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ERCOLANO/ FESTIVAL DELLE VILLE VESUVIANE/ Villa Campolieto: LA LOCANDIERA von Carlo Goldoni

20.09.2021 | Theater

FESTIVAL DELLE VILLE VESUVIANE/ Villa Campolieto/ Ercolano : LA LOCANDIERA von CARLO GOLDONI am 19.9.2021

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Villa Campolieto. Copyright : Fondazione Ville Vesuviane 

„Miglio d’Oro“ (Goldmeile) nannte man in der Zeit der Boubonen das Gebiet zwischen Neapel und Torre del Greco, in dem sich die neapolitanische Aristokratie rund um das Königsschloss von Portici die allerprächtigsten barocken Paläste errichten liess. Diese (über 100) „Ville Vesuviane“ verfielen nach der sogenannten „Einigung Italiens“ naturgemäss auf erbärmlichste und skandalöseste Art und Weise, bevor sie erst in den 70er Jahren von der eigens dafür gegründeten Stiftung langsam wieder entdeckt, kartographiert und zizerlweise zu restaurieren begonnen wurden. Das glorreichste Beispiel einer dieser geglückten Renovierungen ist die architektonisch wirklich außergewöhnliche VILLA CAMPOLIETO in ERCOLANO (in unmittelbarer Nähe der Ausgrabungen).

In ihr hat nach ihrer Wiedereröffnung völlig folgerichtigerweise der zwar aus Neapel stammende, aber weder neapolitanisch aussehende noch sich neapolitanisch gebärdende Theaterregisseur Luca de Fusco in den Achtziger Jahren das FESTIVAL DELLE VILLE VESUVIANE gegründet. Bei dem er sich in erster Linie der Literatur des 18. Jahrhunderts widmete, die entweder aus dieser Zeit stammte oder sie behandelte (wie zB. in Arthur Schnitzlers „Casanovas Heimfahrt“). Nach einer erfolgreichen Karriere als Intendant des Teatro Goldoni in Venedig, des Teatro Mercadante in Neapel und des Napoli Teatro Festival hat er seit diesem Sommer wieder die Geschicke seiner ursprünglichen Kreatur in die Hand genommen: mit einem erstaunlich reichhaltigen Programm aus Lesungen (Leopardi, Oscar Wilde, Dante, etc.), Balletten (Carmen Suite, Hommage an Diaghilev etc.), Kammermusik (Quartetto Felix) und selbstverständlich auch Theaterstücken wie Pirandellos „Enrico IV“ (mit Eros Pagni) oder Goldonis „La Locandiera“. DIeser Klassiker-Evergreen war auch bei uns im deutschsprachigen Raum in den 70er und 80er Jahren unter dem Titel „Mirandolina“ bzw. in Peter Turrinis Bearbeitung „Die Wirtin“ sehr populär, weil man damit feministelnd irgendeine Theorie einer „selbstbewussten“ und „selbstbewussten“ Frau zu untermauern trachtete, die den Mannsbildern völlig zu Recht irgendwelche „Lektionen“ erteilte.

Was natürlich reine stumpfsinnige Ideologie ist und ein völliger Humbug am ungeeigneten Objekt, denn Goldonis „All-Time-Hit“ ist ein primitives, plakatives Stück, in dem nur der Lächerlichkeit preisgegebene Karikaturen präsentiert werden – und man schon nach 5, spätestens 7 Minuten weiss, wie die Handlung weiter bzw. ausgehen wird.

Und Mirandolina selbst (la locandiera) eignet sich noch viel weniger als Role Model für den feministischen Geschlechterkampf. Bei Goldoni ist sie eine berechnende, materialistische, manipulierende, narzisstische „Bitch“ (wie man heute zu ihr sagen würde). Der Meister selbst meint rückblickend in seiner Autographie, dass sie nur „aus Eigenliebe“ handle…Nun denn, wenn e r es sagt…

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Die abgewiesenen Freier. Copyright : Fondazione Ville Vesuviane 

Wie dem auch sei: die Aufführung der „Locandiera“ in einer Vollmondnacht in der Villa Campolieto bei Ercolano war in der Regie des Hausherrn Luca de Fusco ein nahezu ungetrübtes Vergnügen. De Fusco und sein Team siedeln die Handlung irgendwo in den 50er Jahren an, was dem Ensemble immer wieder Gelegenheit bietet, diverse Italo-Hits („Amore!“) zum Besten zu geben (was wiederum Peter Hofbauer im „Metropol“ große Freude bereiten würde). Und das durchgehend hochkarätige Ensemble ist einfach brilliant: Gennaro di Biase ist ein nur scheinbar unterwürfiger Kellner, der dann am Ende doch als Einziger die Locandiera „abstaubt“, Vittorio Ciorcato ein berührend knausriger, pathologisch geiziger Marchese di Forlimpopoli (!) und Francesco Biscione ein lebenspraller, das Geld voller Lust und Freude aus dem Fenster hauernder Conte d’Albafiorita.

Den Vogel schießt allerdings Giacinto Palmarini als Cavaliere di Ripafratta ab. Seine Chrakterstudie eines die Frauen verabscheuenden Mannes, der von der geilen Wirtin in ihrer perfiden Tücke total „umgepudert“ wird,  ist wahrlich bemerkenswert und wäre somit auch einer Erwähnung in den theatralischen Annalen würdig…

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Lara Sansone als „Locandiera“. Copyright : Fondazione Ville Vesuviane 

Nur die durchaus attraktive und sympathische und voll einsatzfreudige Lara Sansano als Mirandolina bleibt noch ein wenig im Rollenklischee verhaftet (wird vielleicht noch…).

(Die Produktion wird in der laufenden Saison im Teatro Sannazzaro in Neapel wieder aufgenommen werden.)

Wir freuen uns schon jetzt auf das nächste Festival delle Ville Vesuviane…

Robert Quitta, Ercolano

 

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