Im Gespräch mit dem Dirigenten Sebastian Weigle
Ein Gespräch von Dirk Schauß vom 03.06.2026

Sebastian Weigle bei einer Probe. Foto: Copyright by Diana Hillesheim
Fast vier Jahre später – im Juni 2026, wie schon 2022 – trafen sich Dirk Schauß und Sebastian Weigle wieder in Frankfurt. Die Atmosphäre war von Anfang an vertraut und herzlich: Weigle kehrte als Gast zu dem Orchester zurück, dessen Klang er, wie er sagt, „immer in seinem Herzen“ getragen hat.
Beim ersten Gespräch vor Jahren hatte sich bereits eine offene, respektvolle Gesprächsatmosphäre entwickelt. Diesmal war das Interview noch ausführlicher, persönlicher und von einer spürbaren Freude am Wiedersehen geprägt. Im Zentrum standen Weigles Rückkehr an das Pult des Frankfurter Orchesters, sein Leben als freier Dirigent und die Erfahrungen, die er in den letzten Jahren an den verschiedensten Häusern gesammelt hat. Er spricht mit großer Wärme über die besonderen Qualitäten „seines“ Orchesters, über das Beethoven-Violinkonzert und Rachmaninows zweite Sinfonie, die er ungekürzt und mit frischen Nuancen an den beiden Konzertabenden gestalten will. Ebenso offen äußert er sich zu seinen zukünftigen musikalischen Wünschen – darunter Sibelius und Martinů – und zu seiner Haltung gegenüber Mahler, den er bewusst nicht als reine Todesmusik versteht.
Es ist ein sehr herzliches, ehrliches und in manchen Momenten auch berührendes Gespräch – ein Blick auf einen Dirigenten, der nach der intensiven Zeit als Generalmusikdirektor nun freier und zugleich mit neuer Neugier unterwegs ist, und der dabei den Klang eines Orchesters nie vergessen hat.
Herr Schauß: Erst einmal vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Gespräch nehmen, lieber Herr Weigle. Ich falle gleich mit der Tür ins Haus – wie war die erste Probe?
Herr Weigle: Die erste Begegnung – das schwebt ja schon im Vorfeld ein bisschen in der Luft: Wie wird das wohl sein, nach drei Jahren wiederzukommen? Man betritt das Haus, und schon auf dem Weg trifft man einige Musiker, die zum Orchester unterwegs sind: „Ah, schön, dass Sie da sind!“, „Oh, das wurde aber auch Zeit!“ Es war ein sehr warmes Willkommen, ein sehr herzlicher Empfang. Ich habe dem Orchester gesagt, was ich schon in meiner Abschlussansprache vor drei Jahren gesagt hatte: dass ich mich in den Klang dieses Orchesters so verliebt habe und ihn immer in meinem Herzen tragen werde. Und das habe ich auch nie aufgegeben. Manchmal, wenn man andere Orchester dirigiert, merkt man: Das klingt nicht so wie in Frankfurt. Hier ist über die Jahre etwas zusammengewachsen. Irgendwann hat man nur noch eine Zeichensprache und muss nichts mehr verbal artikulieren – man macht eine Geste, „ach ja, das sollten wir“, und schon kommt es. Das ist eine große Qualität, die man nicht überall findet. Als Gast mache ich ja keine anderen Gesten; ich komme auch mit anderen Orchestern relativ schnell zu einem Klang. Aber Frankfurt trage ich immer mit mir, das hat sich nie geändert. Das erste Jahr war ich fast gar nicht da – die Musiker sollten sich erst einmal auf die neue Ära einstellen. Da muss viel gearbeitet, vielleicht auch etwas anderes erzeugt werden. Und dann war ich ganz überrascht und eigentlich doch nicht: Es ist einfach ein tolles Orchester, das gewohnt ist zu reagieren und zu agieren und sich stilistisch wunderbar auskennt. Es war ein wunderbares Wiedersehen. Sie murren auch nicht: Normalerweise gibt man die Pause nach etwa einer Stunde zwanzig; heute habe ich sie erst nach einer Stunde zweiunddreißig gegeben – da schaut keiner auf die Uhr. Man muss eben etwas zu sagen haben, es muss einen Grund haben und Sinn ergeben. Man muss eine Probe nicht künstlich verlängern. Aber sie haben auch nicht aufgehört nachzufragen: Soll ich das hier so machen, fehlt da etwas? Sie sind sehr aufmerksam. Das ist schön.
Herr Schauß: Das ist sehr interaktiv.
Herr Weigle: Ja, total. Und es war eigentlich immer so. Manche Kollegen mögen es während der Probe, andere kommen danach und stehen Schlange, um ihre Fragen loszuwerden – und die bekommen sie selbstverständlich auch beantwortet. Ich bin tatsächlich ein Arbeiter: Ich frage die Leute, die jeden Tag im Orchester sitzen, wie lange das Stück her ist, ob sie erst einmal eine Übersicht haben wollen – denn die nächste Probe ist vielleicht schon am selben Abend. Tun sich Schwierigkeiten oder bestimmte Stellen auf, von denen ich sage: Die schaue ich mir vor der Abendprobe lieber noch einmal an? Wenn man gleich von Anfang an arbeitet, ist die Probe weniger anstrengend, weil die körperliche Anstrengung etwas eingedämmt ist. Hier war der Wunsch aber wirklich da. Die zweite Sinfonie von Rachmaninow ist vor langer Zeit hier mit diesem Orchester letztmalig erklungen, unter Willem Mengelberg im Jahr 1909! Ich selbst habe die Sinfonie 2011 in einer Bearbeitung für Klavier und Orchester dirigiert, als fünftes Klavierkonzert sozusagen. Da hat man aber eher die Rolle des Begleitenden … Und erst jetzt wieder als normale zweite Sinfonie.

Sebastian Weigle und Dirk Schauß. Foto: Copyright by Diana Hillesheim
Vom GMD zum musikalischen Nomaden
Herr Schauß: Herr Weigle, Sie sind jetzt seit drei Jahren als „musikalischer Nomade“ unterwegs – wenn ich das mit allem Respekt so sagen darf: heute hier, morgen dort, sehr viel auf Reisen. Ich verfolge Ihren Weg, wo Sie gerade sind. Zuletzt Korngold in Dallas, ganz auf musikalische Breitwand eingestellt, und Dvořáks Siebte – und die kommt wieder in Singapur, oder?
Herr Weigle: Stimmt. Und dann ist wieder Oper dran, mit dem Figaro in San Francisco. In Wien bin ich nächstes Jahr und das übernächste Jahr. Dort mache ich den Rosenkavalier. Und es kommt eine ganze Menge: Die tote Stadt, Zauberflöte, Hänsel und Gretel, Elektra … eine ganze Menge.
Herr Schauß: Toll. – Wie hat sich Ihr Leben verändert, einmal abgesehen davon, dass Sie mehr reisen als früher?
Herr Weigle: Ich will nicht sagen, es sei ein bisschen entspannter – es ist es tatsächlich. Früher, wenn ich die Möglichkeit zum Gastieren bekam … Ich habe meine Aufgabe als GMD hier in Frankfurt sehr ernst genommen, hatte immer ein offenes Büro: Die Leute konnten kommen und ihre Sorgen und Nöte hierlassen. Entspannt war ich in Frankfurt eigentlich nie. Jetzt, wenn ich nach Frankfurt komme, muss ich nicht am nächsten Morgen gleich in die Oper, was sonst immer der Fall war. Ich war unterwegs, und es war oft so geplant, dass ich früh um acht aus Japan lande und um zehn schon hier probe. Das ging eigentlich immer weiter. Das ist jetzt weg, das nimmt ein bisschen Druck heraus. Es waren ja auch sehr viele Premieren, die ich hier gemacht habe, Dinge zum allerersten Mal – und das ist natürlich schön, das mit der Neugier der Orchestermusiker gemeinsam zu entwickeln. Es ist also ein bisschen entspannter. Aber ich habe gerade harte Monate, weil wir es mit der Agentur so besprochen haben. Es ist auch ein Liebesdienst dabei. Ich freue mich aber sehr auf das Konzert in Frankfurt (Oder) – und auch auf das mit dem Orchester meines Onkels.
Herr Schauß: Ah ja. Es gab ja auch immer viel Verwechslung – zwei Weigles in zwei Frankfurts. Wer ist wer, und wie auch immer.
Herr Weigle: Richtig. Aber da hat sich ein kluger Dramaturg etwas gedacht. Es geht um die Feier zum 25-jährigen Jubiläum der Eröffnung des Nikolaisaals in Potsdam. Den habe ich vor 25 Jahren mit dem Frankfurter Staatsorchester eröffnet. Jetzt wollte man das feiern und hat sich den dirigierenden Kollegen von damals für das Jubiläumskonzert gewünscht. Ich konnte mir den Tag aussuchen, die Woche war eigentlich frei. Da habe ich gedacht: Wann soll man es sonst machen? Sonst müsste ich es in den Urlaub schieben, und das ergibt für ein Orchester keinen Sinn. So habe ich gesagt: Gut, ich mache das. Also nach dem Montagskonzert Dienstagvormittag die Anreise und gleich am Nachmittag die Probe. Auf dem Programm steht die dritte Sinfonie von Rimski-Korsakow – eine Rarität. Dann ein Stück von Alissa Firsowa, eine Art Apokalypse, könnte man sagen: die Androhung von Dingen, zarte Erinnerungen, Schwelgerisches, Filmmusikartiges dazwischen – ein sehr interessantes Stück. Sie kommt selbst; sie ist Pianistin und Komponistin. Und dann das dritte Klavierkonzert von Rachmaninow mit Alexander Krichel.
Beethoven und der Herzschlag des Lebens
Herr Schauß: Schauen wir auf das Programm, das wir am Sonntag und Montag hören werden. Beethovens Violinkonzert. Der Beethoven ist ja ein sehr ungewöhnliches Konzert, schon von der Dimension her – es ist relativ groß.
Herr Weigle: Deswegen gibt es auch keine Ouvertüre.
Herr Schauß: Ich frage immer, wenn das Beethoven-Violinkonzert kommt: Was ist der Hauptansatz für Sie? Da ist ja immer dieses Motiv, dieses Pochen in den Pauken. Ist das für Sie einfach nur ein Motiv, oder steckt mehr darin?
Herr Weigle: Natürlich ist es ein Motiv – schon weil es eines ist. Aber für mich ist es immer auch etwas anderes: etwas Rundes, ein Herzschlag, ein „Ich bin noch am Leben“. Ich mache aus vier Tönen etwas, ich stelle diesen Rhythmus einfach vor eine Melodie. Beethoven hat ja viele Dinge geschrieben, die eigentlich gar keine Melodie enthalten. Für mich ist es immer so: Jemand klopft an, man öffnet, und dann tritt eine Seele ein; man begegnet ihr und macht etwas mit ihr. Dann schließt sich die Tür wieder, und man ist eigentlich wieder in der Einsamkeit, in der Dunkelheit – aber der Puls geht irgendwie weiter. Für mich also immer etwas, das einen Nährboden bietet, um weiterzumachen, ein Aufrechterhalten. Dass das Schicksal an die Tür klopft, würde ich nicht sagen – das ist schon anders besetzt. Das Stück zeigt viele Stufen des Lebens: Da ist auch kindliche Naivität drin, gerade in den Holzbläserstellen, wo von irgendwoher die Seele kommt. Diese Gegensätze müssen einfach explodieren – für mich ist es geradezu eine Sinfonie, mit Ecken und Kanten.
Herr Schauß: Gibt es für Sie bei diesem Konzert als Dirigent besondere Herausforderungen?
Herr Weigle: Nein. Die Aufgabe ist immer das, was vermeintlich leicht und einfach klingt und doch nicht so einfach umzusetzen ist. Da sitzen zwölf erste Violinen, zehn zweite, was auch immer – die müssen alle dasselbe denken, dasselbe fühlen, im selben Moment. Der eine macht es vielleicht nicht ganz mit, aber dafür gibt es den Dirigenten, der das immer wieder motiviert.
Herr Schauß: Wenn Sie Beethoven dirigieren, wie ist Ihre Klangvorstellung? Eher an der historischen Aufführungspraxis orientiert? Das ist ja inzwischen fast zum Dogma überhöht worden, finde ich.
Herr Weigle: Ja, gut, dass Sie das ansprechen. Sonst wäre es zu sehr ins andere Extrem überhöht – es riecht ein bisschen danach. Ich mache das schon ein wenig, ja. Aber dann kommt auch wieder Herzblut: Ich wechsle, ich bleibe nicht stur dabei. Bitte nicht ganz ohne Vibrato – aber das Vibrato ist schon reduziert. Es soll nicht klingen, als würde man es auf der Orgel spielen; es muss schwingen und einen guten Atem haben. Ein bisschen Fleisch darf sein, ganz genau. Ich habe so viele Bilder im Kopf, die entstehen, wenn man es dann tut – und die können von Sonntag zu Montag durchaus unterschiedlich sein.
Rachmaninow ohne Kompromisse
Herr Schauß: Wenn Sie zwei Konzerte hintereinander dirigieren: Entscheiden Sie sich eher für Konsistenz, versuchen also, an das anzuknüpfen, was Sie im Konzert zuvor gemacht haben – oder probieren Sie aus, was noch geht?
Herr Weigle: Das kann durchaus passieren, am Montag – auch aufgrund der vielen Erfahrung. Man hat die Generalprobe, einmal alles durchgespielt, dann das Konzert am Sonntag; da ist eine gewisse Nervosität. Manchmal werden die Sonntagskonzerte mitgeschnitten, und am Montagabend sind die Mikrofone weg – dann ist es im Duktus etwas entspannter. Aus dieser Entspannung kann man dann andere Dinge forcieren, und weil man sich so gut kennt, können andere Dinge passieren. Das nehme ich mir nicht vor, das entsteht. Ich habe einen generellen Fahrplan, der teilweise unterbrochen wird – von dem, was mir an Resonanz, an Harmonie, an Klang angeboten wird. Man merkt, es klingt gerade so schön, und dann gehe ich auch mal von meinem Konzept ab. Aber irgendwo muss ich einen Punkt finden, an dem ich zurückkomme, denn es kann nicht die ganze Zeit in dieser einen Farbe bleiben. Intelligent gebaute Musik führt einen automatisch wieder dorthin – und dafür kann man Mozart, Haydn und Beethoven nicht dankbar genug sein.
Herr Schauß: Das stimmt. Wo Sie gerade die Gefühle ansprechen: Im zweiten Teil kommt dann mit dem Rachmaninow das Risiko, sich gefühlsmäßig treiben zu lassen. Ja, das ist solche Musik – ein Fest für die Streicher und für die Klarinette.
Herr Weigle: Die spielen das hier so schön! Diese Musik könnte ich mir vorstellen, dass sie noch viel länger dauert. Schon als Hörer wird man verführt, sich treiben zu lassen, auch emotional. Klar, das soll sie erreichen. Mein Plan ist es nicht, denn ich muss die Musik bauen, ich muss sie überleiten. Sie ist unglaublich flexibel. Ich baue da Hunderte Dinge ein, die überhaupt nicht in der Partitur stehen, weil die Musik sich teilweise verliert, irgendwo angehalten wird und dann wieder zurückfindet. Eine große Komposition nimmt einen an die Hand und bietet einem das an, auch wenn es nicht vorgeschrieben ist. Im zweiten Satz, im Scherzo, fangen die Cellisten schon mit den Füßen an zu scharren – und ich mache genau die Bogenführung, die Rachmaninow aufgeschrieben hat. Das haben sie schnell begriffen: „Warte, warte, warte.“ Ich muss sie ein bisschen an die Zügel nehmen. Es kann passieren, dass der eine oder andere nervös wird, aber ich weiß, wer es ist; ich schaue sie alle an: Sind wir alle da? Wir warten bitte. Das macht so einen Spaß, darüber freue ich mich.
Herr Schauß: Spielen Sie es ungekürzt? Früher hat man da viel Grausliches angestellt. Ich nenne Ihnen nur eine Zahl: 44 Minuten. Das war früher der Schnitt für eine Rachmaninow-Zweite.
Herr Weigle: Ja, komplett ungekürzt und auch mit Wiederholung – das ist das Entscheidende. Für mich ist das wie ein Rondo: Bestimmte Dinge kommen wieder, immer wieder das Hauptthema. Aber dann versuche ich jedes Mal etwas anderes zu machen – das ist auch der Plan im Wiederholungsteil des ersten Satzes: ein paar Dinge ändern, Tempi, Dosierung. Wir wollen jede Musik jedes Mal frisch erleben. Ich mache hier kein Ritardando, das ich sonst niemals machen würde; ich will einfach nur sehen, ob alle mitkommen.
Herr Schauß: Da freue ich mich, wenn Sie sagen: Bei der Wiederholung mache ich Dinge anders. Das ist für mich immer ein großer Punkt. Ich bin sehr viel in Konzerten und bekomme oft die Krise: Mensch, warum klingt das jetzt genau so wie beim ersten Mal?
Zukunft und Mahler
Herr Schauß: Wenn Sie auf Ihr breites Repertoire schauen – es geht jetzt vor allem um das sinfonische Repertoire … Gibt es etwas, wo Sie sagen: Darauf möchte ich mich in den nächsten Jahren stärker konzentrieren?
Herr Weigle: Es gibt tatsächlich ein paar heimliche Wünsche – Sibelius und Martinů zum Beispiel. Das ist alles im Hinterkopf, kein Versprechen. Martinůs „Juliette“ hat mir einen völlig neuen Kosmos eröffnet, vollkommen. Ich muss mir die Symphonien anhören; ich sitze zu Hause und spiele sie durch – das hat mir Spaß gemacht. Bei Sibelius: Die Erste mache ich schon ewig, dann kam die Fünfte, und jetzt bin ich irgendwo bei der Zweiten. Wir werden sehen. Ich möchte natürlich auch mit einem gewissen Standardrepertoire reifen, deshalb sind mir Wiederholungen manchmal sehr wichtig.
Herr Schauß: Zum Sibelius möchte ich Ihnen einen Tipp geben. Ich habe mich sehr intensiv mit diesem Komponisten beschäftigt. Serge Koussevitzky hat für die Zweite eine eigene Coda geschrieben, ganz am Schluss – und Sibelius hat gesagt, man müsse eine neue Partitur herausgeben, in der das verbindlich steht. Dazu ist es leider nicht mehr gekommen. Schade. Normalerweise ist es immer nur der Wirbel auf einer Pauke; hier geht es auf alle vier im Wechsel. Es ist toll, wie sich das in den Harmonien mischt.
Herr Weigle: Oh, das ist sehr interessant. Ähnliches mache ich zum Beispiel auch bei Prokofjew.
Herr Schauß: Machen Sie in Zukunft mehr Mahler?
Herr Weigle: Nein, bisher habe ich noch nicht so viel gemacht. Die Neunte Mahler habe ich zuletzt hier in Frankfurt gemacht.
Herr Schauß: Und das habe ich damals auch geschrieben. Ich dachte mir: Schau, hier ist einer der wenigen, der es versteht. Sie haben es nicht als Todesmusik musiziert – sondern, so habe ich geschrieben, Sie haben eine Musik des Lebens daraus gemacht. Und es klang, selbst am Schluss, so – und trotzdem schmerzt es, wie ein anderes Leben, unvergesslich. Da ist Ihnen etwas ganz Großes gelungen! Mahler hat sich darin mit seinem Leben auseinandergesetzt und auch an der Zehnten gearbeitet, die er sehr weit vervollständigt hat.
Herr Weigle: Oh, danke, freut mich sehr das zu hören. In meinem Werdegang ist das aber auch der Vorteil einer gewissen Unbedarftheit am Anfang: Man nähert sich einem Werk relativ naiv, hat es nicht schon hundertmal gemacht und gehört und sich von irgendwelchen Dingen verderben lassen – sondern steigt mehr in den Inhalt, genau in die Partitur ein und fragt: Was lese ich denn da? Mahler hat ja wahnsinnig viele Vortragsbezeichnungen geschrieben, die Gefühle vermitteln. Aber ich sage immer: Wo bei mir Todesmusik ist, setze ich in den Tod auch immer eine Hoffnung – eine Hoffnung auf ein anderes Leben. Das ist doch eigentlich etwas Schönes.
Herr Schauß: Ja, das bewerte ich auch sehr positiv. Wenn man nur ins Lamentoso abgleitet und durchweg Todesmusik vor sich hat, immerzu Trauer mit sich herumträgt, dann kann das ganz schnell öde, sehr traurig und vielleicht sogar frustrierend werden. Die Zehnte ist viel vollständiger erhalten, als man gemeinhin vermittelt bekommt. Ich dachte immer, die Zehnte sei nur so ein unvollständiger Torso – dabei hat die Zehnte viel mehr eigene Mahler-Musik als zum Beispiel Mozarts Requiem. Schauen Sie sich einmal den letzten Satz an, wenn Sie Zeit haben, und hören Sie den Anfang und den Schluss. Am Anfang gibt es ein Flötensolo – das schönste Flötensolo, das es im 20. Jahrhundert für ein Sinfonieorchester gibt. Es ist nicht von dieser Welt. Und der zweite Knaller ist der Schluss, der Harmoniewechsel am Ende – da merken Sie, wir sind in einem anderen Kosmos gelandet. Und auch das ist hundert Prozent reiner Mahler.
Herr Weigle: Wow.
Herr Schauß: Also deswegen – das ist etwas für Sie, Herr Weigle.
Herr Weigle: Vielen Dank, das klingt spannend und vielversprechend.
Herr Schauß: Lieber Herr Weigle, ich wünsche Ihnen alles Gute und freue mich mit Ihnen auf das Konzert.
Herr Weigle: Und vielen Dank für die schönen Fragen, auch für den Input. Von Ihnen bekommt man immer so viel Anregung. Das ist großartig. Vielen Dank.
Herr Schauß: Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch und Ihre Offenheit.

