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DRESDEN/ Staatsoperette: MÄRCHEN IM GRAND HOTEL von Paul Abraham. Erste Premiere der neuen Spielzeit

27.09.2020 | Operette/Musical

Dresden / Staatsoperette: ERSTE PREMIERE DER NEUEN SPIELZEIT: „MÄRCHEN IM GRAND-HOTEL“ VON PAUL ABRAHAM – 26.9.2020

Die Operetten von Paul Abraham erleben seit 2013 in Deutschland eine Renaissance. Auslöser war die Inszenierung seiner Operette „Ball im Savoy“ an der Komischen Oper Berlin. 2017 folgte dort das „Märchen im Grand-Hotel als konzertante Aufführung, das 2018 am Staatstheater Mainz und 2019 an der Staatsoper Hannover und am Staatstheater Meiningen komplett aufgeführt wurde.

Die, 1934 im Theater an der Wien uraufgeführte, Lustspieloperette nach Alfred Savoir mit einem Libretto von Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda wurde jetzt an der Staatsoperette Dresden in der Fassung der Komischen Oper Berlin als erste Premiere der neuen Spielzeit mit zwei Akten und einem Vor- und Nachspiel auf die Bühne gebracht, womit dem Regieteam unter Cornelia Poppe mit Esther Dandini, Ausstattung, Mandy Garbrecht, Choreographie und Alexei C. Bernard, Stepptanz, gleich ein „großer Wurf“ gelang, für den es vom Publikum nur ehrlich gemeinten, begeisterten Beifall (und keine „Buh“-Rufe!) gab.

„Zur Einstimmung“ wurde das Foyer in eine „Hotellobby“ mit Postern aus der Vergangenheit der großen Stars und Musik als Erinnerung an die Glanzzeiten der Operette „verwandelt“, einschließlich Talkrunde und Live-Musik, was sich allerdings in dem weitläufigen Foyer mit seinen rohen, in diesem Haus sehr unschönen, Ziegelwänden verlor.

Umso stimmiger entführte das Bühnenbild mit perfekt gemalter, illusionistischer Kulisse und großer schwungvoller Treppe in ein „echtes Grand Hotel“ vergangener Zeiten. Davor nahm das mit den nötigen Abständen platzierte Orchester der Staatsoperette den Mittelteil der Bühne ein und ließ unter der Leitung von Peter Christian Feigel keine Wünsche offen. Es bot den Sängerinnen und Sängern ein sicheres Fundament und sorgte für mitreißende Stimmung und Verve, ohne die eine Operette keine Operette ist.

Die neue, sogenannte „Bühnenpraktische Rekonstruktion“ von H. Hagedorn und M. Grimminger auf der Grundlage der verloren geglaubten und wiederentdeckten Originalpartitur ermöglichte es, ein der Entstehungszeit typisches Klangbild mit den Mitteln eines heutigen Theaterorchesters wieder erlebbar zu machen, ohne antiquiert zu wirken. In der abwechslungsreichen Musik mit teilweise ungarischem Kolorit (Abraham war Deutsch-Ungar) von Walzer bis Tango, von Foxtrott bis Jazz, klingt auch hier, wie in den anderen musikalisch rekonstruierten Abraham-Operetten, der „deutsche Gershwin“ an, bei dem auch zeitgenössische Experimente, insbesondere in der Instrumentation, nicht fehlen.

Die Operette lebt von den zündenden Melodien und vom Tanz, der sich, die Handlung in ständigem Fluss durchdringend, ergänzend und „kommentierend“, durch den gesamten Abend zieht, perfekt ausgeführt vom Ballett der Staatsoperette, aber auch von den Sängerinnen und Sängern, die Erstaunliches zeigten. Da war Andreas Sauerzapf als Erzähler (Conférencier), Zimmerkellner Albert und Hotelerbe in spe in seinem Element. Er konnte sich auf sein vitales Spiel, Bewegung und gut verständliche Sprache (was leider nicht mehr selbstverständlich ist) konzentrieren und auch so manches überspielen.

Gero Wendorff begeisterte als Prinz Andreas Stephan ebenfalls mehr mit amüsanter Darstellung und tänzerischen Einlagen als mit schmelzendem Gesang. Bryan Rotfuss als Sam Makintosh, Marcus Günzel als M. Chamoix, Hausmeister oder – sehr zur Freude des Publikums – eine Gräfin mit Stöckelschuhen imitierend, und auch das Herrenquartett mit Friedemann Condé, Georg Güldner, Michael Kuhn und Andreas Pester verlegten sich vorwiegend auf Tanz und humoristische Darstellung, was in der Operette kein Fehler ist.

Als moderne weibliche Persönlichkeit trat die singende und tanzende Laila Salome Fischer als Marylou/Mable auf. Beate Korntner verlieh mit echtem Operettengesang, guter Diktion und zuverlässiger Höhe sowie entsprechender Contenance der Infantin Isabella den nötigen Operetten-Glamour.

Sie alle tummelten sich auf der in moderner Abstraktion ausgestatteten Aktionsfläche vor dem Orchester, und sorgten für eine abwechslungs- und temporeicheiche Handlung, die von den Librettisten als Parodie des Genres Operette mit ihren Konflikten und Missverständnissen infolge von Standesunterschieden und Identitätswechsel angelegt wurde. Nur Isabella und der Prinz, die ein Traumpaar werden sollten, erscheinen zu Beginn wie in einem schönen Operetten-Traum im Hintergrund in der Kulisse des „Grand-Hotels“ und tanzen „Menuett“, bis sie sich nach vorn ins verwirrende Geschehen begeben, bei dem der Prinz zwar nicht den Kopf, aber seinen überhöhten Kopfputz verlor – auch kleine Theaterpannen müssen sein!

Wie in allen Abraham-Operetten ist hier der „Dreh“ dass sich die Paare über Kreuz finden und nicht – wie zuvor üblich – jeder auf seiner Gesellschaftsebene – eine Reminiszenz an die neue, andere Zeit. Hier trifft die „entthronte“ spanische Infantin auf den Zimmerkellner und ein Filmteam aus Hollywood, wobei letztendlich beide die „Rettung“ und das Happy end bringen. Diese Operette aus den 30er Jahren bietet genügend Zündstoff zwischen Herkömmlichem und Moderne, so dass auf eine grundlegende “Modernisierung“ aus gutem Grund verzichtet wurde. Es gab nur eine gegenwärtig bedingte „Corona“-Anpassung wegen der Vorschriften wie die Aufführungsdauer von 90 min. Bei so viel Dynamik und Witz auf der Bühne hätte man gern noch länger zugeschaut, aber das größte Lob für eine Aufführung ist doch, wenn sie zu kurz erscheint.

Die hier praktizierte, neuartige, sehr wirkungsvolle Bühnengestaltung und Regie als Verbindung von modernem Regietheater und traditionellem Glanz und Glamour in Erinnerung an die einstige Blütezeit der Operette, was nur auf der neuen Bühne des Hauses optisch so wirkungsvoll zu realisieren ist, dürfte allen Ansprüchen gerecht werden und jedem das Bringen, was er sich erhofft.

Ingrid Gerk

 

 

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