Onegins Geschichte klar und bildkräftig. Dennoch eröffnet seine Sichtweise einige Fragen: Warum verengt er alle russischen Darstellungen auf das Klischeehafte? Schon im ersten Bild sehen wir eine Beerdigung. Ja, wer oder was wird denn da beigesetzt? Für den Zuschauer gibt es keine Erklärung. Das Duell findet mit Kalaschnikows statt, die Aristokraten sind optisch ein Teil des Dorfmilieus, eine riesige Matrjoschka auf der Bühne und der Ball im 3. Akt ist eigentlich kein Ball, sondern ist zum Slapstick-Nummern-Programm geworden, witzig im Detail, aber entfernt vom ursprünglichen Stück. Dazu kommt noch ein Aufpasser, der die wartenden Massen vor der Mauer mit dem Durchhaltebefehl Stalins in Schach hält. Und dann tanzen noch die Ballerinen vorbei und die Torten mit Raketen als Garnierung werden auch noch geschoben. Ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen? Ist das ein Teil des Liebesdramas?
Fragen, die sich auch manchem Premierenbesucher gestellt haben.
Auch die Personenführung des Onegin hätte deutlicher sein können. Onegin fehlt das Gelangweilt-Aristokratische am Beginn. Der Konflikt zwischen Onegin und Tatjana wird auf Dorf-Niveau heruntergedimmt. Damit wird ein dramaturgisches Element Puschkins und Tschaikowskis vernachlässigt: Die zentrale Aussage von Puschkins Roman „Eugen Onegin“ liegt in der Auseinandersetzung mit der Tragödie eines Menschen, der vom wirklichen Leben entfremdet ist!
Spiegelt sich das in der Personenführung von Matthew Ferraro wider?
Jula Reindells Kostüme geben der Inszenierung einen unverwechselbaren Ausdruck, auch wenn die schon gestellten Fragen bleiben.
Hermes Helfricht führt das Philharmonische Orchester, das mit Präzision und Wärme musiziert. Ein gutes Ensemble, allen voran Tetiana Miyus, ein klangschöner Philharmonischer Opernchor, eine charmante Tanzstatisterie durch die TANZWERKSTATT Weimar und ein Erfurter Theater, mit allen Gewerken, alle zeigen hier was sie können.
Das alles macht diesen „Eugen Onegin“ insgesamt zu einem Abend, der berührt und lange nachklingen wird. Wer Tatjanas Brief und Onegins zu spätes Erwachen erleben will, sollte sich diese Aufführung nicht entgehen lassen.
Larissa Gawritschenko und Thomas Janda

