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DÜSSELDORF/ Ballett am Rhein: A SIMPLE PIECE – Filmstream der Choreographie von Demis Volpi

13.03.2021 | Ballett/Tanz

Düsseldorf: Ballett am Rhein „A SIMPLE PIECE“ – Filmstream der Choreographie von Demis Volpi

asimplepiece buehne 71p foto danielsenzek
Copyright: Ballett am Rhein

Seinen Start als Direktor des Balletts am Rhein zu Beginn dieser Spielzeit nach dem Wechsel von Martin Schläpfer zum Wiener Staatsballett hatte sich Demis Volpi gewiss anders vorgestellt. Gewaltig waren die Pläne des aus Argentinien stammenden Mittdreissigers für seine erste Saison, die auch gleichzeitig den Einstieg in die erste leitende Stelle für den ehemaligen Tänzer und bis 2017 dem Stuttgarter Ballett als Hauschoreographen eng verbunden gewesenen Künstler bedeutete. Bereits im Vorfeld musste er für die ersten Vorstellungen im Herbst aufgrund der Corona-Maßnahmen umplanen, weshalb er nun zusammen mit dem Filmemacher Ralph Goertz die Idee entwickelte, seine neueste Choreographie, die es im Oktober vor dem erneuten Lockdown gerade noch zur Premiere vor Publikum geschafft hatte, als stream der besonderen Art festzuhalten. Anstatt der sonst üblichen Abfilmung einer Bühnenveranstaltung wurde hier in einem Take durch die Integrierung der Kamera in die Choreographie ein ganz neuer Blickwinkel entworfen, der es zudem ermöglichte die Zahl der ursprünglich 8 TänzerInnen wie aus dem Nichts heraus zu verdoppeln und wieder zu reduzieren.

Ausgangspunkt von Volpis choreographischer Idee bildet die viersätzige Vokal-Komposition „Partita for 8 voices“ der dafür 2013 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten Amerikanerin Caroline Shaw. Als „a simple piece“ bezeichnete sie dieses Stück und lieferte damit auch den Werktitel der Choreographie. Es mag im Ansatz einfach sein, aber seine Struktur bietet für einen tänzerischen Dialog enorme Herausforderungen, vor allem wenn es wie von Volpi gewünscht nicht um bloße Verdoppelung oder Kommentierung der musikalischen Vorgabe geht. Sich anfangs wiederholende Textansagen gehen unmittelbar in eine Sprachmelodie, eine Art Kanon über, der sich dann immer wieder in einzelne Stimmen aufsplittet und zwischen fast überirdisch schönen Sequenzen wechselnd in ein Murmeln, Seufzen, lautes Atmen oder eine Art Geräusch-Rhythmus übergeht. Dabei entstehen Klangwirkungen zwischen ekstatischer Freude und merkwürdig reibenden Irritationen, deren Unmittelbarkeit und Sogwirkung bei genauem Hinhören und Einlassen für überraschende Spannungen sorgt.

Den strengen formalen Gegensätzen begegnet der Choreograph mit dem Folgen der musikalischen Strukturen, mit einer Reaktion, bei der jede Bewegung einzeln gefunden und zu einer durchdeklinierten Kette zusammen gesetzt wurde, die dann wie eine Welle durch die Gruppe wandert, wodurch wiederum eine faszinierende Dynamik innerhalb des Ensembles entsteht.

Sind im ersten Satz vor allem Oberkörper und Arme Ausdrucksträger, verlagert sich dieser später in die Hüfte und die Knie und führt letztlich den Einsatz des ganzen Körpers zusammen. Balancen in der Vorstufe zu Arabesquen und diverse Rondes de jambes sind ein Verweis auf Volpis mit neoklassischen Elementen immer aufs Neue spielendemn und variierendem Stil. Kombiniert werden sie hier mit einer Vielzahl von Körper-Haltungen, so als würden die TänzerInnen den Vokalstimmen etwas ablauschen und deren Schwingungen folgen.

Das Aufeinandertreffen von strenger Formalität und unmittelbar aufbrechender Reaktion findet sich auch in den Kostümen von Carola Volles. Die Kombination aus weiten steifen schwarzen, einer Arbeitskluft ähnelnden Hosen mit aufgenähten Taschen und luftigen Fashion-artigen weißen Oberteilen hat einen eigenen Reiz, der den Bewegungen Erdiges und Schwebendes gleichermaßen angedeihen lässt. Die vielfach betonten Formulierungen der Arme zwischen Heranziehen und Ausschwingen als Reaktion auf den musikalisch-rhythmischen Verlauf tragen den Atem der Stimmen weiter in den Raum. Dass dies selbst auf dem Bildschirm ein Stück weit spürbar wird, beweist mit wieviel Mühe und Detail-Fitzeln Choreograph und Filmemacher Hand in Hand gearbeitet haben.

Gegen Ende wird der zunächst dunkle Zuschauerraum des Düsseldorfer Opernhauses sichtbar; die nie solistisch, sondern immer als Gruppe wahrnehmbaren TänzerInnen aus der 44köpfigen Companie des Balletts am Rhein sitzen mit dem Rücken dazu, legen sich hin, heben noch einmal ab vom Boden, winden, drehen und verneigen sich auf den Knien, bis zuletzt nur noch eine Tänzerin ins Zentrum rückt und dann wie weggewischt verschwindet. Zurück bleibt der nun erleuchtete Zuschauerraum, in dem sich golden das Licht bricht und eine Schneise auf die Bühne wirft (Lichtgestaltung: Volker Weinhart).

Demis Volpi hat schon in seinen Stuttgarter Arbeiten immer wieder durch sein enormes Gefühl für Raumwirkungen und seine äußerst spezielle Musikauswahl begeistert. Es bleibt zu hoffen, dass auch seine weiteren Kreationen von dieser Gabe profitieren und sich das von großen Vorgängern durchaus anspruchsvoll geprägte Publikum am Rhein davon begeistern lässt.

Udo Klebes

 

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