Anne-Sophie Mutter auf neuen Wegen

Wenn eine Künstlerin nach fünf Jahrzehnten auf den Weltbühnen beschließt, ihr Jubiläum nicht mit einer sentimentalen Rückschau auf die Schlachtrosse des Repertoires zu feiern, sondern eine eigene Edition für das Hier und Jetzt gründet, dann ist das ein Statement. Mit „ASM Forte Forward“ bei Alpha Classics emanzipiert sich Anne-Sophie Mutter endgültig von der Last der Erwartungen, die das klassische Establishment so gerne an seine Superstars heranträgt. Das erste Album dieser Reihe trägt den programmatischen Titel „East Meets West“ und ist weit mehr als eine bloße Zusammenstellung zeitgenössischer Musik. Es ist eine Demonstration, bei der die Violine nicht nur als Instrument, sondern als Medium für globale Diskurse fungiert. Mutter, die einst unter Karajans Fittichen als Wunderkind begann, zeigt sich hier als furchtlose Mentorin und Entdeckerin, die den „merkwürdigen Abstand“ der Moderne mit einer Leidenschaft füllt, die manchem Puristen den Atem rauben dürfte.
Der Einstieg in diese CD könnte kaum radikaler gewählt sein. Mit „Likoo“ der iranisch-niederländischen Komponistin Aftab Darvishi begibt sich Mutter in einen solistischen Grenzbereich. Das Stück, inspiriert von den kargen Landschaften und der kulturellen Melancholie des Irans, fordert der Solistin alles ab. Es ist ein hochgradig intensiver Dialog, den Mutter mit ihrem Instrument führt, ein ständiges Auf und Ab durch die Lagen, das an die mikrotonalen Feinheiten orientalischer Gesänge erinnert. Bestürzend präzise ist das Timing, mit dem sie die Pausen setzt, und bestechend die Dynamik, die vom kaum wahrnehmbaren Hauch bis zum explosiven Ausbruch reicht. Hier wird nicht einfach nur eine Partitur abgearbeitet; hier wird eine Geschichte von Freiheit und Verlust erzählt, die im Kontext der politischen Verwerfungen im Iran eine schmerzhafte Aktualität gewinnt.
Dass Mutter keine Angst vor Reibung hat, beweist sie im folgenden Duett „Gran Cadenza“ der in Berlin lebenden Südkoreanerin Unsuk Chin. Gemeinsam mit der Geigerin Nancy Zhou stürzt sie sich in ein Dickicht aus wilden, aufgekratzten Tonfolgen. Es klingt bisweilen so, als hätten beide Musikerinnen eine schlaflose Nacht hinter sich und würden nun ihre nervöse Energie direkt in die Saiten leiten. Für Liebhaber der gepflegten Dissonanz ist dies ein Festmahl. Chin schreibt nicht gefällig, sie fordert das Äußerste an Bogentechnik und Intonationsreinheit. Die beiden Violinen umkreisen einander wie zwei Raubvögel, verbeißen sich ineinander und finden doch immer wieder zu einer bizarren Harmonie zurück. Es ist eine Virtuosität, die sich nicht selbst genügt, sondern die Ausdrucksgrenzen des Instruments in die Stratosphäre verschiebt.
Den Kern des Albums bildet Jörg Widmanns Streichquartett Nr. 6, die „Studie über Beethoven“. Gemeinsam mit Ye-Eun Choi, Muriel Razavi und Pablo Ferrández begibt sich Mutter auf eine Spurensuche, die das Erbe des Titanen aus Bonn in die Gegenwart überführt. Widmann gelingt das Kunststück, Alt und Neu auf Augenhöhe zu begegnen. Es ist eine Dekonstruktion, die den Geist Beethovens atmet, ohne ihn zu kopieren. Die vier hoch engagierten Musiker lassen jeden Takt so wichtig erscheinen, als hinge das Schicksal der Gattung davon ab. Selbst den schrägsten Einfällen Widmanns – plötzliche Glissandi oder fast geräuschhafte Passagen – folgt man als Hörer bereitwillig, weil die interpretatorische Stringenz keine Zweifel zulässt. Die Zitate aus Beethovens Welt wirken hier wie kostbare Juwelen, die in einer modernen Fassung neu gefasst wurden und dadurch erst ihre wahre Leuchtkraft entfalten.
Den versöhnlichen, fast magischen Abschluss bildet Thomas Adès‘ „Air – Homage to Sibelius“. Begleitet vom London Symphony Orchestra unter der Leitung des Komponisten, taucht Mutter in eine kühle, nordische Aura ein. Faszinierend schwebende Klänge in den hohen Streichern des Orchesters lassen sofort an die weiten Landschaften Finnlands denken. Wie aus einem Dunst heraus schält sich der süße, glasklare Klang von Mutters Violine. Es ist ein Moment absoluter Entschleunigung. Adès nutzt Mutters Fähigkeit, in den höchsten Registern einen Ton von ätherischer Schönheit zu erzeugen, der niemals dünn wirkt, sondern stets einen warmen Kern behält. In dieser „Trauer-Arie“, wie Mutter das Werk selbst bezeichnet, umschmachtet ihre intensive Klangsprache den Zuhörer und führt ihn in eine Welt jenseits der harten Kontraste.
Dieses Album ist mutig. Alpha Classics bietet hier eine Plattform für ein Projekt, das weit über die üblichen Marketing-Strategien der Klassikbranche hinausgeht. Die Aufnahmequalität ist exzellent; sie fängt die feinsten Nuancen der Kammermusik ebenso ein wie die orchestrale Wucht im Finale. Anne-Sophie Mutter beweist, dass man nach 50 Jahren Karriere nicht im Gestern verharren muss, um relevant zu bleiben. Im Gegenteil: Sie nutzt ihre Prominenz, um Stimmen Gehör zu verschaffen, die sonst oft im Schatten der großen Klassiker bleiben. Wer bereit ist, sich auf diese Reise einzulassen, wird mit einem Hörerlebnis belohnt, das lange nachhallt und die Sinne schärft.
Dirk Schauß, im März 2026
East Meets West
Aftab Darvishi – Unsuk Chin – Jörg Widmann – Thomas Adès
Anne-Sophie Mutter (violin), Nancy Zhou, Ye-Eun Choi, Muriel Razavi, Pablo Ferrández (cello), Stephanie Gonley (violin), London Symphony Orchestra, Thomas Adès
Alpha Classics, Alpha 1244

