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DVD: LES TROYENS (London 2013)

04.01.2014 | CD/DVD/BUCH/Apps, dvd

 DVDCover Les Troyens London 2013

Hector Berlioz:
LES TROYENS 
Covent Garden Opera, 2013
Opus Arte

Diese Aufführung der „Trojaner“ in Covent Garden ist für Wien besonders interessant, denn wir werden ja genau diese Produktion an der Wiener Staatsoper zu sehen bekommen (das genaue Datum ist offiziell  nicht bekannt, die nächste Saison wurde noch nicht detailliert angekündigt). Wenn auch vermutlich nicht mit Elina Garanca, wovon einst die Rede war, zumindest hat diese in ihrem Memoirenbuch die Dido (die sie ja schon in Berlin singen sollte und kurzfristig abgesagt hat) nicht mehr unter den zu erarbeitenden Partien erwähnt…

Die „Troyens“ des Hector Berlioz sind – es sind bekannte Wahrheiten, aber sie drängen sich einfach auf, wenn man das Werk sieht (und je größer der Fernsehbildschirm ist, über den man verfügt, umso besser in diesem Fall, denn Gigantomanie ist angesagt) –  ein Monsterwerk, auf jeden Fall nur die Leistungsschau eines ganz großen Hauses, und auch in der Länge ungemein anstrengend, nicht nur für die Interpreten, auch für den Betrachter.

Denn wenn man sich die beiden DVDs hintereinander ansieht, nimmt man viereinviertel Stunden Musik und Bilderfluten vor dem Fernschirm auf sich – in der Oper sind es mit Pausen fünfeinhalb (wie auf der Covent Garden Website rückblickend zu lesen). Man hat immer wieder versucht, die Oper an zwei Abenden zu zeigen – aber das würde doch den „Sog“, in dem man sich befindet, auseinander reißen.

Behagt uns diese Form der „Grand Opera“ wirklich? Es ist wohl Geschmacksache. Optisch hat das Team David McVicar (dem Wien seinen schönen „Tristan“ verdankt) und sein Ausstatter Es Devlin jedenfalls nicht das alte Griechenland beschworen (Kostümbildner Moritz Junge kleidet die Damen lang und elegant, die führenden Herren in Uniformen des 19. Jahrhunderts). Das Bühnenbild ist faszinierend: Die alles verschließende Riesenwand zu Beginn – Troja hinter den Mauern, man spürt die Festung und die Erleichterung jener, die sich hervorwagen, weil sie meinen, die Belagerung sei vorbei. Und doch ist die Mauer ein Eisengerüst des Industriezeitalters – eine der vielen überzeugenden „Verknüpfungen“ der Inszenierung, die Einst und Jetzt mühelos amalgamiert.

Hier wandert die Cassandra der Anna Caterina Antonacci durch das Volk, das heißt, sie „schleicht“ eigentlich bedrückt herum, schließlich hat sie der allgemeinen Hoffnung nur Zweifel entgegen zu setzen. Übrigens muss man gerade bei einem Werk, wo die Bühne so voll von Menschen ist, auch die grundsätzlichen Qualitäten einer bildlichen Aufzeichnung würdigen: Hier hat man jene, die jeweils im Zentrum des Geschehens stehen, dann auch im Zentrum des Bildes. Das und die eingeblendeten Untertitel in der gewählten Sprache helfen, die Übersicht zu behalten. Die Antonacci, um auf sie zurückzukommen, ist das beeindruckende, stimmlich und darstellerisch großartige Zentrum der beiden ersten bewegten Akte. Wobei die Bühnenlösung mit dem Riesenpferd weiterhin stupend bleibt (und gar nicht wie „Kindertheater“ wirkt).

Hier erscheint auch Aeneas, jene Figur, der die beiden Teile des Werks zusammen hält – Akt 1 und 2 spielen bekanntlich im untergehenden Troja, Akt 3 bis 5 dann in Karthago, wo Aeneas „Zwischenstation“ bei Königin Dido macht, bevor er seiner weltgeschichtlichen Mission folgt, Rom zu gründen… Den Aeneas hätte Jonas Kaufmann singen sollen, auch eine Absage (selbst Spitzensänger scheinen sich vor den Riesenpartien des Werks zu fürchten), aber Bryan Hymel sieht ebenfalls gut aus und meistert den Part wirklich fulminant: ein kraftvoller Tenor mit Zukunft. Die vielen kleinen Rollen schon in diesem Teil, die in aller Kürze ihr starkes Profil erhalten müssen, werden die Wiener Ensemblesänger vor große Aufgaben stellen, London hat sehr gut besetzt, wenngleich wir die Akteure meist nicht kennen.

Mit Akt 3 beginnt quasi ein neues Stück und doch nicht, aber jedenfalls erhält der Abend eine neue Heldin: Was zuerst Cassandra war, ist nun – lieblicher, schöner, verführerischer, wenngleich als Charakter auch problematisch – die Dido. Sie wird traditionsgemäß mit einem Mezzo besetzt: an der Met-1983  mit Domingo war es Tatiana Troyanos, Deborah Polaski leistete sich mit ihren hochdramatischen Stimmbändern das Kunststück, 2000 in Salzburg sowohl Cassandra wie Dido zu singen, 2004 in Paris war es Susan Graham (später dann auch wieder an der Met), 2010 in Valencia Daniela Barcellona – all diese Aufführungen sind übrigens zum Vergleich auf DVD erhältlich. So lyrisch und so sehr als „Sopran“ wie Eva Maria Westbroek (die auch mit ihrer rötlich-blonden Haarpracht und in den fließenden Gewändern wunderschön aussieht) hat man die Rolle kaum je besetzt gehört. In den dramatischen Passagen stimmlich ein wenig angespannt, ist sie dennoch eine überaus überzeugende Besetzung der Rolle, vor allem darstellerisch in den Gefühlsfluten, die sie in ihrer Liebe zu Aeneas erlebt und erleidet.

Die Geschichte wird in Karthago – hier ist das Bühnenbild anfangs sehr „nordafrikanisch“ sandfarben und schön mit seiner „stufig“ gebauten Stadt –  nicht zuletzt deshalb so lang, weil es die überbordende Ballett-Musik gibt, wie sie zur Grand Opera unabdingbar dazugehörte (Richard Wagner hatte bei „Tannhäuser“ seine Mühe, den Pariser Anforderungen zu entsprechen), und obwohl das, was Choreograph Andrew George liefert, nicht wirklich lächerlich wirkt (zumal vor einem Bühnenbild, bei dem eine mystische Kugel am Himmel schwebt und ein fesselnder Eyecatcher ist)  – ein bisschen viel ist es schon. Aber der Regisseur wollte eben das ganze Werk, und das ist nur konsequent: Wenn schon, denn schon.

Hier treten auch andere Protagonisten hervor, die hübsche Hanna Hipp als Didos Schwester Anna in besorgten, liebevollen Duetten, Aeneas erscheint auch hier und macht wieder gute Figur, die Rollen von Narbal (Brindley Sherratt) und Iopas (Ji-Min Park) werden wichtig und bekommen einiges zu singen (das Werk hat wahre Virtuosenstücke an Ensembleszenen), und am Ende überschlägt sich die Dramatik geradezu in der herzzerreißenden Trennung von Aeneas, der weg muss, ohne es zu wollen, und Dido, die sich das Leben nimmt.

Es ist ein Werk, das nicht nur einen Regisseur allein vom Handwerk her (die Logistik der Szenen- und Personenführung ist extrem schwierig) bis zum Äußersten fordert und das nur von Meistersängern bewältigt werden kann, auch Chor und Orchester müssen mehr leisten als üblich, und der Royal Opera Chorus und das Orchestra of the Royal Opera House unter der Leitung eines „glühenden“ Antonio Pappano (er trägt in Anerkennung für seine Leistungen in London schon den Titel „Sir“!) lassen keine Wünsche offen.

Kurz, wer sich auf Wien vorbreiten möchte (ein bisschen Kenntnis des Werks schadet keinesfalls, wenn man es offenen Auges und Ohres genießen möchte), dem ist diese DVD anempfohlen. Abgesehen davon, dass sich auch Sängerleistungen im Vergleich besser beurteilen lassen – und London legt die Latte hier wirklich hoch.

Renate Wagner

 

 

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