DUISBURG / Mercatorhalle: 7. SINFONIE von GUSTAV MAHLER – Antrittskonzert von STEFAN BLUNIER als neuer GMD
14.10.2026 (Werner Häußner)

Stefan Blunier. Foto:: Ilja Höpping/Stadt Duisburg
Die Nachricht ist ein Signal der Ermutigung. Der Intendant der Duisburger Philharmoniker, Nils Szczepanski, verkündet vor dem Zweiten Philharmonischen Konzert der Saison: Die Duisburger haben für ihr transkulturelles Musikprojekt „Marxloh Music Circus“ den Preis Opus Klassik 2026 in der Kategorie „Klassik ohne Grenzen live“ erhalten. Seit 2023 begegnen sich in dem Stadtteil Musiker aus der klassischen europäischen Tradition und solche aus türkischen, kurdischen, armenischen, indischen und arabischen musikalischen Welten. In Workshops, Jam-Sessions und gemeinsamen Proben erforschen sie Klangkulturen und entwickeln daraus neue transkulturelle Arrangements und Konzertformate.
Diese gute Nachricht gibt dem Start Stefan Bluniers als neuem GMD einen speziellen Schwung mit: In Städten wie Duisburg mit rasch sich wandelnden Gesellschaften, in denen neue Kulturen jenseits der herkömmlichen bürgerlichen Milieus entstehen, heißt es für Institutionen performativer Künste wie Oper, Orchester, Theater, Tanz, solchen Entwicklungen neugierig zu folgen und sie im günstigsten Fall kreativ mitzubestimmen. Damit sind sie wie ein Labor, in dem überraschend Neues für die Zukunft gestaltet wird.
Was nicht heißt, das „Kerngeschäft“ zu vernachlässigen: Die Duisburger erledigen das seit Jahren mit einer Flexibilität und künstlerischen Qualität, die Blunier nach eigenem Bekunden auch dazu bewogen hat, die Leitung des Orchesters zu übernehmen. Und für das Einstandswerk, Mahlers Siebte Sinfonie, sind diese Eigenschaften unabdingbar, um eine spannende Interpretation zu entwickeln. Mahlers extremem musikalischem Denken, dem geradezu monströsen Einsatz aller Mittel und den weit auseinanderliegenden Polen des Ausdrucks kommen die Musiker nicht mit glatter Perfektion oder Streben nach poliertem Klang nahe. Beispiel Horn: Wenn das Tenorhorn (Matthias Weiß) den eisigen Pianissimo-Marschrhythmus des Beginns in Grund und Boden brüllt, ist es nicht einfach „zu laut“, sondern es gibt einen existenziellen Schrei von sich – einen ins Extrem gesteigerten Klagelaut.
Bleiben wir bei den Hörnern: Die erfüllen ihren Part beileibe nicht „schön“, und in einer klassischen Sinfonie könnte man die Nase rümpfen. Aber bei Mahler sind roh angeblasene, schroffe Töne nötig, soll die ganze zerrissene Charakteristik der Siebten nicht auf eine nettes Spielerei mit Kontrasten eingedampft werden. Und von daher ein Bravo den Philharmonikern (und nicht nur den Hörnern!).
Ein Appetithäppchen von Rameau
Blunier hat vor der Siebten noch eine Überraschung parat: In Zukunft möchte er zu jedem offiziellen Programm ein unangekündigtes „Amuse-gueule“ servieren, ein musikalisches Appetithäppchen von ein paar Minuten, zu unbekannt oder zu kurz, um es in die gängigen Programme zu schaffen, aber wert, genossen zu werden. In Mahlers Falle war es die Ouvertüre zu einer „Pastorale héroïque“ von Jean-Philippe Rameau, „Zaïs“ – und siehe da, man hört in dem erstaunlich modern klingenden Stück den punktierten Rhythmus und das Marschieren aus Mahlers Siebter, in der er ja die Militärmusik-Eindrücke seiner Kindheit in Iglau verarbeitet haben dürfte.
Blunier lässt dieses militärische Getön mit aller Wucht stampfen, ohne den unerbittlichen Charakter durch überdrehte Lautstärken erzeugen zu wollen. Das posaunengeführte Blech marschiert schweren Schritts, die Musik verdichtet sich wild, getrieben, exaltiert, ein überraschender, greller Flötenblitz ist nur eines der Details. Blunier lässt nie zu, dass solche Finessen im Gepränge untergehen. In allen fünf Sätzen bemühen sich die Philharmoniker – meist mit Erfolg – die klanglichen Ballungen transparent zu halten. Wo es entscheidend auf den Dirigenten ankommt, etwa bei den subtilen Übergängen, ist Blunier die gespannte Aufmerksamkeit selber: Er signalisiert seinen Musikern mit Gestik, Mimik, Körperbewegung, welche Emotion jetzt deutlich werden soll. Das sind keine Dirigententänzchen, sondern ein Ausdruckswille, der sich in der Aktion des Körpers manifestiert.
In jedem der unterschiedlichen Sätze schaffen es die Duisburger, neue Farben zu entdecken: gemüthaft, anheimelnd, verstörend, schroff, idyllisch. Im zweiten Satz beeindruckt, wie ein behaglicher Marsch von einem gespenstischen Irrwisch weggefegt wird. Der vierte Satz wirkt mit seinen Gitarren- und Mandolinenklängen, als habe Mahler das Bild eines Nazareners oder eine Idylle von Ludwig Richter oder Carl Spitzweg vertont.
Das Final-Rondo lässt Blunier differenziert ausmalen: Wie sich bei einem Sonnenaufgang die Farben des Himmels minütlich verändern, tauchen die Philharmoniker den C-Dur-Sonnenschein in immer neues Leuchten – ein faszinierendes Spektrum sich steigernder Farbwerte, aber nie das undifferenzierte Lärmen, mit dem mediokre Aufführungen dieser Sinfonie oft zu Ende gehen. Endlich haben die Lebenshast, die drängende Unruhe, der Weg „per aspera ad astra“ ihre Erfüllung. Eine, die glänzt und jubelt, ohne die Schmerzen des Weges zu vergessen. Jubel auch im Publikum: Stefan Blunier ist in Duisburg punktgelandet!
Werner Häußner

