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Emmy Werner: … ALS OB SIE EMMA HIESSEN

12.09.2018 | buch

Emmy Werner:
… ALS OB SIE EMMA HIESSEN
Eine Nachbetrachtung
320 Seiten mit einem Bildteil, Residenz Verlag, 2018

Punktgenau zu ihrem 80. Geburtstag legt Emmy Werner, geboren am 13. September 1938, nun ihre Memoiren vor. Es ist ein ausführliches Buch, das sich dennoch von anderen Erinnerungswerken dieser Art unterscheidet. Ganz zu nah will sie den Leser doch nicht an sich herankommen lassen. Von sich selbst spricht sie in dritter Person, von „E.“, und sie ist tatsächlich imstande, die wichtigsten Menschen ihres Lebens – ihren Gatten Georg Lhotzky, ihren Sohn Alexander Lhotzky, ihren Gefährten Rudolf Jusits – nicht per Namen zu nennen. Auch das Volkstheater, das sie von 1988 bis 2005 geleitet hat, heißt bei ihr nur „das Große Theater“. Das wirkt ein wenig schrullig, aber diese Emmy war ja nie wie alle anderen.

Sie war eine Wunsch-Tochter, ist in der Währinger Straße in einer künstlerischen Familie aufgewachsen, die den Nazis fern stand und ihr eine glückliche Kindheit bescherte. Krieg und Nachkriegszeit prägten sie wie alle – nie wäre sie imstande, Essen wegzuwerfen, sie hat Hunger erlebt. Die Familie hatte Glück – Vater und Bruder kehrten aus dem Krieg heim, und die Eltern waren bis zu ihrem letzten Atemzug für sie da, auch als es galt, etwa ihr Theater zu finanzieren…

Sie war eines jener Kinder, die schon in frühester Jugend Theater spielen, konnte sich an den Fotobüchern mit Opernstars nicht sattsehen, war in der Oper früh empört, wieso Elsa eigentlich nicht erlaubt sein sollte, den Gatten nach dem Namen zu fragen. E. nicht nur wie Emmy, E auch wie Emanze, das zieht sich durch ihr Leben. Schon in der Schule war sie Pausenclown und Rädelsführerin… Schule schwänzen gesteht sie ein, es gab so schöne Schauspieler im Vormittagskino zu bewundern. Und ihrer Mutter erklärte sie, dass sie nicht ihr Leben damit verbringen wollte, für die Männer zu kochen, zu waschen, zu bügeln und zu putzen.

Nach der Matura stürmte sie ins Reinhardt-Seminar und kam gar nicht auf die Idee, man könne sie nicht nehmen. Genau das passierte. In einer privaten Schauspielschule hat sie es geschafft, und dann kam schon, wie es im Schlager hieß, „der junge Mann“, der – sie sagt, wie erwähnt, seinen Namen nicht – der Georg Lhotzky war, erfolgreich als Schauspieler und Regisseur, während Emmy das wurde, was sie nie sein wollte: Mutter, Hausfrau, Begleiterin des Gatten, auch als er nach Münster ging. Jetzt war sie, was vielen Frauen zu dieser Zeit bevorstand: die unterstützende Gefährtin, die Rückenfreihalterin, die sich um alles kümmerte. Und E. selbst, als sie selbst, war gar niemand, nicht wahrgenommen. Bei diesem Thema kann E. sogar in Rage kommen, auch für die Frauen, die sich dies gefallen lassen.

Im Theater der Jugend zu spielen, war nicht ihre Vorstellung eines Lebenswegs. Vielleicht war sie nicht zur Schauspielerin geboren – meint sie. (Tatsächlich hat sie nicht übermäßig viel gespielt, das aber mit großem Erfolg.) Aber Theater musste es sein. Dort war sie wie ein Fisch im Wasser. Auch wenn sie sich in der Courage an der großen Stella Kadmon rieb. Aber an deren Beispiel wurde ihr klar – sie wollte einmal selbst „Prinzipalin“ sein.

Sie hat das „vorgeschriebene Leben“ und die Ehe hinter sich gelassen, wurde (mit Unterstützung der Eltern) allein erziehende Mutter, sie fand die Räume der Drachengasse, gründete ihr eigenes Theater in einer Stimmung weiblicher Aufmüpfigkeit und einer sich langsam wandelnden gesellschaftlichen Struktur. Seltsam, dass sie die Frauen, die ihr zur Seite standen, nur in einem Nebensatz nennt. Vielleicht wäre ihr das zu „privat“.

Sie berichtet von vielen Schwierigkeiten und vielen Erfolgen und von dem allgemeinen Kopfschütteln, als auch sie sich um die Direktion des Volkstheaters (das „Große Theater“, wie sie es nennt) bewarb. Undenkbar in einer Männerwelt damals noch. Immerhin war Helmut Zilk ein unkonventioneller Bürgermeister: Nach einem Gespräch im Café Eiles verabschiedete er sich von ihr mit „Alles Gute, Frau Direktor!“

Sie eröffnete die Spielzeit stets mit einem „Frauenstück“ (sprich: eine weibliche Titelheldin), sie spielte neue Autoren, besteht aber darauf: „Das Publikum will nicht erzogen, nicht an den Ohren gezogen, sondern ernst genommen und phantasievoll verführt werden“ – ein Postulat, das heute kein Wiener Theaterdirektor mehr erfüllt, die nur drohen und beschimpfen. Ebenso wenig ist ihre Forderung nach klarer Sprache beachtet geblieben – wo gibt es die heute noch auf den Bühnen?

E. gibt eine Idee davon, wie menschlich schwierig eine Führungsposition von der Größenordnung eines Theaterdirektors ist, der Umgang mit der Macht, die man besitzt, wie groß der Druck, die Frustration, die Animositäten, die Kränkungen. Sie spricht nicht von einer Elefanten-, sondern einer „Neoprenhaut“, die man sich da zulegen muss… Ja, und da ist noch die Erkenntnis, dass Kunst schön ist, aber viel Arbeit macht. Und dass es nicht nur Erfolge, sondern auch Fehlschläge gibt, dass der Reibungsverlust von der Idee bis zur Realisierung enorm sein kann. Und wie schlimm es ist für einen Direktor, Misslingen während der Arbeit zu merken und keine Möglichkeiten mehr für Umkehrmanöver zu haben… Nun ja, Emmy Werner hat lange genug das „große Theater“, das Volkstheater, geleitet, so dass ihr wohl alles begegnet ist, was in dieser Welt möglich ist… „Mein Gott“, sagte der Portier einmal zu ihr, „in der Früh kommen S’ immer so adrett da rein, und am Abend gehen S’ dann so znepft da raus.“

Heute schätzt Emmy Werner ein Leben allein (freiwillig mit sich selbst zusammen), durch Wien vazierend, mit dem Kopfschütteln ihrer Generation mancher Entwicklung gegenüber („Warum schnattern so viele Leute unentwegt Wortmüll öffentlich und laut in ihre Handys?“), mit Büchern als guten Freunden (echte Bücher, deren Seiten man umblättert), dies und jenes sammelnd, und wie viele alte Menschen weiß sie, dass einen die anderen zwar alt sehen – man sich selbst aber nicht so fühlt…

Übrigens: Emmy Werner scheint einen unerschöpflichen Schatz von Zitaten zu besitzen, die sie bei geeigneter Gelegenheit anbringt. So ist sie auch zu ihrem Buchtitel gekommen: „Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen“, steht im „Möwenlied“ von Christian Morgenstern. Wenn man richtig zuhört, weiß E., dann krächzen Möwen nicht, sondern sie singen.

Renate Wagner

 

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