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DÜSSELDORF / Tonhalle: ESSENER PHILHARMONIKER mit Kevin Chen und Andrea Sanguineti – Tschaikowsky, Shor, Schubert

10.04.2026 | Konzert/Liederabende

 

DÜSSELDORF / Tonhalle: ESSENER PHILHARMONIKER mit Kevin Chen und Andrea Sanguineti – Tschaikowsky, Shor, Schubert (8. April 2026)

Kevin Chen brilliert in Shors Klavierkonzert – Sanguineti krönt den Abend mit einem elektrisierenden Schubert

Peter I. Tschaikowsky: Capriccio Italien op. 45 / Alexey Shor: Klavierkonzert Nr. 1 / Franz Schubert: Symphonie Nr. 8 C-Dur D 944 „Große“. Essener Philharmoniker, Dirigent: Andrea Sanguineti, Klavier: Kevin Chen.

Von Stefan Pieper

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Andrea Sanguineti. Foto (c) Michael Schäfer 

Die Essener Philharmoniker unter ihrem Generalmusikdirektor Andrea Sanguineti gastierten in der Düsseldorfer Tonhalle mit einem Programm, das auf dem Papier heterogen wirkte, sich im Saal aber als dramaturgisch treffsicher erwies: Tschaikowskys farbiges Capriccio Italien als Auftakt, das Klavierkonzert Nr. 1 von Alexey Shor als zeitgenössischer Mittelpunkt, Schuberts „Große“ C-Dur-Symphonie als sinfonischer Schlussstein. Ein Abend, dessen Spannungsbogen sich konsequent aufbaute und im Schubert seinen Höhepunkt fand – nicht zuletzt dank Kevin Chen, der Shors Konzert mit technischer Souveränität und lyrischer Intensität zum Leuchten brachte.

Sanguineti disponierte Tschaikowskys Capriccio Italien mit zügigen Tempi und markanter Akzentuierung. Die Streicher setzten von Beginn an auf Fülle und Temperament, die kantablen Mittelpartien gerieten warm phrasiert, die Holzbläser leuchteten in differenzierten Farben. Das tänzerische Finale entwickelte eine mitreißende rhythmische Energie. Die spezielle Akustik der Tonhalle verlangt gastierenden Orchestern eine Phase der Eingewöhnung ab – umso bemerkenswerter, wie rasch die Essener Philharmoniker zu einem ausbalancierten Klangbild fanden. Bereits im Verlauf des Capriccio war zu beobachten, wie sich die Orchestergruppen zunehmend aufeinander einhörten und die Tutti-Passagen an Transparenz gewannen. Spätestens ab dem Shor-Konzert saß die Balance auf den Punkt.

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Foto:  (c) Michael Schäfer 

Das 2023 in Berlin uraufgeführte Klavierkonzert Nr. 1 ist Alexey Shors erstes großformatiges Werk für Klavier und Orchester. Es umfasst rund 25 Minuten und folgt einem klassischen Dreisatzmodell. Im Mai 2025 erschien bei Alpha Classics eine Einspielung mit Behzod Abduraimov und dem Royal Philharmonic Orchestra unter Vasily Petrenko, gekoppelt mit Prokofjews zweitem Klavierkonzert. Die Noten werden bei Breitkopf & Härtel und der Universal Edition verlegt. Seit der Saison 2024/25 ist Shor Composer-in-Residence beim Oxford Philharmonic Orchestra. Zu den Interpreten, die sich für sein Œuvre einsetzen, zählen Maxim Vengerov, Evgeny Kissin, Mikhail Pletnev und Gil Shaham.

Shors Tonsprache ist bewusst tonal und melodisch geprägt. Das Konzert setzt auf solistisch geführte Themen mit leicht osteuropäischer Färbung, einen transparenten Klaviersatz und eine dialogische Orchesterbehandlung, die das Klavier als gleichberechtigten Partner führt. Der erste Satz bringt prägnante Themen in klarer Periodik, virtuose Passagen, die nie Selbstzweck werden, und eine Kadenz, in die sich allmählich Orchesterstimmen integrieren. Der langsame Satz bildet das lyrische Zentrum: weit ausschwingende Melodien über ruhig geführtem harmonischem Fundament – eine Passage, bei der der Saal spürbar zur Ruhe kam. Das Finale setzt auf rhythmische Markanz und tänzerischen Vorwärtsdrang. Hervorzuheben ist die Artikulationsarbeit von Sanguineti und dem Orchester: präzise dosierte Dynamik, sorgfältig modellierte Übergänge, Sforzati, die Akzente setzten, ohne den Fluss zu brechen. Shors Partitur fordert differenziertes Musizieren nicht nur ein, sie belohnt es auch. Eine Musik, die alle Aspekte sinfonischer Dramaturgie ernst nimmt und zugleich unmittelbar zugänglich bleibt – im gegenwärtigen Konzertbetrieb keine Selbstverständlichkeit. Herzlicher, anhaltender Beifall.

Kevin Chen, Gewinner des Concours de Genève und des Franz Liszt Wettbewerbs in Budapest, erwies sich als idealer Interpret. Sein Anschlag verbindet Leichtigkeit mit durchgehender klanglicher Präsenz. Die technisch anspruchsvollen Passagen bewältigte er mit einer Selbstverständlichkeit, die auf hohe pianistische Reife schließen lässt – keine Spur von Anstrengung, alles im Dienst des musikalischen Ausdrucks. Im langsamen Satz formte Chen die langen Melodielinien mit Geduld und natürlicher Phrasierung. Im Finale fand er die Balance zwischen virtuosem Drive und rhythmischer Kontrolle. Die Zugabe bestätigte den Eindruck eines Pianisten mit breitem Ausdrucksspektrum, dessen weitere Entwicklung mit Interesse zu verfolgen sein wird.

Sanguineti zeigte über den gesamten Abend eine Dirigiersprache von bemerkenswerter Differenziertheit: feine, ausdrucksstarke Gesten, die zwischen Sparsamkeit und plötzlicher Impulshaftigkeit wechseln. Das Orchester reagierte mit einer Sensibilität, die auf gewachsenes musikalisches Einverständnis hindeutete. Sanguineti führt über Impulse, nicht über Kontrolle – eine Eigenschaft, die dem Abend eine Lebendigkeit verlieh, die über das Einstudierte hinausging.

Den Höhepunkt bildete Schuberts „Große“ C-Dur-Symphonie. Sanguineti wählte eine stringente, vorwärtsdrängende Gangart, die jede museale Behäbigkeit vermied, ohne die architektonischen Proportionen zu gefährden. Ein Schubert als lebendiger Organismus, nicht als Denkmal. Der Hornruf des ersten Satzes öffnete einen weiten Raum, der sich in der Durchführung konsequent entfaltete. Das Andante gestaltete Sanguineti als Spannungsfeld zwischen lyrischer Innigkeit und dramatischem Aufruhr – das Liedhafte, das Motorische, die durchgehende Wanderer-Bewegung: alles mit präzisem Proportionsbewusstsein herausgearbeitet. Das Scherzo kam kraftvoll und federnd, das Trio mit ländlerhafter Eleganz. Das Finale entwickelte eine motorische Dringlichkeit, die fast ekstatische Züge annahm und die Symphonie in triumphaler Klarheit beschloss. Die Essener Philharmoniker spielten auf einem Niveau, das den Vergleich mit prominenteren Klangkörpern nicht scheuen muss. Streicher, Bläser und Schlagwerk agierten als homogener Organismus mit beeindruckender dynamischer Bandbreite. Eine der überzeugendsten Schubert-Aufführungen, die in jüngerer Zeit in der Region zu hören waren – auch weil die beiden vorangegangenen Werke den Spannungsbogen des Abends konsequent vorbereitet hatten.

Ein klug disponierter Abend: Tschaikowskys Farbenpracht, Shors melodische Unmittelbarkeit, Schuberts architektonische Weite – drei Perspektiven auf orchestrale Kunst, die sich zu einem überzeugenden Ganzen fügten. Die Essener Philharmoniker präsentierten sich als vielseitiger Klangkörper auf der Höhe seiner Möglichkeiten. Kevin Chen bestätigte seinen Rang unter den bemerkenswertesten jungen Pianisten seiner Generation. Und Andrea Sanguineti erwies sich als Dirigent mit klarer Handschrift und der Fähigkeit, ein Orchester zu lebendigem, differenziertem Spiel zu führen.

Stefan Pieper

 

fotos (c) Michael Schäfer 

 

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