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Elfriede Hammerl: ZEITZEUGE

19.09.2014 | buch

BuchCover Zeitzeuge

Elfriede Hammerl: 
ZEITZEUGE
Roman
218 Seiten, Edition Ausblick, 2014 

Eigentlich war es vor Jahrzehnten „modern“, alles klein zu schreiben und mit der Zeichensetzung höchst sparsam und impressionistisch vorzugehen. Nun, Elfriede Hammerl zwingt den Leser in ihrem neuen Roman „Zeitzeuge“ noch einmal dazu, und es ist anfangs nicht ohne Mühsal, sich hier einzulesen. Dann allerdings ist man bei „dieter“, dem Helden der Geschichte, an dessen Schicksal die Hammerl das klassische Alltagsleben dessen erzählt, der alles ein bisschen und nichts richtig gemacht hat: der

gestrandete möchtegern-verleger, studienabbrecher, doch-nicht-lehrer, desinteressierte journalist, gescheiterte dichter, erfolglose verleger, was für eine laufbahn.

Die Autorin ist dafür verantwortlich, dass man sich für das Nicht-Gelingen interessiert. Und so ganz als Versager sieht man diesen Dieter W. dann doch nicht, Elfriede Hammerl beweist zwar Ironie in der Betrachtung seiner Person, bringt ihm aber spürbar auch einiges an Sympathie entgegen…

Er ist offenbar Jahrgang 1946, und da er irgendwie – nicht wirklich, aber doch – daran denkt, seine Memoiren zu schreiben, fließen in die Schilderung seiner Gegenwart auch eine Menge Erinnerungen ein –  aus einer Welt, die für seinen Teenager-Sohn „Steinzeit“, seine End-Dreißiger-Tochter „Mittelalter“ ist. Mit beiden versteht er sich überhaupt nicht besonders, und das sieht er ziemlich nüchtern: Die allgemeine Sentimentalität rund um Familienbeziehungen ist ihm fremd. Auch seine Exgattinnen betrachtet er ohne Glorienschein, gewissermaßen um Augenmaß und Ausgewogenheit bemüht.

Der Dieter der Vergangenheit war ein Kind aus ärmlichen Verhältnissen, und wer als Leser etwa so alt ist wie er, wird sich an die Sensation der ersten Banane, die man kennen lernte (wann war das eigentlich?), erinnern (die gab es nach dem Krieg nämlich erst spät für Normalmenschen). Verglichen mit der damaligen realen, ganz selbstverständlichen, von niemandem hinterfragten Armut der Unter- und Mittelschicht in Bassena-Wohnungen, kommen  Dieter heutige Klagen manchmal ganz seltsam vor…

Was hat man als Nachkriegsmensch nicht alles erlebt – oder es ist an einem vorbeigegangen: Ob 68er-Bewegung, Anti-Vietnam-Demonstrationen, Tschernobyl, und trotzdem täte sich auch der etwa gleich alte Leser wie Dieter schwer, das „Gefühl der siebziger Jahre“ und dergleichen, wie es sich nachher so trefflich analysieren lässt, aus dem eigenen Gefühl heraus zu beschreiben. Was hat man nicht alles vergessen?

Die Vergangenheit greift insofern in Dieters Gegenwart ein, als die darin vorkommenden Personen – mit Ausnahme von Eltern und Verwandten – noch höchst lebendig präsent sind. Dass er das Studium abgebrochen hat und ein tatsächlich lustloser Journalist wurde, nur weil er ganz gut schreiben konnte (sein erster Roman wurde von den Journalistenkollegen so verächtlich abgetan, dass er nie wieder einen anderen schrieb), hat ihm seine erste Frau Ruth immer vorgeworfen. Dass er, ohne sozialen Hintergrund (nicht einmal ein hochrangiger Nazi als Vater, was dann manchmal auch etwas galt…), die Tochter aus jüdisch-kommunistischer Familie (und natürlich dennoch sehr betucht) heiratete, sozialer Adel in den Augen unserer Welt, hat zu allerlei ideologischen Zusammenstößen mit ihm und der so intellektuellen Gattin geführt. Dass er sich nachher ein bildschönes Model zur Frau nahm und diese burgenländische Martha, die zur Überraschung aller nicht nur einen Körper, sondern auch einen anspruchsvollen Verstand hatte, zur braven Hausfrau in einer Villa in Baden machen wollte, missglückte desgleichen: Dass Dieter, wie die meisten Männer, nicht so recht „lesen“ kann, was im Kopf einer Frau vorgeht, macht die Autorin gewissermaßen schmunzelnd klar. An beiden Damen hat er auch alle Variationen eines kämpferischen Feminismus kennen gelernt, bei denen der Mann immer schlecht ausstieg.

Was beschreibt die Hammerl noch aus den Augen von Dieter? Alltag, bis zum Auto- und U-Bahnfahren heute. Und wie es auf den Gesellschaften der „besseren Leute“, zu denen er inzwischen zählt, zugeht, zwischen Kulturgelaber und Schickeria-Angeberei (eine Welt voll guter Tropfen und exquisiter Menüs, alles natürlich Geheimtipps!), wie hingegen die armen Schwiegereltern aus dem Burgenland stets nur über Krankheiten reden konnten. Zahllose frustrierende Treffen mit den Sprößlingen, der immer unzufriedenen Tochter, dem immer pappigen Sohn, beide voll von Vorwürfen gegen ihren Erzeuger. Sein verändertes Leseverhalten, die Unlust, heutigen Autoren beim Umkreisen ihrer Wichtigkeit zu folgen. Seine verschwundene Lust am Sex, der einst so wichtig war, und die Schwierigkeit, entschlossene Frauen auf Partnersuche einigermaßen taktvoll abzuwehren, wenn man eigentlich so gar keine Lust auf ihre Gesellschaft hat.

Und wie läuft er in der Gegenwart beruflich? Der Jugendfreund von einst, Norbert (immer schon ein windiger Geselle, der den Freund nie um dessen Talente beneidet hat, weil er genau wusste, dass Dieter die Trommlerqualitäten fehlen, sich zu verkaufen), hat ihn dazu überredet, gemeinsam einen Verlag zu gründen, an dessen literarischen Ambitionen unser Held nicht lange festhalten konnte, am allerwenigsten, nachdem sie von einem Frankfurter Verlagskonzern aufgekauft wurden.

Freilich, Norbert hat eine „großartige“ Idee, der Dieter nur fassungslos, aber ohne die Kraft des wirkungsvollen Protests gegenüber steht: Er will die Memoiren eines extrem rechten Politikers veröffentlichen und sie dann am 20. April auf dem  gewissen Balkon in der Hofburg präsentieren – und wer da auf die falschen Gedanken kommt, ist selber schuld. Der programmierte Skandal findet statt, geht aber für Norbert extrem schlecht aus. Dieter hingegen…

Ja, da darf man sich dann wundern: Denn die Hammerl, die so gar nicht zur Sentimentalität neigt, beschert unserem Helden ein Happyend. Ein Wiedersehen mit Jugendfreundin Natalia, die einst (was er erst verspätet erfährt) ein Verhältnis mit Norbert hatte und dann plötzlich aus seinem Leben verschwunden ist, worauf er erst Ruth geheiratet hat… Nun ist sie wieder da, praktischerweise auch geschieden und mittlerweile berühmte Fotografin, und am Ende schlendern die beiden durch Abbazia. Wie hat sich dieses Groschenroman-Ende in diese an sich so kluge, kaltschnäuzige, herrlich unkonventionelle Analyse einer Generation verirrt, der die Autorin auch angehört – und darum so viel Richtiges zu sagen weiß?

Renate Wagner

 

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