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ENGELBERT HUMPERDINCK „MUSIK FÜR BÜHNE UND LEINWAND“ – Chor und Orchester der Malmö Opera, Weltersteinspielungen; NAXOS

25.02.2021 | cd

ENGELBERT HUMPERDINCK „MUSIK FÜR BÜHNE UND LEINWAND“ – Chor und Orchester der Malmö Opera, Weltersteinspielungen; NAXOS

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Der Lachner und Rheinberger Schüler Humperdinck ist uns allen als Komponist der hochromantischen, im auf Volksliedton getrimmten Post-Wagnermelos schwelgenden Märchenoper für Jung und Alt „Hänsel und Gretel“ ein Begriff. Kenner wissen noch die Oper „Die Königskinder“ (1910 in New York uraufgeführt) zu schätzen. Die ganz ausgefuchsten Melomanen haben noch die Aufnahme der Märchenvertonung „Dornröschen“ mit Brigitte Fassbaender als Erzählerin und dem Dirigenten Ulf Schirmer (cpo) im Regal.

 

Humperdinck hat aber auch Schauspielmusiken zu Stücken von Shakespeare, Aristophanes, Maeterlinck oder Max Reinhardt geschrieben. In Konzertsälen konnte sich damals auch die 1878 geschrieben Kantate „Die Wallfahrt nach Kevlaar“ gut behaupten. Das 15-minütige dreisätzige Stück wird auf der vorliegenden CD als Weltersteinspielung präsentiert. Auf einen Text aus Heines „Buch der Lieder“ ist eine Kantate für Mezzosopran (Ruxandra Voda van der Plas), Tenor (Harrie van der Plas mit enger Tongebung) und Chor entstanden, die von einer Pilgerfahrt zum Marienschrein von Kevlaar und dem Tod eines kranken Kindes erzählt. Wie das Leben so oft spielt, ist auf die göttliche Heilkraft samt der Fürsprache der Mutter Maria halt nicht immer Verlass. Musikalisch hören wir Mutter und Sohn in gefühlvollen Dialogen, der Schmerz und das Festhalten an der Hoffnung im Glauben wird hochromantisch wattiert.

 

Das Raritäten-Album beginnt mit dem 1905 entstandenen Vorspiel zum zweiten Aufzug („In die Bastille“) zu „Die Heirat wider Willen“ nach der Dumas-Komödie „Les demoiselles de Saint-Cyr“. In dem hanebüchenen Stück finden der eine Vernunftehe eingegangene Graf und seine Gräfin am Ende in Liebe zueinander. Wie bei Dumas nicht anders zu erwarten, darf auch ein Duell nicht fehlen. Humperdinck sorgt für den passend heroisch ironischen Sound samt Trommelwirbel und Kontrabasstrost.

 

Gewichtiger ist da schon die Schauspielmusik zu Skakespeares „Der Kaufmann von Venedig“. In sieben teils sehr kurzen Szenen (Barcarole, Porzia, Sarabande, Belmonte, Maskenzug, Kästchenlied und In solcher Nacht) werden einzelne Szenen dieser „Komödie“ klanglich illustriert. Den Hauptteil nimmt dabei die Liebesszene zwischen Lorenzo und Jessica ein. Hörner- und harfenumranktes Mondlicht, Tremoli der hohen Streicher, Feierlich-Verträumtes, nichts fehlt, um die Atmosphäre des Stelldicheins mit Zauberklängen würdig zu dekorieren.

 

Den längsten Beitrag bildet die Ersteinspielung der Suite zum britischen Stummfilm „Das Wunder“ in einem Arrangement von Adolf Lotter. „The Miracle“ wurde in Österreich in der Regie von Michael Carré von Joseph Menchen produziert und gehörte zu den ersten in Farbe gedrehten Spielfilmen. Bei der Premiere im Dezember 1912 am Royal Opera House Covent Garden erklang zur Projektion Humperdincks akustische Kulisse für Chor und großes Sinfonieorchester. Im Film geht es um die Nonne Megildis, die mit einem Ritter aus dem Kloster entflieht, inspiriert durch die allzu verführerische Musik eines Minnesängers. Das Wunder besteht darin, dass ein Marienstandbild zum Leben erwacht und an die Stelle der Nonne tritt. Als Letztere mit ihrem sterbenden Kind in das Kloster zurückkommt, wird ihr vergeben und das Standbild kehrt an den ursprünglichen Platz zurück.

 

Kaum zu glauben, aber auch zu Aristophanes‘ „Lysistrata“ hat Humperdinck eine Schauspielmusik komponiert. 1908 in Berlin aus der Taufe gehoben, begleitet Humperdinck die köstliche Story um die Frauen von Athen, die sich ihren Männern aus Protest gegen den Krieg (und solange dieser andauert) sexuell verweigern, kammermusikalisch durchsichtiger, um die klassische Antike lautmalerisch heraufzubeschwören. In drei Sätzen (Festzug, Schlussgesang „Komm selige Trunkenheit, Schlusstanz) nimmt das „Drama“ seinen Lauf. Humperdinck beweist einmal mehr seinen Sinn für Theater und Klang-Dramaturgie. Eher plakativ denn meisterlich, verfehlt die Musik ihre Wirkung auf den Hörer nicht.

 

Chor und Orchester der Oper Malmö unter der leider spannungsarmen musikalischen Leitung des schottisch-italienischen Maestro Dario Salvi betonen die symphonischen Elemente und die chromatischen Spielereien der Partituren. Theatralischen Effekte und ironisierende Drastik werden nicht ausgereizt. Klangtechnischer Durchschnitt. Zu einem ersten Kennenlernen!

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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