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DRESDEN/ Staatsschauspiel: DORIAN – ein Text von Darryl Pinckney nach Motiven von Oscar Wilde 

10.01.2023 | Theater

Dresden / Staatsschauspiel: DORIAN 09.01.2023

luci
Christian Friedel. Foto: Lucy Jansch

Kaum zu glauben, aber es ist wahr, diese Produktion von „Dorian“, ein Text von Darryl Pinckney nach Motiven von Oscar Wilde und quasi in Szene gesetzt vom legendären Starregisseur Robert Wilson, welchen der Rezensent bisher nur durch seine Opern-Kult-Inszenierungen von „Aida“, „Madama Butterfly“, „Pelleas et Melisande“ und „Der Ring des Nibelungen“ kannte, war die erste Arbeit des amerikanischen Künstlers in Dresden, ja sogar in Ostdeutschland (Berlin ausgenommen). Wilson entwarf das Konzept, die Regie, die Bühne und das Licht. Auch wenn das mit dem Dresdner Staatsschauspiel in enger künstlerischer und produktiver Kooperation stehende Schauspielhaus Düsseldorf (derzeit wohl NRWs erfolgreichstes Sprechtheaterhaus) für diese Produktion das Recht der ersten Nacht hatte (Uraufführung dort im Juni 2022, später wechselt diese Inszenierung zum 3. Kooperationspartner, das Nationaltheater Kaunas), war der Erfolg und das Interesse an diesem Stück hier in Dresden nicht gering und brachte dem Staatsschauspiel bereits in den ersten drei Vorstellungen ausverkaufte Säle. 

Das in drei Teile gegliederte Stück, welches mehr ein Melodram darstellt, denn die Texte von Darryl Pinckney nach Motiven aus Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ und den Brieftexten zwischen Wilde und seinem Geliebten Alfred Douglas, werden zu achtzig Prozent durch Musik untermalt, was vor allem dem intensiven Zuhörer einiges abverlangt in dem 90 Minuten pausenlos gespielten Theaterabend.

Mit der eigentlichen Handlung des Romans hat dieses Stück nicht viel zu tun und zeigt mehr oder weniger den Zerfall des Dandys alias Dorian Gray, welcher einen langen Weg des psychischen Verfalls absolviert, nach dem Verkauf seiner Seele der ewigen Schönheit wegen. Ein Bildnis existiert nur als veraschendes, durch asymmetrische Striche modernes Bild, was aber nichts anderes darstellt als die Einheitsfarbe des ganzen Ateliers, dem Bühnenbild des 1. Teils. Wunschdenken, Verrücktheit, Eitelkeit, Narzissmus und Selbstherrlichkeit, alle späteren negativen Eigenschaften des Dorian, werden in dieser Version extrem deutlich und drastisch dargestellt. Was Schönheit essentiell ist, überlässt Robert Wilson unserer Fantasie. Diese Entrückungsreise des Gray schildert uns Wilson als große Show, ja manchmal sogar als Cabaret und leider auch als etwas zu primitives Popkonzert, und gibt dem Theater-Pop zu viel Zucker. Besonders berührt der 1. Teil, welcher aus dunkler Tiefe und absoluter Stille sich wie ein langsames Crescendo entwickelt und durch 2 brachiale Akkordschläge wieder in die verrückte Dorian-Realität zurückholt. Wilsons Opernhandschrift ist hier gar nicht zu erkennen, aber seine Ausstattung und komplexe Machart berührt wie eh und je, wie auch die szenische Umsetzung des Hauptdarstellers dieses Quasi-Einmannstückes, des mittlerweile wieder zum Dresdner Schauspielstar avancierten Christian Friedel. Dieser Künstler der Superlative vollführt einen Spagat des ganz großen Theaters. Da spricht (eh logisch) Friedel auf höchstem und wortdeutlichstem Niveau, mal schnell, mal langsam, mal hysterisch, dann wieder berührend verinnerlicht, miaut (Straßenkaterassoziation) in allen möglichen Lagen und Facetten, tanzt, verrenkt sich akrobatisch, parodiert Dialekte (warum die Geschichte von Jesus auf Sächsisch im Nina-Hagen-Brustton gegeben werden musste – nun ja) und singt vor allem sehr, sehr gut. Bei letzterem wird Friedel selbstverständlich von seiner Band „Woods of Birnam“ begleitet. Selbst Koloraturen, in der Falsettlage der eines Countertenors ähnlich, meistert der Künstler intonationssicher und auch die finale Steppeinlage.

Mit dieser Produktion hat das Staatsschauspiel wieder einmal gezeigt, auf welchem positiv hoch künstlerischem Weg es sich derzeit befindet und hat eine zweite Friedel-Kultproduktion im Repertoire. Eine Karte für dessen aktuelle Macbeth-Inszenierung zu bekommen, in der er auch die Titelpartie spielt, ist zum Beispiel sehr schwer, man sollte diese und die jetzige Dorian-Produktion aber nicht versäumen.

Rico Förster

 

 

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