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DRESDEN/UFA -Filmpalast/ MOSKAU/ Das Bolschoi-Ballett im Kino: DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG

25.01.2016 | Ballett/Tanz

Live aus dem Bolschoi Theater Moskau: “DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG“ ALS BALLETT“ – 24.1.2016

Ein Franzose, Jean-Christophe Maillot, schuf für die Ballettcompanie des Bolschoi Theaters Moskau eine zündende Choreografie nach der englischen Komödie „Der Widerspenstigen Zähmung“ („The Taming of the Shrew“) von William Shakespeare, die in Italien spielt, mit der Musik des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch – viel Internationalität und ein harmonisches Ganzes.

Shakespeares Komödie erfreute sich schon zu ihrer Entstehungszeit großer Beliebtheit. Später reizte der Stoff zu so mancher Umsetzung in ein anderes Genre. George Sidney schuf eine legendäre Verfilmung mit dem Traumpaar Richard Burton und Elisabeth Taylor (1953) und Cole Porter das nach wie vor beliebte Musical „Kiss me Kate“ (UA 1948).

John Cranko wurde von Shakespeare zu seinem Ballett „Der Widerspenstigen Zähmung“ mit Musik von Kurt-Heinz Stolze angeregt, das 1969 vom Württembergischen Staatstheater uraufgeführt wurde, und Maillot schuf zu Musik von Schostakowitsch das köstliche zweiaktige Ballett gleichen Namens, das jetzt live aus dem Bolschoi Theater Moskau weltweit in 1000 Kinos übertragen wurde. Eines davon war der Ufa Kristallpalast in Dresden mit einem seiner einladenden großen Kinosäle.

Schon das Sujet enthält so viel Zündstoff, Witz und lebensvolle Spannung, dass es in jeder Fassung immer wieder herzerfrischend über die Bühne geht. Bei Schostakowitschs Musik denkt man unwillkürlich auch an den „großen Holzhammer“, der in vielen seiner Kompositionen immer wieder alle guten Gedanken zerschlägt als Wiederspiegelung der Repressalien durch die Kulturpolitik der UdSSR, hier aber klingt sie unbeschwert und humorvoll.

Musik und Tanz könnten nicht besser zusammenpassen. Maillot schuf eine Choreografie, die ganz den Nerv dieser Musik trifft und von den Solistinnen und Solisten sowie dem Bolschoi Ensemble in ihrer spezifischen Eigenart erfasst und genau umgesetzt wird.

Bevor das Spiel beginnt, stolziert eine aufreizende junge Dame mit Stiletto-Absätzen und Zigarette vor dem Vorhang auf und ab, macht es sich bequem, zieht die Stöckelschuhe aus und die Ballettschuhe an, münzt den Begrüßungsapplaus des Dirigenten auf sich, lässt den Maestro warten, beginnt ihre Fingernägel zu feilen und treibt die Spannung bzw. Ungeduld auf den Höhepunkt. Der Dirigent kann warten und tut es geduldig – auch eine Idee für ein Entree.

Schließlich schiebt sich die Schöne durch den sich öffnenden Vorhang auf die Bühne, der Dirigent hebt den Taktstock und ein rasantes Tanzspiel beginnt, sehr komisch, sehr dynamisch, mit „endlos“ schönen Pirouetten, langen Serien gleichartiger Sprünge und gekonnten, humoristischen Hebefiguren, die ganz im Sinne einer heiter-grotesken Auseinandersetzung der widerspenstigen Katharina mit ihrer Situation und ihrem widerspruchsvollen Charakter sind.

Sie möchte nicht heiraten, aber eigentlich doch, und sie soll es auch als die ältere der beiden Töchter eines wohlhabenden Baptisten, und zwar zuerst, damit auch ihre umschwärmte, schöne, liebenswerte und gutmütige jüngere Schwester Bianca endlich ihrem Lucentio das Ja-Wort geben kann. Als Baptist gibt Artemy Belyakov eine gute Figur ab, ein authentisch wirkender Charakterdarsteller, und als Bianca zeigt Olga Smirnova in traditioneller, klassischer Weise ihre Tanzkünste gemeinsam mit Semyon Chudin als Lucentio.

Dieses Paar bildet den Gegenpart zu der sehr selbstbewussten, launischen Katharina, die sich in ihrem tiefsten Inneren doch nach Zärtlichkeit sehnt und dem zunächst griesgrämig wirkenden, sich machohaft gebärdenden, in Wahrheit aber herzensguten und schließlich doch ganz netten Petruchio als skurilles Paar.

Ekateterina Krysanova haucht der Figur der Katharina in köstlicher Weise Leben ein. Sie stellt ihr tänzerisches Können ganz in den Dienst einer tieflotenden Charakterstudie. Allein ihre oft „abgeschmackte“ Mimik in minutiösem Emotionswechsel zwischen Abwehr und Hoffnung, wenn sie selbstbewusst, aber im Widerstreit mit sich selbst hin und hergerissen scheint, was man eben nur in einer Live-Übertragung mit guter Bildregie deutlich sehen kann und was so manchem Zuschauer „vor Ort“ entgeht, ist herzerfrischend und köstlich. Die Krysanova ist eine starke Ausdruckstänzerin, beherrscht auch die klassischen Elemente, kann so ziemlich alles, gibt eine gute Figur ab, und geht vor allem ganz in ihrer Rolle auf.

Die gesamte Aufführung lebt von ihr und ihrem abwechselnd abgewiesenen, heimlich begehrten und schließlich doch glücklich geheirateten Petruchio, verkörpert von dem genialen Vladislav Lantratov, der genau so zwiespältig ist und ihr mit seinen Tanzkünsten in nichts nachsteht – letztendlich doch ein kongeniales Paar, nicht nur seitens der beiden Rollen, sondern auch in der tänzerischen Umsetzung.

Gleich zu Beginn des 2. Aktes bildet ein grandioser „Hochzeits“-Pas-de-deux der beiden den tänzerischen Höhepunkt, technisch nicht leicht, aber ganz groß getanzt, absurd, grotesk und ausdrucksstark im sich immer wieder wechselnden Annähern und Auseinanderstürmen, in einer Fülle von Komik und tänzerischen Glanzleistungen, alles in entsprechendem Tempo. Die zahlreichen, sehr guten Tanzleistungen und Hebefiguren bedingen sich gegenseitig und bilden eine Einheit. Sie werden in der Umsetzung der Musik in Tanz durch eine gut durchdachte Choreografie auf den Punkt gebracht.

Unter der Leitung von Igor Dronow gab das Bolschoi Theater Orchester Schostakowitschs Musik sehr eindrucksvoll in ihrem Farbenreichtum und ihrer humorvoll narrativen Struktur wieder. Als Bühnenbild genügen sechs, ein wenig unterschiedlich hohe, Prismen-artige Säulen und eine teilbare zweiläufige Treppe, auch als Hälften genutzt, um die Szenen eindeutig zu charakterisieren – eine sinnvolle Beschränkung auf das Wesentliche. Das Verschieben der Elemente auf offener Bühne belebt die Szene.

Die Kostüme sind vielseitig, nicht sehr aufwändig, aber optisch wirksam. Sie charakterisieren in schlichter Unmittelbarkeit die agierenden Personen. Es gibt Reminiszenzen an die klassische Tradition, wie z. B. Biancas (sich ein wenig öffnendes) Hochzeitskleid und u. a. eine Art „Tutu“ für Katharina (das muss in Russland mit seiner sehr vielschichtigen Bevölkerungsstruktur sein) und gemäßigten modernen Elementen. „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“, das wusste schon Goethe.

Maillots moderat moderne, schlüssige Shakespeare-Adaption begeisterte Jugendliche und Traditionalisten, Anspruchsvolle und Unkonventionelle, denn sie war schlüssig, amüsant, kurzweilig und vor allem allgemein verständlich. Nicht nur das Publikum im Moskauer Bolschoi Theater amüsierte sich köstlich.

Ingrid Gerk

 

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