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ELSER

12.05.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmPlakat Elser~1

Ab 15. Mai 2015 in den österreichischen Kinos
ELSER
Deutschland 2015 
Regie: Oliver Hirschbiegel
Mit: Christian Friedel, Johann von Bülow, Burghart Klaußner, Katharina Schüttler u.a.

Der Beitrag von Klaus Maria Brandauer zum Thema hat offenbar nicht genügt – aber sein Film über den Hitler-Attentäter Georg Elser (den er inszeniert und in der Hauptrolle gespielt hat), datiert von 1989, ist auch schon eine Zeit her. Nun, 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, schien es Oliver Hirschbiegel angemessen, wieder an diesen Mann zu erinnern, der stets in der posthumen „Nazi-Ikonographie“ hinter dem vergleichsweise „glanzvollen“ Attentäter Stauffenberg zurückstehen musste…

Nun ist Hirschbiegel, dessen Vorliebe für diese Epoche man kennt (er hat sich von „Kommissar Rex“ und „Tatorten“ zum „Untergang“ – mit Bruno Ganz als Hitler –  hochgearbeitet, mit einem Ausrutscher zu Prinzessin Diana), mit Hilfe des Drehbuchs geradezu klassisch vorgegangen: Elser, der nach dem missglückten Attentat von den Nazis verhört wird, und Elser in Rückblicken. Beide Ebenen fallen gewissermaßen so aus, wie es die Konvention verlangt, wobei die Rückblicke deshalb interessanter wären, weil man natürlich wissen will, wie ein „ganz gewöhnlicher junger Mann aus der schwäbischen Alp“ dazu kommt, im November 1939 eine Bombe in den Bürgerbräukeller zu legen in der Absicht, Hitler und seine wichtigsten Mitarbeiter zu töten.

Nun zeichnet Hirschbiegel mit ermüdender Ausführlichkeit das Leben im kleinen deutschen Dorf, anfangs nur Fröhlichkeit, Weibergeschichten, Musik, Freizeitunterhaltung – die „heile Welt“. Sie wird nach und nach von den fanatischen Nationalsozialisten, die sich in den Alltag einfressen, zerstört – allerdings passiert Elser, obwohl er ein erklärter Nicht-Mitläufer ist, nichts wirklich, außer dass er beruflich nicht weiterkommt.

Es lag dem Film offenbar daran, ihn vor allem als nicht den Superbraven zu zeigen, darum die vielen Frauengeschichten, die Freundin mit Kind lässt er sitzen, mit der verheirateten Frau lässt er sich ein. Er ist auch nicht übertrieben fromm – und so fällt es schwer, die Motivation hinter dem Bau der Bombe zu entdecken, die dann nicht Hitler (der war 13 Minuten vor der Explosion gegangen), aber acht anderen Menschen das Leben kostete.

Diese Rückblick-Szenen, die uns zeigen sollten, wie Elser tickte und dachte, sind letztlich in der Motivations-Deutung unbefriedigend. Die Szenen bei der Gestapo fallen aus, wie man es erwarten kann, nicht nur mit Folterszenen, sondern auch dem allgemeinen Wunsch, diesen Einzeltäter zum Zentrum einer großen kommunistischen Verschwörung zu machen, die man propagandistisch ausnutzen konnte – aber dazu konnte sich Elser, der Einzeltäter, nicht bekennen.

Nicht wirklich begreiflich auch die historische Tatsache, warum die Nazis ihn nicht gleich hinrichteten (bei Stauffenberg, bei den Scholls und ihren Mitverschwörern waren sie weniger zimperlich), sondern ins Konzentrationslager abschoben, wo er am Ende noch, ein gebrochener Mann, Zither spielt und singt (eine doppelt unerträgliche Szene), bevor Gestapochef Heinrich Müller dann doch noch in seinem Sinn reinen Tisch machte und kurz vor Kriegsende Elsers Ermordung befahl.

Elser xxx

Wie Müller wohl auch dahinter steckte, seinen Kollegen bei den Elser-Verhören, den Chef der Kripo im Reichssicherheitshauptamt Arthur Nebe, rasch noch hinrichten zu lassen – minutenlang muss man zusehen, wie dieser in der Schlinge baumelt. Auch das ist ein gewissermaßen dramaturgisch „seltsames“ Details dieses Films, denn die Brutalität der Nazis wurde ausreichend aufbereitet – soll  man sich „freuen“, dass sie sich auch gegen einander wandten? (Müller galt übrigens nach dem Krieg als „verschollen“.)

Elser – so wie Christian Friedel ihn spielt, also kein Held, sondern der normale, normal empfindende Bürger, der tat, was alle hätten tun sollen (und nicht taten, weil viele von ihnen eben überzeugte Nazis waren), nämlich Widerstand zu leisten. Dazu Katharina Schüttler in der viel zu stark aufgeblähten bürgerlichen Liebestragödie. Und brillant sowohl Burghart Klaußner als Nebe, der bei den Verhören Vernunft und nicht Fanatismus walten ließ (und dafür wahrscheinlich baumeln musste) und vor allem Johann von Bülow als Heinrich Müller: das „sympathische“, fast nichtssagende deutsche Gesicht unter dem Blondhaar, und welch eiserne Entschlossenheit und Skrupellosigkeit dahinter.

Kein Heldenlied, ein trauriges Alltagslied. Warum der Elser es getan hat – auch nach diesem Film versteht man es nicht recht (bei Jägerstätter stand wenigstens der starke Katholizismus als Begründung für den Widerstand dahinter). Hat Oliver Hirschbiegel nun einen großen Beitrag zur deutschen Geschichtsaufarbeitung geleistet? Eigentlich nicht. Da hat man neulich bei „Im Labyrinth des Schweigens“ (über das Zustandekommen der Auschwitz-Prozesse) weit mehr verstanden…

Renate Wagner

 

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