DUISBURG: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Neuinszenierung
6.10. 2022 (Werner Häußner)

Szene während der Ouvertüre. Foto: Hans-Jörg Michel
Die Traumfabrik Kino, Illusion und Vision zugleich, ist der Fluchtort für Senta in Vasily Barkhatovs neuem „Fliegenden Holländer“ an der Deutschen Oper am Rhein. In einem provinziellen Lichtspieltheater besucht ein Mädchen einen Film über den ruhelosen Seefahrer und ist von da an fasziniert. Immer wieder will sie Segelschiffe und Wellenberge erleben, auch wenn sich der Vater davonstiehlt und Tante Mary sich mit einem fremden Mann im leeren Kino vergnügt.
Das Kino als Ort unerfüllter Lebensträume hat bereits Kay Metzger als Setting seiner „Holländer“-Inszenierung gewählt, die in Detmold, Ulm und zuletzt in Meiningen zu sehen war. Barkhatov spitzt das Geschehen noch zu: Bei Kuntze ist der Holländer ein Mann, der sich ehrlich um die junge Senta bemüht, aber erkennen muss, dass er für den Teenagers lediglich Ersatzfigur für das projizierte Idol bleibt. Bei Barkhatov ist er der Gestalt gewordene Protagonist des Films, der zwischen den Karussellpferdchen eines Jahrmarkts erscheint. Doch im Finale, als er sich selbst erklärt („Befragt die Meere aller Zonen …“), nimmt er den gewaltigen Pelzmantel und grauen Bart ab. Zum Vorschein kommt ein ganz normaler junger Mann, der sich plaudernd unter die Menge mischt. Der Holländer? Ein bloßer Mummenschanz.
Erlösung ist Illusion: Diese „Holländer“-Lesart, die spätestens seit Harry Kupfers Inszenierung in Bayreuth 1978 zum common sense geworden ist, radikalisiert Barkhatov zur Verschwörung einer Gesellschaft, die in der kunterbunten Wimmelbühne Zinovy Margolins und den Plüsch- oder Plastik-Wikingerhelmen von Kostümbildnerin Olga Shaishmelashvili nur noch dem Oberflächenreiz von Dönerbuden und Billigläden huldigt. Der Chor der Holländer-Mannschaft tönt aus den Lautsprechern, die zu einer Fußball-Übertragung auf einem riesigen LED-Screen gehören. Allerdings ist „von der Mannschaft keine Spur“; man erkennt nur schattenhafte Bewegung.
Alles ist also perfide inszenierter Betrug – wenn man einem projizierten Text folgt, ein Versuch Dalands und wohl auch Eriks, Senta ihren Traum auszutreiben, sie zum angepassten Mitglied einer provinziellen Kleinstadtgesellschaft von heute zu machen: Eine Konversationstherapie durch ziemlich zynisches Theater. Und für Senta eine erschütternde Katastrophe, der sie sich entschieden entzieht: In der „Verklärung“ am Ende umwallen die Harfen eine gealterte Senta, die sich alleine, in den Pelz des „Holländer“ gehüllt, ihren Lieblingsfilm anschaut.
Das Problem an Inszenierungen dieser Sorte: Sie entwerten die tiefe Tragik der Figur des Holländers, der zu einer bloßen Funktionsfigur in der Psychose von Senta degradiert wird. Die Spannung zwischen den beiden löst sich auf, der Fortgang der Handlung konzentriert sich lediglich darauf, welche seelische Katastrophe am Ende auf Senta wartet. Die „aufrichtige, pure Romantik“ der Liebe Sentas, die Barkhatov im Programmheft rühmt, wird zur puren Obsession. Ein Fall für den Psychiater – so hat Isolde Vetter bereits in den siebziger Jahren den „Fliegenden Holländer“ beschrieben.
Dass es Wagner – und hier ist er durchaus ein Romantiker – um eine unerhörte, konsequente, erlösende und daher wohl utopische Liebe geht, wird in einem solchen Setting für „verrückt“ erklärt. Der Regisseur gestaltet sehr eindrücklich den Anpassungsdruck der gleichförmigen Gesellschaft, deutlich fokussiert in der Figur des Erik, der ein Wachmann oder ein netter Pizzabote sein könnte. Die Reaktion Sentas bleibt bei Barkhatov diejenige eines pubertierenden Teenagers, ausgedehnt auf Lebenszeit.
Musikalisch sorgt Patrick Lange am Pult der soliden Duisburger Philharmoniker für einen feingliedrigen, dramatisch oft im Niedrigvoltbereich glimmenden Wagner. So hört man eher die Reminiszenzen an Beethoven, Marschner oder Bellini, weniger den Musikdramatiker des „Ring“. Patrick Francis Chestnut hat den Chor der Deutschen Oper am Rhein auf einen scharf konzentrierten Klang hin getrimmt, der vor allem den Matrosen und Mädchen des dritten Aufzugs Wucht und Brillanz gibt. Unter den Sängern ragt der standfeste Daland von Hans-Peter König heraus, der seine Töne unfehlbar in den Raum projiziert. Als Steuermann glänzt David Fischer mit seinem locker geführten, mit schönem Timbre aufblühenden Tenor. Der „Holländer“ Jordan Shanahan, als Retter der Vorstellung aus London eingeflogen, muss bisweilen mit Power die Klippen seiner Partie umschiffen, zeigt aber vor allem in seinem Monolog, wie sinnig er mit dem Text umgehen kann.
Susan Maclean ist als gereifte Mary bereit, ihrer Ziehtochter die Liebes-Flausen mit Gewalt auszutreiben. Norbert Ernst ist stimmlich über die Rolle des Erik, ihre dramatischen Ausbrüche und ihre kantable Lyrik weit hinaus. Als Gast extrem kurzfristig aus Meiningen mit dem Zug angereist und für die erkrankte Gabriele Scherer eingesprungen, setzt sich Lena Kutzner von der Seite mit Verve, aber auch gewinnender Lyrik für den „bleichen Mann“ ein. Die Sängerin gehört seit 2021 zum Ensemble des Meininger Theaters und hat dort u.a. als Elsa und Elisabeth, aber auch in der Titelrolle der vergessenen Oper „Santa Chiara“ von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha Erfolge gefeiert.
Werner Häußner

