Theater Erfurt / Oper „La Bohème“ Giacomo Puccini bei den Domstufenfestspielen Erfurt/ Premiere am 8. August 2025
Ein Sommerabend in Paris – mitten in Erfurt
Foto: Theater Erfurt
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Die Domstufenfestspiele 2025 haben mit Giacomo Puccinis „La Bohème“ ein echtes Highlight auf die imposante Freiluftbühne vor dem Erfurter Dom gebracht.
Der amerikanische Regisseur und Bühnenbildner Matthew Ferraro inszeniert das Werk mit einer Mischung aus emotionaler Tiefe, visueller Opulenz und überraschender Frische – ein Abend, der lange nachhallen wird.
Bühnenbild als Erlebniswelt
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Das Bühnenbild ist ein echter Blickfang: Auf zwei Ebenen entfaltet sich das Leben der Pariser Bohème. Zum einen wird die Mansarde der vier Künstler, als eine eigenständig fahrende Bühne dargestellt.
Zum anderen überrascht die Zuschauer ein fantasievoller Freizeitpark mit einem 16 Meter hohen Eiffelturm, einer 22 Meter langen Edelstahlrutsche und dem legendären Café Momus als umgebauten Foodtruck. Über 500 Lampen tauchen die Szenerie in ein magisches Licht, das die Zuschauer in eine andere Welt entführt. So entsteht ein Fest für alle Sinne. Auch wenn der Ausdruck inzwischen inflationär verwendet wird, aber das ist schon: spektakulär!
Die Inszenierung schafft es, die klassische Oper in ein modernes, zugängliches Erlebnis zu verwandeln – ohne ihre Tiefe zu verlieren. Diese Mischung aus romantischer Nostalgie, visueller Fantasie und musikalischer Intensität macht „La Bohème“ auf den Domstufen zu einem der Höhepunkte des Kultursommers in Thüringen.
Die Kostüme von Mila van Daag – Zwischen Bohème und Fantasie
Mila van Daag hat für die diesjährige Inszenierung eine bildstarke, kontrastreiche Kostümwelt geschaffen, die das Spannungsfeld zwischen romantischer Pariser Bohème und einem modernen, fast märchenhaften Freizeitpark aufgreift. Die Figuren tragen Kleidung, die sowohl zeitlos als auch charakterbetont wirkt:
Mimì erscheint in zarten, pastelligen Tönen – ihre Kostüme spiegeln ihre Zerbrechlichkeit und poetische Natur wider.
Rodolfo und die Künstlerfreunde tragen eine Mischung aus klassischer Bohème-Mode und urbanem Chic – mit Schals, Mänteln und Hüten, die an das Paris des 19. Jahrhunderts erinnern.
Musetta sticht mit extravaganten, farbenfrohen Outfits hervor – glamourös, verspielt und selbstbewusst.
Die Chor- und Statistenkostüme greifen Elemente des Freizeitparks auf: Lichterketten, Glitzerstoffe und verspielte Accessoires schaffen eine fast surrealistische Atmosphäre.
Van Daags Arbeit zeichnet sich durch Detailverliebtheit, Farbdramaturgie und eine klare Figurenzeichnung aus. Ihre Kostüme unterstützen nicht nur die Handlung, sondern erzählen selbst Geschichten – von Liebe, Armut, Freiheit und Verlust.
Musikalische Kraft und emotionale Wucht
Musikalisch steht die Aufführung ganz im Zeichen Puccinis. Die emotionale Bandbreite – von jugendlicher Lebensfreude bis zur tragischen Verzweiflung – wird eindrucksvoll transportiert.
Ferraro beschreibt die Oper als „emotionalen Kraftakt“, der das Publikum mit voller Wucht trifft. Und genau das gelingt: Die Musik trägt die Handlung, die Stimmen berühren, das Orchester unter der Leitung von Clemens Fieguth überzeugt mit Präzision und Gefühl.
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Stimmen, die begeistern – Sängerbesetzung
Die Italo-amerikanische Sopranistin Shelley Jackson als Mimì überzeugt mit einer berührenden Darstellung der sensiblen Näherin. Ihre Stimme ist klar, warm und voller Ausdruck – besonders im berühmten „Mi chiamano Mimì“, ein Gänsehautmoment. Überhaupt beherrscht Shelley Jackson stimmlich ein enormes Register emotionaler Ausdrucksformen. Dabei ist ihr Spiel so glaubwürdig, dass die Zuschauer hier keine Rolle, sondern tatsächliches Leben wahrnehmen. Mit ihrer glockenhellen Stimme durchdringt sie den Abendhimmel auf dem Domplatz und betört die Ohren der Besucher. Allerdings, ensteht bei der technischen Ton-Übertragung ein leicht metallischer Effekt, der später so nicht mehr vorkommt, weil offensichtlich die Tontechniker ihre Technik noch besser aussteuern konnten.
Jongwoo Kim, der Tenor aus Südkorea brilliert mit kraftvoller Stimme und emotionaler Tiefe als Rodolfo. Seine Arien sind technisch sicher und gefühlvoll gestaltet. Die Chemie mit Mimì wirkt glaubhaft und bewegend. Seine Stimme hat volles Timbre und viel Volumen. Die Bögen seiner Arien kann er dynamisch forciert gestalten. In die ganz hohen Töne arbeitet er sich allerdings manchmal hinauf und nimmt sie nicht direkt. Jongwoo Kim ist trotzdem als Tenor mit seiner vollen und insgesamt schönen Stimme für das Theater Erfurt ein großer Gewinn.
Der Bariton Máté Sólyom-Nagy als Marcello zeigte eine starke Bühnenpräsenz und eine ausdrucksstarke Stimme. Besonders in den Szenen mit Musetta überzeugte er mit Spielfreude und stimmlicher Flexibilität.
Die argentinische Sopranistin Candela Gotelli als Musetta schafft es mit Charme, Witz und stimmlicher Brillanz in ihrer Arie „Quando me’n vo’“ fast allen die Show zu stehlen. Ihre Darstellung ist lebendig, mitreißend und auch witzig.
Konstantin Ingenpaß als Schaunard singt solide und mit viel Spielfreude und präsentiert den lebenslustigen Musiker. Eine sympathische Figur mit guter Ensemblearbeit.
Aaron Eunhyuk Lee in der Rolle des Colline ist besonders mit seiner Abschiedsarie an den Mantel („Vecchia zimarra“) ein „stiller Höhepunkt“ des Abends – tiefgründig und bewegend zugleich.
Bei der Premiere von „La Bohème“ der Domstufenfestspiele Erfurt 2025 treten die Nebenrollen mit viel Charisma und musikalischer Präzision auf – eingebettet in die fantasievolle Inszenierung von Matthew Ferraro, die Erfurt in ein „Klein-Paris“ verwandelt.
Rainer Zaun (Benoît & Alcindoro) überzeugt mit stimmlicher Klarheit und komödiantischem Timing. Als Benoît, der schrullige Vermieter, bringt er mit seinem Auftritt im ersten Bild Schwung und Humor in die Künstler-WG. Später als Alcindoro, der von Musetta charmant ausmanövriert wird, zeigt er eine herrlich überzeichnete Mischung aus Würde und Verwirrung und wird so ein Publikumsliebling.
Als Spielzeugverkäufer Parpignol bringt Sergiy Kostov Farbe und Bewegung in den zweiten Akt, der in einem fantasievollen Freizeitpark unterhalb eines 16 Meter hohen Eiffelturms spielt. Seine Stimme fügt sich lebendig in das bunte Treiben ein und unterstreicht die festliche Atmosphäre des Café Momus.
Manuel Meyer (Ein Zöllner, Un Doganiere) gestaltet seinen kurzen Auftritt mit Präzision und Präsenz. Als Zöllner im dritten Bild, das die winterliche Grenzstation zeigt, bringt er eine nüchterne, fast bürokratische Note in die Szene – ein gelungener Kontrast zur emotionalen Tiefe der Hauptfiguren.
Alexander Hetman gibt dem Sergente eine autoritäre, aber nicht unsympathische Ausstrahlung. Sein Auftritt ist klar und strukturiert, was die Szene an der Grenze glaubhaft und atmosphärisch dicht macht.
Die Nebenrollen sind bei dieser Inszenierung keine Randfiguren, sondern tragen aktiv zur Atmosphäre und zum Rhythmus der Oper bei.
Gelungene Inszenierung – ein Fazit
Clemens Fieguth leitet das Philharmonische Orchester Erfurt mit sicherer Hand. Die Musik ist dynamisch, fein abgestimmt und voller Gefühl. Es ist schon wirklich erstaunlich, wie Clemens Fieguth aus dem hunderte Meter entfernten Theatersaal alle Einsätze präzis beherrscht und alle Sänger und Sängerinnen bei Tempi und Dynamiken unterstützt. Für die Zuschauer wird das Orchester bei der Ouvertüre auf einer Übertragungswand sichtbar. Damit wird gezeigt, dass an jedem Abend diese Oper als Gesamtkunstwerk aus exzellent spielenden Sängern und Sängerinnen und dem Orchester neu entsteht. Und dieses real sich vollziehende künstlerische Geschehen hat die Zuschauer vom ersten Takt in seinen Bann gezogen.
Matthew Ferraros Inszenierung verbindet klassische Oper mit modernen Elementen – der Freizeitpark unter dem Eiffelturm wirkt als ein visuelles Highlight, das dennoch nie vom Wesentlichen ablenkt. Der 2. Akt wird dadurch optisch opulent. Der amerikanische Regisseur Matthew Ferraro beherrscht sowohl die großflächigen glamourösen Massenszenen als auch die vielen kleinen Gags. Um nur einen zu nennen: Musettas Kleid wird, wie bei Marylin Monroe, hochgewirbelt. Der Betrachter schmunzelt wissend. Keine Geste ist hier zufällig und dennoch wirkt nichts einstudiert. Das ist die Regie-Kunst von Matthew Ferraro.
Insgesamt beherrscht er auch dramaturgisch den Gegensatz der kleinen intimen Welt der Bohemiens und der großen bunten Lichterwelt da draußen. Dieses unauflösbare Dilemma, dass Mimì am Ende verglimmt, wird als Kulminationspunkt am Schluss in einem Lichtherz eingefangen, in dem sich die beiden Liebenden doppelt spiegeln. Mit diesem ikonischen Bild entlässt Matthew Ferraro die Zuschauer in die laue Abendnacht des Domplatzes. Die Zweisamkeit der Liebenden als Lichtprojektion auf den Domstufen wird fast zu einem Andachtsbild für die Zuschauergemeinde. Entsprechend sind dann auch die Publikumsreaktionen. Nach verhaltener Stille bricht der Jubel los.
Die Kombination aus präziser musikalischer Leitung durch Clemens Fieguth, aufwendigem Bühnenbild mit Rutsche und Eiffelturm, und detailverliebten Kostümen macht die Aufführung zu einem Erlebnis für alle Sinne. Das opulente Bühnenbild mit dem 16 Meter hohen Eiffelturm, der 22 Meter langen Rutsche und dem beleuchteten Freizeitpark sorgt für Staunen und Applaus.
Viele Zuschauer zeigen sich beeindruckt von der fantasievollen Umsetzung und der gelungenen Verbindung von Klassik und Moderne. Die Inszenierung wird emotional intensiv und berührend wahrgenommen. Besonders die Schlussszene bewegt viele Besucher sichtbar – es gibt stille Momente, gefolgt von langanhaltendem Applaus.
Viel Lob für die Sängerinnen und Sänger: Die Hauptrollen, insbesondere Shelley Jackson und Candela Gotelli, werden mit viel Applaus und Bravorufen bedacht. Jongwoo Kim und Máté Sólyom-Nagy genießen auch Begeisterungsstürme. Viel Applaus gibt es außerdem für Rainer Zaun, der mit seinem schrulligen Spiel zum Liebling des Abends wird.
Auch das Ensemble wird für seine stimmliche Qualität und Spielfreude gefeiert. Die Chorgruppen unter der Leitung von: Markus Baisch und Cordula Fischer (44 Sänger:innen vom Opernchor des Theaters Erfurt, 16 Sänger:innen vom Philharmonischen Chor Erfurt und 35 Kinder des Kinder- und Jugendchors der Chorakademie Erfurt) sorgen für eine beeindruckende Klangfülle, besonders im zweiten Akt, der als festlicher Höhepunkt inszeniert wird. Die Kinder bringen mit ihrer Energie und Spielfreude zusätzliche Wärme in die Aufführung und auch die 17 Statist:innen auf der Bühne steuern lebendiges Colorit bei. Alles ist blendend choreographiert von Amy Share-Kissiov. Und brillant beleuchtet wird von Torsten Bante.
Matthew Ferraro ist in Erfurt kein Unbekannter. Bereits 2014 gab er am Theater Erfurt mit Madama Butterfly sein Debüt. 2021 kam er mit einer neuen Inszenierung von Sondheims Sweeney Todd nach Erfurt zurück.
Auch in Weimar hat er schon im Lyric Opera Studio von Damon Nestor Ploumis als Assistent mitgearbeitet. Inzwischen hat er einige Preise erhalten und wird hoffentlich auch wieder an das Theater in Erfurt zurückkehren.
Die besondere Kulisse vor dem Erfurter Dom mit der wunderschönen Inszenierung von Matthew Ferraro und die laue Sommernacht tragen zur magischen Stimmung bei, mit der alle nach Hause gehen.
Viele Besucher beschreiben darum den Abend als „unvergesslich“ und „ein echtes Erlebnis“ und das ist es auch!
Larissa Gawritschenko und Thomas Janda