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Elvin Hoxha Ganiyev im Interview: Mendelssohn, Selbstfindung und die Kraft der Musik

10.08.2026 | Instrumentalsolisten

Elvin Hoxha Ganiyev im Interview: Mendelssohn, Selbstfindung und die Kraft der Musik

Interview von Stefan Pieper

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Elvin Hoxha Ganiyev

Das Vertraute neu befragen“ – Mit 13 spielte Elvin Hoxha Ganiyev Mendelssohn zum ersten Mal. Heute, gut fünfzehn Jahre später, legt er beide Violinkonzerte des Komponisten vor, seine erste Aufnahme mit Orchester. Im Gespräch erzählt der Geiger, wie ausgerechnet die Stille der Pandemie ihn zu seiner eigenen Stimme führte und weshalb er sich als musikalischer Botschafter zwischen Aserbaidschan, der Türkei und Europa versteht. Im kommenden Juni gibt er zudem sein Debüt im Großen Saal des Wiener Musikvereins, wo er mit der Pannon Philharmonie das selten gespielte Violinkonzert von Karłowicz aufführt. Ein Gespräch über Herkunft, Selbstfindung und die Frage, was Musik in einer Zeit der Kriege ausrichten kann.

Ihre Einspielung der beiden Mendelssohn-Konzerte ist Ihre erste Aufnahme mit Orchester. Wie würden Sie diese Erfahrung beschreiben?

Für mich war das ein Meilenstein, wirklich – die Summe einer ganzen Entwicklung, verdichtet in einer einzigen Aufnahme. Ich habe das e-Moll-Konzert schon als Kind gespielt, aber Vorbereitung und Ergebnis waren diesmal völlig anders. Auf einmal flossen Ideen aus ganz verschiedenen Lebensphasen zusammen – aus meiner Kindheit, aus meiner Studienzeit und aus dem, was ich heute bin. Ich bin ja ein völlig anderer Musiker als mit 13 oder 14. All diese Schichten habe ich weiterentwickelt, umgekrempelt und zu einem Resultat gebracht. Das ist der ganz normale menschliche Weg: Man wächst, man hat seine Mentoren – und irgendwann wird man einfach man selbst.

Das frühe d-Moll-Konzert scheint Ihnen dabei besondere Freiheit zu geben.

Absolut. Das Werk ist stark barock geprägt, und trotzdem kann man darin barocke, klassische und romantische Spielweisen in einem einzigen Stück vereinen. Es dauert nur gut zwanzig Minuten, und doch gibt es so viel zu entdecken. Die meisten spielen das d-Moll-Konzert entweder sehr romantisch oder ziemlich streng – ich fühle mich hier eher leicht. Es ist ein humorvolles kleines Stück, man muss nicht alles bierernst nehmen. Man kann mit der Musik spielen, mit sich selbst, mit dem Dirigenten, man kann sogar das Orchester überraschen. Genau diesen Dialog liebe ich.

Haben Sie ein Beispiel für so eine Überraschung?

Im dritten Satz gibt es eine Stelle, an der dieselbe Phrase zweimal exakt gleich dasteht. Mendelssohn hat sie identisch notiert – aber man kann die Wiederholung ja verwandeln, etwa mit einem harmonischen Glissando. Im Konzert mache ich das jedes Mal anders, und fast immer huscht ein kleines Lächeln über das Gesicht des Dirigenten.

Und wie hat Howard Griffiths bei der Aufnahme darauf reagiert?

Da waren wir uns nicht immer ganz einig. Er fand es durchaus lustig, meinte aber: Für eine Aufnahme spielen wir es so, wie es dasteht. Also – keine Scherze auf der CD! Aber im Konzert in Dortmund, wo Sie ja dabei waren, habe ich mir diese kleinen Freiheiten dann doch genommen.

Sie kommen aus einer zutiefst musikalischen Familie. Was hat Sie am stärksten geprägt?

Meine Mutter und mein Großvater stammen aus der Sowjetunion, ihre Wurzeln liegen in der russischen Schule – mein Großvater war Schüler von Ziganow am Moskauer Konservatorium. Von ihm habe ich die Disziplin bekommen, das Fundament, das jeder Geiger als Kind braucht. Mein Vater dagegen ist Albaner und tickt völlig anders: ein Mensch des Augenblicks, frei auf der Bühne, immer bereit, etwas zu riskieren. Von ihm habe ich gelernt, den Moment zu genießen. Aus dieser Spannung zwischen Disziplin und Freiheit ist eigentlich alles entstanden.

Was war nötig, um daraus ein wirklich eigenständiger Künstler zu werden?

Als ich später in Deutschland lebte und mich intensiver mit Beethoven, Mozart und Mendelssohn in ihrem eigenen Stil beschäftigte, merkte ich: Ich brauche mehr Farben als nur diesen russischen Klang mit viel Vibrato und großem Ton. Lange galt ich einfach als Schüler von Zakhar Bron, und es gibt ja dieses Bild, dass die Studenten solcher Legenden alle gleich klingen, wie am Fließband. Ich wollte da heraus und meine eigene Sprache finden. Dafür wurde ich mal kritisiert, mal gelobt – aber genau das heißt es doch, Künstler zu sein.

Und wann haben Sie diese Sprache gefunden?

Ausgerechnet in der Pandemie. Während Corona gab es anderthalb Jahre lang keine Konzerte, gar nichts. Ich saß allein zu Hause in Hannover, auch der Unterricht lief nur online – auf einmal hatte ich keine Einflüsse mehr von außen. Genau dadurch bekam ich die Chance, ganz ich selbst zu werden. Vielleicht hatten die Leute in dieser langen Zeit sogar vergessen, wie ich vorher gespielt hatte. Als ich wieder herauskam, war ich wie ein neuer Mensch. Der frühere Elvin war auch gut, klar – aber dieser hier hat seine Musik nicht mehr von der Familie oder den Professoren geliehen, sondern will seine eigenen Ideen mit der Welt teilen.

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Elvin Hoxha Ganiyev

Ihnen ist es wichtig, immer wieder in Ihre Heimatländer zurückzukehren. Warum?

Viele Musiker verlassen ihre Länder für die Ausbildung und kehren nie zurück – sie bleiben in Deutschland und arbeiten dort bis zur Rente. Ich finde es wichtig, das in Europa Gelernte zurückzubringen und der nächsten Generation weiterzugeben. Gerade die jungen Leute dort brauchen Vorbilder, an denen sie sehen: Es ist möglich.

Sie haben ja auch einen starken Bezug zu Aserbaidschan.

Aserbaidschan hat mich seit meiner Kindheit unterstützt. Das Land entwickelt sich rasant und ist unglaublich ehrgeizig, mit einer sehr kulturbewussten Haltung: Kulturministerium, Stiftungen und die Präsidentenfamilie arbeiten gemeinsam daran, Kunst und Kultur auf internationales Niveau zu heben. In diesem Geist hat man mir auch meine Geige zur Verfügung gestellt. Es war das erste Mal seit Sowjetzeiten, dass in Aserbaidschan ein Musiker auf diese Weise ein Instrument bekam, und ich hoffe, es ist der Anfang einer ganzen Sammlung für junge Künstler, so wie es die großen Stiftungen in Deutschland oder Japan seit Langem vormachen.

Und wie erleben Sie das Land selbst?

Wer Baku besucht, sieht eine Stadt, die hochmodern geworden ist und trotzdem ihre Kultur bewahrt hat. Die Menschen im Kaukasus sind sehr stolz auf ihre Länder und lieben Gäste, die diese Kultur kennenlernen wollen. Erst kürzlich habe ich beim Gäbälä-Festival gespielt, das in den letzten Jahren enorm gewachsen ist – bei der Eröffnung mit dem Jugendsinfonieorchester, und dann kamen Ballettensembles aus Moskau, Wien und München zusammen. Es ist beeindruckend zu sehen, wie das Land Schritt für Schritt internationale Anerkennung für seine klassische Musik gewinnt. Sie sollten wirklich einmal kommen – ich würde Ihnen mein Aserbaidschan gerne selbst zeigen.

Sie haben beobachtet, dass in der Türkei mehr junge Menschen in die Konzerte kommen als in Deutschland. Woran liegt das?

Ich glaube, die jungen Leute dort sind einfach hungriger. In Deutschland ist klassische Musik in gewisser Weise selbstverständlich geworden – jeden Tag Konzerte, zahllose Orchester, ständig Festivals. Vielleicht schätzt man ein Angebot weniger, wenn es einfach immer da ist. In Ankara dagegen sind die Säle oft voll mit jungen Leuten, teils gar keine Musiker, die aus den umliegenden Städten anreisen, nur um den Künstlern Fragen zu stellen und etwas zu lernen. Diese Neugier hat mich sehr berührt.

Erleben Sie das deutsche Publikum denn als weniger interessiert?

So würde ich das nicht sagen, das wäre unfair. Ich habe in Deutschland viele junge Menschen getroffen, die klassische Musik sehr respektieren und die Namen der Komponisten und Interpreten kennen. Aber für viele von ihnen konkurriert die Klassik mit unendlich vielen anderen Angeboten, und da entscheiden sie sich abends eben eher für etwas anderes. Das ist auch kein rein deutsches Phänomen, das erlebe ich fast überall – die populäre Musik ist heute einfach präsenter im Alltag junger Menschen. Ich sehe das nicht als Desinteresse, eher als eine Frage der Gewohnheit und der vielen Möglichkeiten.

Sehen Sie soziale Medien eher als Chance oder als Gefahr für die Klassik?

Ganz klar beides. Meine Generation bringt frische Einblicke in diese zeitlose Musik – wir zeigen mehr vom Backstage, vom Alltag, von der Vorbereitung, und das macht die klassische Welt für viele Menschen nahbarer. Diese Chance nutze ich selbst gern.

Und die Kehrseite?

Manchmal macht es mich nachdenklich, wenn jemand auf Instagram ein einfaches Popsong-Cover spielt, dafür viele Follower bekommt und zu großen Festivals eingeladen wird. Das ist ein ganz anderer Erfolg als der, der aus jahrelanger Arbeit an einem Beethoven-Konzert wächst – beides hat seine Berechtigung, aber man sollte es nicht verwechseln. Schwierig wird es, wenn jemand über die sozialen Medien zur Klassik findet und dann ein Konzert aus lauter kurzen, entspannten Häppchen erwartet. Vor einer ganzen Beethoven-Sonate kann das erst einmal überfordern. Ehrlicher fände ich, wenn klarer würde, dass so ein einminütiges Video nur ein winziger Ausschnitt ist und nicht die ganze klassische Musik. Trotzdem bleibe ich optimistisch, denn oft passiert auch das Gegenteil: Wer zum ersten Mal live in so einen wunderschönen Saal kommt, ist überwältigt – von der Musik, der Atmosphäre, dem Orchester. Diese unmittelbare Erfahrung kann kein Bildschirm ersetzen.

Woran arbeiten Sie derzeit, was steht als Nächstes an?

Ich freue mich riesig auf die kommende CD mit Szymanowski und Karłowicz. Diese Musik hat mir das Herz zerrissen, als ich sie zum ersten Mal hörte. Szymanowski ist so ein mystischer Komponist – seine Farben, seine Effekte, einfach genial. Das erste Mal, sein Konzert zu spielen, war wie ein Flug durch Blumen. Und Karłowicz besticht durch diese Harmonien und die kraftvolle Struktur. Es ist erstaunlich, dass ein so schönes Konzert so selten gespielt wird.

Und über die Aufnahmen hinaus?

In der Türkei plane ich ein Konzert mit vier neuen Werken türkischer Komponisten, und in den nächsten Jahren möchte ich mich stärker dem modernen Repertoire widmen, vielleicht mit einem eigenen Album. Besonders freue ich mich auf mein Debüt im großen Saal des Wiener Musikvereins Anfang Juni, wo ich mit der Pannon Philharmonie das Karłowicz-Konzert spiele – für einen Musiker ist das schlicht ein Traum. Und langfristig träume ich von einem eigenen Festival in der Türkei, an zwei Orten, einer davon an einem See, wo junge Menschen aus aller Welt zusammenkommen, lernen und sich austauschen können.

Zum Abschluss: Welche Rolle spielt Musik in unserer krisengeschüttelten Zeit?

Musik ist die einzige Sprache, die jeder Mensch in jedem Land versteht. Ihre Aufgabe ist es, Frieden zu bringen und Menschen zusammenzuführen – nicht das Gegenteil. Es ist doch schwer zu ertragen, dass 2026, in einer Zeit mit so viel Bildung, immer noch Menschen und Kinder wegen der Politik sterben. Wir Musiker müssen, wo wir können, für alle Leidenden da sein.

Das Interview führte Stefan Pieper im August 2026

 

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