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Ehrlich / Bauer: DER WIENER KONRGRESS

09.04.2014 | buch

BuchCover Wiener Kongress

Anna Ehrlich / Christa Bauer
DER WIENER KONGRESS
Diplomaten, Intrigen und Skandale
304 Seiten, Amalthea Verlag 2014  

Ein halbes Jahr lang, bis zu den Schüssen von Sarajevo, war das Jahr 1914 in der Monarchie ein ganz „normales“. Und so, wie wir heute fast ausschließlich des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs „gedenken“, gab es damals den hundertsten Jahrestag, der sich zwangsläufig aufdrängte: Der Wiener Kongress, der 1814 begann. Für uns wird er von den Ereignissen von 1914 total überdeckt. Man muss dankbar sein, dass neben den Hekatomben Büchern über den Ersten Weltkrieg nun wenigstens ein Buch über den Wiener Kongress erscheint – kein wissenschaftliches, aber sehr, sehr lesbares, faktenreiches und auch aufschlussreiches.

Anna Ehrlich steht in der ersten Reihe der Viennensia / Austriaca-Autorinnen, Christa Bauer ist eine Kollegin in der Welt der Wiener Fremdenführer, die oft so viel wissen wie ausgefuchste Geschichtsprofessoren (weil sie ihr Spezialwissen stets um neue Funde anreichern), gemeinsam verfügen die Damen auch über ein Archiv, dem man das Meiste des Bildmaterials verdankt, das manches über das Bekannte hinaus zeigt.

Im übrigen ist das Buch überzeugend gegliedert, Vorgeschichte des Kongresses bis Nachwirkungen, und so sehr sich die Autorinnen natürlich auf „der Kongress tanzt“ einlassen (fälschlicherweise ist das ja das Markenzeichen dieser „Veranstaltung“ geworden), so sehr berücksichtigen sie auch die politischen Aspekte und die Arbeit, die damals geleistet wurde.

Die Vorgeschichte: Das nachrevolutionäre Frankreich hatte in Napoleon einen genialen General, der Europa mit Kriegen überzog und scheinbar nicht besiegt werden konnte, bis er sich in den verheerenden Russland-Feldzug einließ und schließlich im Oktober 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig vernichtend geschlagen und daraufhin nach der Einnahme von Paris durch seine alliierten Feinde nach Elba abgeschoben wurde.

Das Buch bietet, bei aller Lockerheit der Schilderung, systematische Aufbereitung des Themas – Wien 1814 als Stadt mit voller Lebensrealität geschildert, mit dem immer so reich verbreiteten Vergnügungsangebot (dass damals „zahlreich Theater gegründet“ wurden, stimmt allerdings nicht, und das erwähnte Theater an der Wien war auch keine „Gründung“, nur eine Fortsetzung des Freihaustheaters auf der Wieden im prunkvollen Neubau, den sich Schikaneder dank des  verstorbenen Mozart leisten konnte).

Wesentlich ist auch die Schilderung einer Hofkamarilla und eines Beamtenstaates, ohne den die schier unglaubliche Logistik dieses Kongresses gar nicht möglich gewesen wäre. Und die spätere Welt der Spione in den Welten von heißen und kalten Kriegen des 20. Jahrhunderts (bis heute) kann sich möglicherweise noch immer etwas von dem ausgeklügelten Spitzelwesen damals abschauen…

Die Autorinnen erzählen schließlich von den wichtigsten „heimischen“ Protagonisten, Kaiser Franz I. und Staatskanzler Metternich, der zwischen Bett und Verhandlungstisch schier Unglaubliches leistete, und schildern (voll privater, süffiger Details) die „Gäste“, die sich im Herbst 1814 in Wien einfanden. Sie waren eigentlich zum Arbeiten da, unterhielten sich aber „königlich“: der russische Zar, der preußische König (der geizige Witwer von Königin Luise), die Könige von Bayern, Dänemark, Württemberg, wobei der Spruch, dass Kaiser Franz für alle zahle, wohl nicht ganz falsch war. Das Prestige, den Kongress in Wien zu haben, war teuer.

Die ausführliche Schilderung der Festivitäten liest sich wie die heutigen Adabei-Kolumnen, nur mit etwas mehr Einsicht und Tiefgang analysiert.

Aber die Autorinnen kümmern sich nicht nur um Feste und Liebeleien (wenn auch die dazugehörigen adeligen Damen, die heftig im Geschehen mitmischten, ausreichend vorkommen), sondern auch um die Politik, um die verschiedenen Delegationen und ihre Ambitionen bei diesem Kongress. Es gab viel Streit, Uneinigkeit, Positionskämpfe, machtpolitische Interessen. Metternich musste allerlei einstecken, vor allem das  Verhalten des Zaren. (Schließlich ging es u.a. wieder einmal darum, dass alle sich ein Stück Polen unter den Nagel reißen wollten.) Deutschland und Italien mussten neu geordnet werden.

Dass Politik – bis heute – nicht nur an Konferenztischen gemacht wird, bezeugt übrigens eine Eintragung von Metternichs Mitarbeiter Friedrich Gentz, der sich über die kurländischen Damen erregte, die das Bett seines Vorgesetzten teilten: „Metternich hat diese Weiber seit acht Tagen in alle politischen Geheimnisse eingeweiht; was sie wissen, ist unglaublich.“ Was Gentz nicht hinzugefügt hat: Dass Metternich dieses Wissen vermutlich über andere Kopfpolster wichtiger Mitverhandler verbreitet wissen wollte…

Von Napoleons „Hundert Tagen“, dem Versuch, aus dem Exil zurückzukehren und das Ruder noch einmal an sich zu reißen, nur kurz unterbrochen (März bis Juni 1815, wobei die Alliierten sich noch einmal zur Schlacht von Waterloo zusammen finden mussten), kam man danach ziemlich bald zum Ende und unterschrieb im Juni 1815 die 121 Artikel der Kongressakte: Man hatte Europa neu verteilt, nebenbei auch Ehrenvolles wie die „Abschaffung der Sklaverei“ beschlossen (wofür sich die vor allem betroffenen Amerikaner noch Zeit ließen). Auch hatte man verfügt, dass es keinerlei Diskriminierung der Juden geben sollte (woran sich auch nicht jeder hielt).

Die Autorinnen haben nach- und umgerechnet, wie hoch die Kosten des Kongresses für den österreichischen Staat waren: Man halte sich an – rund hundert Millionen Euro…

Renate Wagner

 

 

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