Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

EMIL NIKOLAUS von REZNICEK: BENZIN – ein heiter phantastisches Spiel Live Opernhaus Chemnitz November 2010 – cpo 2 CDs

18.12.2017 | cd

EMIL NIKOLAUS von REZNICEK: BENZIN – ein heiter phantastisches Spiel

Live Opernhaus Chemnitz November 2010 – cpo 2 CDs

0761203765324

 

„Benzin, Benzin ist alles hin. Ist nix mehr da, ist ganz lalala“  Plumcake

 

Der in Wien geborene Reznicek ist durch die schwungvolle melodisch einprägsame Ouvertüre zu seiner Oper Donna Diana bekannt geworden. Von Karajan bis Bernstein haben sie viele Pultmagier aufgeführt und eindrucksvoll auf Platte gebannt. Die Oper selbst dürfte kaum bekannt sein und noch viel weniger Rezniceks Oper „Benzin“.  Die Uraufführung vom 28. November 2010, kaum zu glauben, 81 Jahre nach der Entstehung dieser surreal verrückten Oper mit dem fast schon dadaistischen Titel kann jetzt anhand des vorliegenden Livemitschnittes des für seinen Mut zu Raritäten bekannten Opernhauses Chemnitz auf CD nachgehört werden. 

 

Basierend auf einem Libretto des Komponisten frei nach Pedro Calderon de la Barca „Über allem Zauber Liebe“ hat Reznicek eine in die 20-er Jahre verlegte Version der Odysseus-Circe Geschichte aus Homers Odyssee geschaffen. In seinen Memoiren hält Reznicek zum Inhalt folgendes fest: „Gladys, Tochter eines amerikanischen Milliardärs und Circe-Figur suggeriert durch ihre hypnotische Kraft allen Männern das Bewusstsein, in Tiere verwandelt zu sein. Diese Dame bewohnt eine vor kurzem aus dem Ozean aufgestiegene Insel. Die entdeckt der Kommandant (des Zeppelin 69)  Ulysses Eisenhardt, dem auf seinem Weltumfliegungsweg das Benzin aufgegangen ist.“ Abgekürzt weiter: Als sie mit ihren eigenartigen Tierversuchen bei ihm scheitert, will sie Eisenhardt das nötige Benzin verweigern, damit er seinen Rekord nicht einfahren kann und sein darauf gewettetes Vermögen verliert.  Erst als der Kommandant vorgibt, sich zu erschießen, gibt die inzwischen verliebte Gladys nach, sie kriegen sich, Happy End. Und der Zeppelin mit beiden an Bord fliegt gen New York.

 

Im Booklet wird Benzin als ein skurriles, phantastisches Spiel à la E. T.A. Hoffmann, bei dem die groteske Überzeichnung nur die Funktion hat, die Abgründe und Gefährdungen menschlicher Existenz erträglich zu gestalten, eingestuft. Ich würde eher sagen, dieses – um bei der Sprache des Kraftstoffs und der Verbrennungsmotoren zu bleiben, hybride Werk schwankt zwischen einem absurdem Konversationsstück, Operette, Musical mit einem Schuss Broadway und lustiger Nonsens-Überzeichnung. Die musikalische Sprache reicht von romantischen Elementen á la Humperdinck, Wagner etc., leichtfüssigen „Rosenkavalier“ Dialogen bis hin zu allerlei jazzigen Elementen und Alltagstänzen wie Polacca, Foxtrott, Boston oder Tango. Außerdem gibt es jede Menge an zusätzlichen akustischen Beimischungen wie Propellergeräusche, Sirenen, Hammer und Amboss. Insgesamt macht die musikalische Sprache zuweilen einen minimalistischen Eindruck. 

Was die Rezeption des Werks betrifft, so hatte die Oper Benzin schon aus historischen Gründen keine Chance mehr. Am 6. Mai 1937 fing bei der Landung in Lakehurst das Heck von LZ 129 Feuer, und innerhalb von Sekunden ging das größte Luftschiff der Welt in Flammen auf. Die medialen Reaktionen nach der Premiere in Chemnitz waren eher verhalten und titelten „Ein Zeppelin aus heißer Luft“, „Zeppelin endlich notgelandet“ oder „Keine Explosionsgefahr“. 

 

Heute ist dieses polystilistische Werk sicher ein Fall für eine konzertante Aufführung und eine CD. Auf der Bühne bräuchte man dazu eine freche geniale Inszenierung, wie sie die Komische Oper Berlin für skurrile Raritäten bisweilen aus dem Hut zaubert. Man bräuchte ein charismatisch glamouröses Paar für die Partie der Gladys Thunderbolt und des Kommandanten Eisenhardt. Die Oper Chemnitz hat für diese beiden Rollen Johanna Stojkovic und den Tenor Carsten Süss engagiert. Beide kommen mit ihren Rollen ganz gut zurecht. Vom sprichwörtlichen Hocker reissen mich ihre Gesangsleistungen nicht. Zu ihnen gesellen sich zwei weitere Liebespaare, Violet (Guibee Yang) und Freidank (Andreas Kindschuh) sowie die Dienerfiguren Lissy (Susanne Thielemann) und Nell (Tiina Penttinen), die allesamt einen stärkeren Eindruck hinterlassen als die Protagonisten des ersten Paars. Frank Beermann holt aus der Robert-Schumann-Philharmonie und dem Chor der Oper Chemnitz aus der Partitur eben alles, was vorstellbar daraus zu holen ist. Ihm gebührt großer Dank für die Ausgrabung dieser insgesamt doch amüsanten und vergnüglichen Oper.

 

Nicht zuletzt ist „Benzin“ mit kleinen Phrasen und Anspielungen aus anderen Opern gespickt. Sie eignet sich daher, wie etwa beim Notturno im 2. Akt, gut zum musikalischen Rätselraten. Michael Wittmann schreibt darüber im Booklet: „Das ist ein geistreiches Spiel, eine Art von Insiderwitz, Musik über Musik, das im Rahmen der Einstudierung bei den Beteiligten großes Vergnügen auslöste. Und für Opernenthusiasten unter dem Publikum stellte sich die Frage: Erkennen Sie den Aperçu?“

 

Eine Empfehlung für alle Melomanen, die kurzweilige Unterhaltung schätzen und auch bei einem Krimi oder einem Liebesroman nicht gleich den Mund verziehen. Die Aufführung hat Funken und Energie, bei der Besetzung gilt es Abstriche zu machen.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

Diese Seite drucken